Post vom Jugendfreund
Im Indie-Universum werden Arcade Fire seit ihrem Debütalbum 2004 als eine der wichtigsten Bands, wenn nicht die Wichtigste überhaupt, gehandelt. Letztes Jahr ist mit „The Suburbs“ ihr drittes Album erschienen. Dreieinhalb Jahre hat sich die Truppe rund um das Ehepaar Win Butler und Regine Chassagne dafür Zeit gelassen - die Erwartungen waren entsprechend groß.
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Auf einem der Pressefotos zum neuen Album ist Sänger Win Butler auf einem Fahrrad abgebildet, was nicht schlecht zur Musik passt. Arcade Fire preschen durch die 16 Songs von „The Suburbs“, als ob sich Lars Ulrich und Jan Ullrich vereint hätten, um mit einer Double-Basedrum in 300-Kilometer-Etappen auf einer Tour de Force durch die Vorstädte ihrer Kindheit zu rasen. Das geht in die Wadln.

Eric Kayne
Arcade Fire, im Dschungel vor der Stadt. Rechts auf dem Fahrrad Win Butler, in der Mitte seine Frau Regine Chassagne.
Wer eine Anlage mit Equalizer-Anzeige hat, sieht die Pegel recht ausgeglichen auf hohem Niveau stagnieren - es ergibt sich eine konstante Linie, so dicht ist der Klang, so sehr fügen sich die folkigen Mid- und Uptempo-Rhythmen mit den eingängigen Post-Punk-Riffs und Akkordfolgen zu einer gemäßigten, aber beständigen Wall of Sound zusammen. Das entspricht, wie sich aus den Texten heraushören lässt, der Erinnerung von Butler an seine Jugend in den Suburbs von Houston, Texas. Der Exzess blieb aus, aber die Gedanken flogen dahin, von Großem wurde geträumt, in Gesprächen wurde nichts weniger als der „suburban war“ geplant, ihn jedoch zu führen hätte „gelangweilt“. Die Oberfläche blieb glatt, aber darunter brodelte es. Das Innenleben verlief als Sinuskurve, das Leben als Gerade.

Universal Music
CD-Hinweis
Arcade Fires Album „The Suburbs“ ist bei Universal erschienen.
Anstoß durch Jugendfreund
In einer Pressemitteilung und in Interviews mit den Magazinen „Rolling Stone“ und „Musikexpress“ nahm Butler zur Motivlage für das Album Stellung. Er und seine Frau hätten sich Zeit lassen wollen und auf Inspiration gewartet. Nach dem stressigen Tourleben der letzten Jahre richtete sich das junge Ehepaar in Kanada häuslich ein. Ein Tagesrhythmus, bei dem man auch einmal die Tages- und Jahreszeiten mitbekommt, sollte den Kopf frei machen für etwas Neues. Den Ausschlag für den Beginn der Arbeit an „The Suburbs“ gab dann der Brief von einem Jugendfreund, mit dem Butler in der Vorstadt von Houston aufgewachsen war.
Der Freund, den Butler schon seit vielen Jahren aus den Augen verloren hatte, schickte ein Foto von sich mit, sein Kind auf den Schultern. Im Hintergrund sah man das Shoppingcenter, in dem die beiden als Jugendliche immer herumgelungert waren. Butler entschloss sich, die Orte seiner Adoleszenz aufzusuchen, und die Eindrücke von dieser Reise verarbeitete er in den Songs von „The Suburbs“.
„Half Light II (No Celebration)“ (Textauszug):
When we watched the markets crash,
The promises we made were torn.
Then my parents sent for me,
From out west where I was born.
(...)
Now that you have left me here, I will never raise my voice.
All the diamonds you have hid,
In this home which has no life.
Oh this city’s changed so much
Since I was a little child.
In „Underground“ abgetaucht
In seiner ehemaligen Heimat stolperte er nicht zuletzt über die Folgen der Wirtschaftskrise. Durch diese wird es irrelevant, ob man sich gegen das System Vorstadt wehrte oder brav mitmachte - weil der Banken-Crash den Bezugsrahmen sprengt. Der Mittelstand schrumpft, Häuser stehen leer, Shopping-Malls sind verwaist. Der Traum der Eltern ist geplatzt, nur dass er nicht von wildem, jugendlichem Widerstand zunichte gemacht wurde, sondern von Banken, die hart am Betrug agierten, und von gewissenlosen Spekulanten.
Jene, die geblieben sind, haben sich arrangiert. Butler, der lieber in den ortlosen „Underground“ abtauchte, ist heute ganz anders als sie - nicht zuletzt weil er andere Musik hört. Aber langsam kommen Zweifel in ihm auf, ob er deshalb wirklich etwas Besseres ist, er begibt sich, als „moderner Mensch“, auf die Suche nach universalen Werten, die in der Vorstadt genauso gelten wie im Club. Die Liebe und die Sehnsucht nach ihr etwa - beides kennt er aus seiner Jugend, und die Erinnerung ist lebendig: „I never saw you again. Now the cities we live in could be distant stars. And I search for you in every passing car.“
„City With No Children“ (Textauszug):
I used to think I was not like them,
But I’m beginning to have my doubts,
My doubts about it.
When you’re hiding underground, the rain can’t get you wet.
But do you think your righteousness could pay the interest on your debt?
I have my doubts about it.
Manchen der Songs kann man sich nicht entziehen, sie werden zu lästigen Ohrwürmern, lästig wegen ihrer hämmernden, stampfenden Rhythmen, die ein Nebenherhören fast unmöglich machen. Auch musikalisch gibt es Abstecher in die 80er Jahre, sogar ABBA werden zitiert. Erst muss man seinen Widerstand aufgeben und die Platte immer und immer wieder hören. Nach gut zehn Tagen ist dann entschieden, ob „The Suburbs“ bleibt oder nur ein Lückenfüller war, weil letztes Jahr eine Zeitlang die großen Heuler bei den Albumveröffentlichungen fehlten. Für viele hat sich mittlerweile herausgestellt: Diese Platte bleibt. Und das wurde nun auch bei den Grammys gewürdigt.
Hülle in acht Varianten
Dazu trägt auch das Cover-Artwork von Caroline Robert bei. Die Hülle gibt es in acht verschiedenen Varianten, man kauft sie nach dem Zufallsprinzip. Im Booklet zur CD finden sich alle Bilder ebenso wie auf der Website von Arcade Fire (nur bei der LP fehlen sie). Würde man die Gemälde Edward Hoppers umdrehen, auf der Rückseite könnten solche Fotos zu sehen sein. Wo Hopper die Selbstinszenierung der Vorstadtbewohner zulässt und kommentiert, zeigen die von Robert heftig durch den Photoshop-Wolf gedrehten Aufnahmen von Gabriel Jones auf „The Suburbs“ Motive klassischer „Backyards“ und Garagen, immer von einem stilisierten Auto aus aufgenommen. Passend dazu heißt es in der ersten Textzeile des ersten Songs, der wie das Album „The Suburbs“ heißt: „In the suburbs I, I learned to drive and you told me we’d never survive. Grab your mothers keys we’re leaving.“
Simon Hadler, ORF.at
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