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Architektur als „dritter Pädagoge“

Der Ausbau der Ganztagsschule ist beschlossene Sache: Im November einigten sich SPÖ und ÖVP darauf, die Zahl der Ganztagsplätze jährlich um 15 bis 20 Prozent zu steigern. Doch Schulgebäude, in denen Schüler und Lehrer den ganzen Tag verbringen, stellen ganz neue Herausforderungen an die Architektur: Sie sollen nicht Lern-, sondern Lebensraum sein.

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Die meisten Schulen seien für den Ganztagsbetrieb ungeeignet, sagte die Bildungssprecherin der Wiener Grünen, Martina Wurzer, bei der Präsentation des Bildungsschwerpunktes der Stadt Wien im Jänner. Es genüge nicht, „nur Küchen und Speisesäle einzubauen“.

Rückzugsnischen, Leseecken, Platz für Bewegung

„Ein Stück Heimat“ müsse die Ganztagsschule sein, so Karin Schwarz-Viechtbauer, Direktorin des Instituts für Schul- und Sportstättenbau (ÖISS), im Interview mit ORF.at. Durch den verschränkten Unterricht der Ganztagsschule, bei dem sich Lernen und Freizeit über den Tag verteilt abwechseln, sei die bisherige Trennung in Unterrichtsräume und Freizeiträume nicht mehr sinnvoll. Die Ganztagsschule brauche Räume zum Lernen - mit Rückzugsnischen und Leseecken -, die größer sein müssten als die herkömmliche 60-Quadratmeter-Klasse.

Auch offene Arbeitsbereiche außerhalb der Bildungsräume und großzügige Pausen- und Bewegungsflächen soll die moderne Ganztagsschule haben, so Schwarz-Viechtbauer. Dabei gilt es einige Details zu beachten: So müsse etwa beim Brandschutzkonzept darauf geachtet werden, dass auch Teile des Gangs als Arbeitsbereiche genutzt werden können.

Vorbild Skandinavien

Plattform schulUMbau

Die Plattform schulUMbau will Denkanstöße für einen zeitgemäßen Schulbau liefern. Die interdisziplinäre Gruppe - bestehend aus Pädagogen, Architekten und Behörden - erstellte eine „Charta für die Gestaltung von Bildungseinrichtungen des 21. Jahrhunderts“.

Die Architektur spiele als „dritter Pädagoge“ neben den Mitschülern und den Lehrern im Ganztagsbetrieb eine noch wichtigere Rolle als in einer Halbtagsschule, so der Architekt Christian Kühn, Professor an der TU Wien und Gründungsmitglied der Plattform schulUMbau. In Skandinavien werde die Schule schon seit Jahrzehnten nicht als Belehrungsanstalt, sondern als Lebensraum verstanden. Der Status des Lehrerberufs sei in Skandinavien höher als in Österreich, so Kühn im Interview mit ORF.at, und das spiegle sich auch in der Qualität der Schulgebäude wider.

Dass die Schulen in Österreich noch nicht flächendeckend für den Ganztagsbetrieb gerüstet sind, führt Kühn auch auf ideologische Barrieren („Die Kinder gehören nach Hause zur Mutter“) zurück. Die höhere Bereitschaft etwa in Skandinavien und Frankreich, in die ganztägige Betreuung der Kinder zu investieren, habe auch mit der systematischen Förderung der Berufstätigkeit von Frauen zu tun.

Schmied will auch lokale Infrastruktur nutzen

Mit jährlich 80 Mio. Euro soll die Zahl der Ganztagsplätze bis 2014 von derzeit 120.000 auf 200.000 ausgebaut werden, so Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) nach dem „Schulgipfel“ der Regierung im November. Dieses Geld solle größtenteils in zusätzliches Personal fließen. Vor allem die Gemeinden als Schulerhalter brauchten aber auch eine Anschubfinanzierung für bauliche Maßnahmen, kündigte Schmied an.

Welche Lösungen es beim Ausbau der Ganztagsschule geben kann, werde individuell entschieden, hieß es Ende Jänner gegenüber ORF.at aus dem Unterrichtsministerium. Derzeit würden in Zusammenarbeit mit den Schulpartnern, den Ländern und Gemeinden Möglichkeiten erarbeitet, wie am jeweiligen Schulstandort Angebote geschaffen werden können. Dabei soll auch die lokale Infrastruktur genutzt werden: So seien Kooperationen mit Vereinen an Ort und Stelle, etwa Musikvereinen, geplant.

„Einzelfall entscheidet“

Laut Architekt Franz Ryznar von der Plattform schulUMbau blockieren die laufende politische Diskussion über die Zukunft der Schule sowie finanzielle Einschränkungen derzeit eine zielführende Diskussion. Dadurch würden laufend Sanierungs- und Neubauprojekte auf den Weg geschickt, die für die künftigen Anforderungen nicht geeignet seien, sagte Ryznar gegenüber ORF.at.

Auch Schwarz-Viechtbauer verweist auf vorhandene Defizite. Es wäre aber falsch zu behaupten, dass für die Ganztagsschule geforderte Qualitäten nur mit Neubauten erreichbar sind. Gerade die oft kritisierte Gangschule aus der Gründerzeit biete durch ihre breiten Gänge und hohen Räume ein großzügiges Flächenangebot. Außerdem sei sie einfacher zu adaptieren als später errichtete Schulgebäude.

Man müsse im Einzelfall entscheiden, ist auch Kühn überzeugt. In manchen Fällen werde es möglich sein, ohne Zubauten auszukommen, in anderen Fällen werde man alte Schulbauten anderen Zwecken zuführen und dafür einen kompletten Neubau errichten müssen. Vor allem dort, wo der Raum schon jetzt knapp ist, werde es ohne massive Investitionen auch in den Neu- und Zubau jedenfalls nicht gehen.

Romana Beer, ORF.at

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