ÖVP und SPÖ diskutieren seit 1969
Zur Zeit von Kaiserin Maria Theresia war es einfach: Die Schulordnung sah vor, dass der Unterricht zwischen 8.00 und 11.00 Uhr (im Winter) bzw. 7.00 und 10.00 Uhr (im Sommer) sowie zwischen 14.00 und 16.00 Uhr zu erteilen ist. Erst 1919 empfahl der sozialdemokratische Schulreformer Otto Glöckel den Landesschulräten „ungeteilten Vormittagsunterricht“, 1927 wurde das in Gesetzesform gegossen.
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Die intensive Kontroverse zwischen SPÖ und ÖVP über die Ganztagsschule - bei der sich Unterricht und Erholungsphasen über den Tag abwechseln - begannen in den 1970er Jahren.
ÖVP: „Zwangstagsschule“
1969 nahm die SPÖ gleichzeitig mit der Errichtung der Gesamtschule auch jene der Ganztagsschule in ihr Programm auf. Die pädagogischen Ziele und Konzepte der Gesamtschule seien dort am besten umsetzbar, hieß es damals.
Die ÖVP bekämpfte die Ganztagsschule vehement und bedachte sie mit Namen wie „Zwangstagsschule“, durch die „die Elternfunktion der Erziehung und die Bindung an die Familie entscheidend geschmälert“ würden. Gleichzeitig trat sie aber für einen Ausbau der freiwilligen ganztägigen Betreuung mit Förderunterricht und Lernhilfe durch Erzieher, Tutoren und Eltern am Nachmittag ein - auch „Tagesheimschule“ genannt.
SPÖ gegen „reine Verwahrung“
Im Rahmen der Schulreform 2005 kündigte die damalige Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) an, ganztägige Betreuung zum Regelfall zu machen - auch an „echten Ganztagsschulen“, wenn sich zwei Drittel der Eltern einer Schule dafür aussprechen. Gleichzeitig zweifelte Gehrer aber den tatsächlichen Bedarf an und warnte davor, „Schulen vollkommen vom Familienleben und der Gesellschaft abzutrennen“. Die SPÖ wetterte unterdessen gegen eine „reine Verwahrung“ der Schüler am Nachmittag.
Mittlerweile haben sich die Fronten aber aufgeweicht: Beim Schulgipfel im November 2010 einigten sich die Koalitionsparteien SPÖ und ÖVP auf den Ausbau der Ganztagsschule. Die ÖVP betonte allerdings einmal mehr die „Wahlfreiheit“ der Eltern.
Weit verbreitet in Frankreich und Skandinavien
Unter „Ganztagsschule“ werden derzeit noch immer zwei unterschiedliche Organisationsformen verstanden. Viele denken dabei an Vormittagsunterricht und optionale Nachmittagsbetreuung. Ganztagsschule im eigentlichen Sinn ist aber die „verschränkte Form“, bei der über den Tag verteilt Lern- und Freizeitphasen wechseln. Die Ganztagsschule nimmt im Zuge der Diskussion über Chancengleichheit in ihrer Verbreitung zu. Besonders weit verbreitet ist die Schulform in Frankreich und Skandinavien. In Frankreich gibt es Ganztagsschulen schon seit 1880.
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