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Datenvernetzung statt Fragebogen

Alle zehn Jahre wieder werden in den meisten Ländern der Welt demografische - und darüber hinaus führende - Daten eingeholt. Die Europäische Union (EU) schreibt eine Volks- und Wohnungszählung in allen Mitgliedsstaaten für 2011 vor. Erstmals sollen dabei in Österreich aber nicht mehr alle Bürger befragt werden.

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Die „registergestützte Volkszählung“ wertet die bereits vorhandenen Melde- und Verwaltungsregister aus. Die Methoden der Datenerhebung sind allerdings von Land zu Land verschieden. Während unter anderem in Griechenland, Großbritannien, Irland, Luxemburg, Portugal, Tschechien und Ungarn Daten nach wie vor ausschließlich mittels Fragebögen und Interviews gesammelt werden, gewinnen vor allem nordeuropäische Staaten wie Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden, nun aber auch Österreich und Slowenien die benötigten Informationen ausschließlich aus vorhandenen Verwaltungsdatenbanken.

In Deutschland, Spanien und den Niederlanden gibt es Mischformen - z. B. traditionelle Volkszählungen, die mit einer Registernutzung kombiniert werden sowie Registerzählungen, die mit einer Stichprobe ergänzt werden wie in Deutschland. In Frankreich werden jährlich Daten mittels direkter Befragung eines Teils der Bevölkerung erhoben.

Fragen über Fragen

In Österreich werden jedenfalls keine Fragebögen mehr auszufüllen sein wie noch bei der letzten Volkszählung 2001. 2000 beschloss der Ministerrat, die Zählung 2011 als reine Registerzählung durchzuführen. Das Prinzip ist recht einfach, wenn auch in der technischen Umsetzung komplex: Dabei werden verschiedene Datenbanken vernetzt und anonymisiert ausgewertet - vom Zentralen Melderegister über das Bildungsstandregister bis hin zu Daten der Sozialversicherungsträger. Mitbekommen wird das niemand mehr.

„Wir zählen, und keiner merkt es“, formuliert es Manuela Lenk von der Statistik Austria gegenüber ORF.at. Sie beziffert die Kosten für die Registerzählung mit zehn Millionen Euro gegenüber 72 Millionen Euro Kosten der letzten Volkszählung 2001.

Infos mit Lücken

Parallel zur klassischen Volkszählung führt die Statistik Austria auch die „Arbeitsstättenzählung“ und die „Gebäude- und Wohnungszählung“ durch. Für Letztere gibt es ein eigenes Gebäude- und Wohnungsregister. Für die Arbeitsstättenzählung werden Daten des Arbeitsstättenregisters und der Sozialversicherung ausgewertet, daraus ergibt sich auch eine Pendlerstatistik. Insgesamt werden Daten zu sieben Bereichen erhoben: Demografie, Bildung, Haushalt und Familie, Pendler, Erwerbstätigkeit, Arbeitsstätten sowie Gebäude und Wohnungen - mehr dazu in Statistik Austria/Registerzählung 2011.

Der Umfang der Daten wird dabei laut Statistik Austria nicht über den der Volks-, Gebäude- und Wohnungszählung sowie Arbeitsstättenzählung 2001 hinausgehen. Im Gegenteil: Umstrittene Fragen wie jene nach der Religionszugehörigkeit werden in der neuen Registerzählung nicht mehr erhoben. Sie könnten aber, ebenso wie Fragen nach der Umgangssprache, laut Registerzählungsgesetz per Verordnung des zuständigen Bundesministers erhoben werden. Das wird bei der Statistik Austria nicht erwartet.

Auch bestimmte Eigenschaften des Pendlerverhaltens (Zeitaufwand, Art des Verkehrsmittels sowie Pendelhäufigkeit) sowie Erhebungen zum Beruf sind heuer nicht mehr möglich, da derartige Informationen nicht in den Registern enthalten sind.

„Generalinventur der Bürger“

Lenk weist gegenüber ORF.at darauf hin, dass der Datenschutz bei der neuen Registerzählung besser als bei der traditionellen Volkszählung sei, da die Daten nicht mehr mit Namen, sondern mit verschlüsselten Zahlencodes verknüpft seien. ARGE-Daten-Leiter Hans Zeger sieht das ganz anders. Er spricht gegenüber ORF.at von einem „Registerwahn“, bei dem nicht gezählt, sondern eine „Generalinventur der Bürger“ gemacht werde.

Es würden „absurd viele Daten abgefragt“, was niemand verlange. Somit stelle sich primär die Frage, ob die Registerzählung überhaupt ein notwendiger Eingriff in die Privatsphäre der Bürger sei. Lenks Argument lässt Zeger freilich auch nicht gelten. Die Daten werden demnach nicht anonymisiert, sondern „pseudonymisiert“, d. h. sie bleiben, auch wenn sie verschlüsselt sind, personenbezogen, da Namen jederzeit wieder zugeordnet werden können.

„Wer hat am 27. 3. bei Ihnen übernachtet?“

Im Gegensatz zur traditionellen Volkszählung, wo der Befragte immerhin noch die Entscheidung darüber hatte, was er über sich preisgibt, seien nun bereits im Vorfeld massiv Daten in den einzelnen Behörden abgeglichen und vereinheitlicht worden, die nun jederzeit per Knopfdruck zusammengeführt werden können, kritisiert Zeger. In Großbritannien, wo heuer noch einmal traditionell „gezählt“ wird, darf man jedenfalls gespannt sein, wie viele Briten sich beim Glaubensbekenntnis dieses Mal als „Jedi-Ritter“ ausgeben - 2001 waren es Hunderttausende.

Auch hier ist die Kritik an der Volkszählung groß, die angesichts ihres Fragebogenvolumens sowie ihrer Kosten von 482 Millionen Pfund (549 Mio. Euro) als monströs empfunden wird. Unter anderem wird nach der Heizungsart, der Anzahl der Schlafzimmer, den Sprachkenntnissen, der Arbeitsadresse sowie sogar danach gefragt, wer an einem bestimmten Tag (konkret der 27. März) in dem eigenen Haushalt übernachtet hat - samt Angaben über Alter, Geschlecht und regulärem Wohnort der genannten Personen. "Kein anderes freies Land benötige dieses Ausmaß an Detailwissen, wird Alex Deane von „Big Brother Watch“ in der britischen Tageszeitung „Guardian“ im März zitiert. Bis Anfang April bleibt Zeit, die Fragen zu beantworten, sonst droht eine Strafe.

Trickbetrüger und gesperrte Einreichportale

Auch Datenschützer in Deutschland sehen viele Fragen als überflüssig, sinnlos und gefährlich an. Probleme anderer Art werden aus Tschechien berichtet, wo die Volkszählung Betrüger auf den Plan gerufen hat, die sich als Zählkommissare Zutritt zu Wohnungen verschafften. In Lettland wiederum traten bereits am ersten Tag nach Beginn der Volkszählung Anfang März bei der Eingabe der Daten via Internet massive Probleme auf.

Hier wie auch in Litauen begann die Volkszählung mit einer zweiwöchigen Frist, in der die Bürger die Fragebögen im Internet ausfüllen konnten. Danach wird die Erhebung jeweils auf traditionellem Weg fortgesetzt. In Lettland musste das Einreichportal auf Betreiben der staatlichen Datenschutzkommission kurzerhand gesperrt werden. Als Begründung wurden Bedenken im Hinblick auf mangelnde Identitätssicherheit genannt.

Österreich-Start im Herbst

Ernst wird es in Österreich erst im Herbst. Eine Proberegisterzählung fand bereits 2006 statt. Die eigentliche Registerzählung startet mit 31. Oktober 2011. Die Daten müssen bis 30.6.2012 geliefert werden. Danach werden sie ausgewertet und müssen bis 2014 an die EU weitergegeben werden.

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