„Die Straße stinkt nicht“
Mit einem Verfahren zur Gewinnung von Bitumen aus Schweinemist will ein US-Technologieunternehmen den Baustoffmarkt erobern. Parallel dazu liefert das Patent Biogas aus Gülle und soll so einen Beitrag zum Umstieg auf alternative Energieträger leisten.
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Wenn es bei der Erzeugung „grüner Energie“ eine Art Ideallösung gibt, dann lautet die: Strom bzw. Treibstoff aus Mist. Organische Abfälle wie Pflanzenreste, aber auch Gülle werden deshalb in zunehmendem Maß zur Produktion etwa von Biogas genutzt.
Anders als bei der Produktion von Agrotreibstoffen müssen die nötigen Rohstoffe nicht erst angebaut werden, sondern sind – zumeist im Übermaß – verfügbar. Wenn dann auch noch der Rückstand verwertbar ist, klingt das vielversprechend.
Wohin mit dem Mist?
Besonders gilt das für landwirtschaftliche Mastbetriebe. Was dort an Gülle bzw. Mist anfällt, kann kaum vernünftig weiterverwendet werden. Wird zu viel davon als Dünger ausgebracht, steigt die Belastung für die Anbauflächen. Der Lösung dieses Problems hat sich das Technologieunternehmen Innovator aus St. Louis im US-Bundesstaat Missouri angenommen und ein Verfahren für die Gewinnung einer bitumenartigen Substanz aus Schweinemist entwickelt.
Die Entwicklung kommt nicht von ungefähr: Allein in Minnesota gibt es, wie kürzlich das US-Magazin „The Atlantic“ berichtete, 280 Schweinemastgroßbetriebe. In Minnesota fallen pro Jahr rund elf Millionen Tonnen Schweinemist an. Für die Züchter wird das zunehmend zum Problem, da mehrere US-Bundesstaaten bereits die Neuerrichtung von Deponien wegen der hohen Umwelt- und Geruchsbelastung untersagen. Die Züchter stehen also vor dem Problem: wohin mit dem Mist, und das Unternehmen aus Saint Louis verspricht die Lösung dafür.
Gülle als Biogaslieferant
Bei dem von Innovator-Gründer Kent Schien, früher Entwicklungsingenieur beim Flugzeughersteller McDonnell Douglas, und Yuanhui Zhang, Professor für Agrartechnik an der Universität Illinois, entwickelten Verfahren wird Schweinemist erst zur Herstellung von Biogas genutzt. Dabei entsteht durch einen Vergärungsprozess Methan. So weit nicht neu.
„Missouri teert Straßen mit Mist“
Schien und seine Techniker fanden aber auch eine Möglichkeit, die Rückstände zu recyceln. Dabei werden sie unter großem Druck und bei großer Hitze zu einer Art biologischem Öl weiterverarbeitet. Das Endprodukt ähnelt Bitumen, dem Bindermittel für Straßenasphalt, das gewöhnlich mittels Vakuumdestillation aus Erdöl gewonnen wird. Im April begann dann der Praxistest.
„Teststrecke“ unter Beobachtung
„Missouri teert seine Straßen mit Schweinemist“, berichtete damals das US-Wirtschaftsmagazin „All Business“, nachdem nahe der Stadt Eureka gemeinsam mit dem Bauunternehmen Pace Construction 15 Tonnen des Recyclingasphalts zu Versuchszwecken auf einen etwa 100 Meter langen Straßenabschnitt aufgebracht worden waren. Der steht seither unter Beobachtung. Es soll sich zeigen, wie beständig und belastbar der Belag tatsächlich ist.
Die Entwicklung wurde laut dem Magazin von der US-Umweltschutzbehörde EPA mit einer Million Dollar (über 700.000 Euro) gefördert. Außer als Straßenbelag kann der Mistbitumen etwa auch als eine Art Recyclingteerpappe weiterverarbeitet werden. Das Unternehmen verspricht sich aus dem Patent Millionenumsätze und den Landwirten Geld anstatt eines Problems.
100-prozentiges Recycling
Als „Testlabor“ dient Innovator derzeit ein Zuchtbetrieb in St. Charles County (Missouri), bei dem 10.000 Schweine jährlich rund 18,5 Millionen Liter Gülle produzieren. Übrig bleibt in dem Prozess Wasser, in dem Stickstoff-, Phosphor- und Kaliumverbindungen gelöst sind. Dieser Rückstand könne, zitiert „The Atlantic“ Innovator-Entwicklungsingenieur Rick Lux, als flüssiger Dünger auf Felder ausgebracht werden.
Laut dem Bericht des US-Magazins will Innovator sein Verfahren derart weiterentwickeln, dass künftig ein Schwein einen Liter Bioöl pro Tag „produziert“ und es irgendwann auch mit anderen Arten von Abfall – menschliche Exkremente inklusive – funktioniert.
Langfristig will sich das Technologieunternehmen aus St. Louis einen 20-Prozent-Anteil auf dem US-Markt für Asphaltbinder sichern und auch Dünger verkaufen. Projektleiter Lux ist zuversichtlich, dass die Versuchsstrecke nahe Eureka hält. Eines sei aber schon jetzt ganz gewiss, zitierte ihn „The Atlantic“: Vom Geruch des Ausgangsprodukts hat der Recyclingsasphalt nichts mehr: „Ich bin zweimal da draußen auf meinen Knien herumgekrochen, die Nase auf dem Boden. Die Straße stinkt nicht.“
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