„Gespenstische Ruhe“ am Roten Meer
Während in Ägyptens Städten die Proteste unvermindert weitergehen, wird die Lage für die Bevölkerung immer problematischer. Seit Tagen funktionieren Bankomaten nicht, Banken sind nur teilweise offen. Viele Geschäfte haben aus Angst vor Panikkäufen geschlossen. Selbst Urlauber, die noch am Roten Meer ausharren, bekommen die Auswirkungen langsam zu spüren.
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Der Alltag sei schwieriger geworden, berichtete die Österreicherin Andrea Ghoneim-Rosenauer am Donnerstag im Gespräch mit ORF.at aus Kairo. Einige Geschäfte mussten wegen Panikkäufen zusperren, Brot sei knapp und teurer geworden. Lebensmittel würden teilweise mit Obstkarren in die Stadt gebracht. „Die Lage ist je nach Bezirk sehr unterschiedlich“, schildert Ghoneim-Rosenauer ihren Eindruck.
Während in den Außenbezirken viele Geschäfte offen haben und die Menschen normal ins Büro fahren, bleiben in Zentrumsnähe die Männer daheim, um ihr Haus zu bewachen. Seit rund einer Woche haben die Banken geschlossen. Laut Regierungschef Ahmed Schafik soll der Geldverkehr frühestens am Sonntag wieder aufgenommen werden.
Firmen schlossen ihre Produktionsstätten
Vielen - vor allem ausländischen - Unternehmen ist die Situation in Ägypten zu gefährlich geworden. Sie haben schon vor Tagen damit begonnen, ihre Mitarbeiter auszufliegen. So haben die Lebensmittelkonzerne Nestle, Danone und Unilever ihre Produktionsstätten und Hauptquartiere in Kairo vorübergehend zugesperrt, wie „Australian Food News“ berichtete. Auch der französische Handelskonzern Carrefour hat seine sieben Outletcenter geschlossen.

AP/Victoria Hazou
Lange Schlangen von Ausreisewilligen vor dem Flughafen von Kairo
Laut der österreichischen Wirtschaftskammer sind auch rund 700 heimische Firmen in Ägypten aktiv. Der Mineralölkonzern OMV hat seinen österreichischen Mitarbeiter und dessen Familie vorübergehend nach Österreich zurückgeholt. Die Casinos Austria haben ihre Zweigstelle in Kairo geschlossen. Nur wenige Unternehmen wie die US-Giganten Heinz und Pepsi versicherten, ihre Mitarbeiter seien „sicher“ und die Produktion nicht beeinträchtigt. Aber auch Pepsi hat sein Management längst außer Landes gebracht.
Reiche Ägypter verlassen das Land
Aber nicht nur Ausländer verlassen das Land. Auch die ägyptische Oberschicht hat bereits bei den ersten Anzeichen von Gewalt ihre Koffer gepackt. Jeff Taylor von „The Economic Voice“ berichtet in seinem Ägypten-Blog, dass allein am Wochenende 19 Privatjets vom Flughafen Kairo aus gestartet seien. Die meisten flogen Richtung Dubai, im Gepäck viele Millionen Dollar, die der ägyptischen Wirtschaft langfristig abgehen werden.
Zudem kostete Ägypten das Abschalten des Internets und der Telefonleitungen bis zu 90 Millionen Dollar (69 Mio. Euro), wie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Donnerstag vorrechnete. Gleichzeitig warnt die OECD vor längerfristigen Folgen. „In Zukunft wird es noch schwieriger sein, ausländische Firmen ins Land zu locken und ihnen einen stabilen Zugang zur Kommunikation zu garantieren“, so die OECD.
Wirtschaftlicher Schaden „enorm“
Der wirtschaftliche Schaden sei für das Land enorm, betätigte der österreichische Handelsdelegierte in Ägypten, Kurt Altmann, der APA. „Wegen der Ausgangssperren können die Menschen ihren Beschäftigungen nicht nachgehen. Die Börse ist geschlossen, Banken sind geschlossen, Supermärkte werden geplündert“, schilderte Altmann die Lage. Viele Ägypter leben von Gehaltskuverts, die sie täglich oder wöchentlich von ihren Arbeitgebern bekommen. Solange die Firmen geschlossen sind, sind auch viele Menschen ohne Einkommen.
Hinzu kommt die hohe Inflation von 16 bis 20 Prozent. Ein Kilo Äpfel koste mittlerweile fünf Dollar (3,65 Euro), so Altmann. 2010 sei die Kaufkraft aufgrund der sprunghaft nach oben ziehenden Lebensmittelpreise stark zurückgegangen. Ägypten importiert bis zu 80 Prozent der benötigten Lebensmittel und ist von internationalen Preisfluktuationen erheblich betroffen.
Tourismus leidet unter Reisewarnungen
Besonders hart treffen die Massenproteste aber den Tourismus. Mit einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund zwölf Prozent und zwei Millionen Beschäftigten ist der Tourismus einer der bedeutendsten Wirtschaftssektoren des Landes. 2009 besuchten etwa 12,5 Millionen Urlauber Ägypten und sorgten für einen Umsatz von 10,8 Milliarden Dollar (7,88 Mrd. Euro). Viele Länder haben mittlerweile eine Reisewarnung für Ägypten ausgegeben.

APA/EPA/ANP/Robin Utrecht
Leere Liegen am Strand von Scharm al-Scheich
Zwar wird vor allem am Roten Meer von den Hotel- und Ressortbetreibern versucht, den Gästen einen unbeschwerten Aufenthalt zu bieten, doch auch hier zeigen sich erste Auswirkungen. So seien die Bankomaten leer, berichtete der österreichische Ägypten-Urlauber Herwig Kovacic der APA am Mittwoch. Der arabische Fernsehsender al-Jazeera sei im Hotelzimmer nicht mehr zu empfangen.
In den Hotels der ägyptischen Touristenstadt Hurghada sei es „gespenstisch ruhig“, so Kovacic. „Erst wenn man in die Stadt fährt, sieht man Panzer und militärische Checkpoints“, an wichtigen Punkten würden Soldaten stehen. Als „gefährlich“ oder „bedrohlich“ empfand der Wiener die Situation aber nicht.
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