Voglmayr Walter

Bregenzer Festspiele

„Nehme immer wieder etwas Neues aus Bregenz mit“

70 Jahre Bregenzer Festspiele markieren auch für die Wiener Symphoniker einen Meilenstein: Denn das Konzertorchester Wiens lässt sich seit der Festspiel-Geburtsstunde jedes Jahr aufs Neue auf das „Abenteuer Bregenz“ ein. Noch nicht ganz so lange, aber immerhin seit stattlichen 16 Jahren steigt Posaunist Walter Voglmayr Sommer für Sommer in den Bregenzer Orchestergraben. Mit welchen Gefühlen er das tut, verrät er im Gespräch mit vorarlberg.ORF.at.

vorarlberg.ORF.at: Als „Haus- und Hof-Orchester“ der Bregenzer Festspiele heißt es für die Wiener Symphoniker jeden Sommer aufs Neue: „Koffer packen“. Wie gestaltet sich diese jährliche Reise für Sie und Ihre Orchesterkollegen?

Walter Voglmayr: Nun, man muss sich das so vorstellen, dass sich jedes Jahr ein ganzer Tross (Anmerkung der Redaktion: heuer sind es inklusive Substituten und Orchesterwarten insgesamt 148 Personen) auf die Reise in den Westen aufmacht. Das bringt mitunter auch Probleme mit sich. Denn jeder Musiker sucht sich seine Bleibe selbst - das ist oft nicht gerade einfach. Und wenn man etwas Passendes gefunden hat, heißt das noch lange nicht, dass die Unterkunft auch im nächsten Jahr noch verfügbar ist.

Walter Voglmayr

Bubu Dujmic

Walter Voglmayr ist seit 2000 Soloposaunist bei den Wiener Symphonikern und jedes Jahr aufs Neue vom „Gesamtpaket Festspiele“ fasziniert.

Wenn man die Familie mitnehmen möchte, muss der Partner auch die Zeit dazu haben. Ich habe das Glück, dass meine Frau beruflich selbständig ist und sie und meine zwei Kinder (drei und sieben Jahre) mit an den Bodensee kommen können. Trotzdem sind die Herausforderungen in familiärer Hinsicht nicht zu unterschätzen. Schön zu sehen ist aber, wenn die eigenen Kinder auch Begeisterung für die Festspiele zeigen - wie mein Siebenjähriger. Er hat letztes Jahr das erste Mal die Aufführung auf dem See angesehen und bis zum Schluss durchgehalten. Und auch heuer möchte er bei „Turandot“ unbedingt wieder live mit dabei sein.

Von der Schlemmer- zur Abenteuerreise

Eine Österreichreise führte die Wiener Symphoniker im Jahr 1946 zu den Bregenzer Festwochen, wo sie zwei Konzerte gaben. Bald schon etablierten sie sich zum hauseigenen Orchester der Festspiele. Während in den Nachkriegsjahren vor allem kulinarische Genüsse einen Anreiz für die Reise nach Bregenz boten (einige Musiker weilten auf Bauernhöfen im Bregenzerwald), entwickelten sich auch die künstlerischen Möglichkeiten in Bregenz rasant weiter - mehr dazu in Eine Partnerschaft seit 70 Jahren (Homepage der WS).

vorarlberg.ORF.at: Mit welchen Gefühlen ist die Fahrt nach Bregenz für Sie verbunden?

Voglmayr: Die Aussicht auf den Festspielsommer in Bregenz ist für mich immer mit einer großen Vorfreude verknüpft, zumal wir Symphoniker im Rest des Jahres doch eher ein Konzertorchester sind. Dass wir nun schon seit 70 Jahren das „Orchestra in residence“ der Bregenzer Festspiele sind, hilft uns dabei, auch im Operngraben unseren besonderen Klang zu finden.

Die Opernarbeit erfordert eine sehr große Schnelligkeit. Man muss ständig auf verschiedenste Umstände Rücksicht nehmen und sehr schnell reagieren. Das hilft einem natürlich enorm bei der symphonischen Arbeit. Und auch wenn ich jetzt bereits das 17. Mal mit in Bregenz dabei bin, nehme ich aus jeder Festspielsaison immer noch etwas Neues mit.

vorarlberg.ORF.at: Wie bereiten Sie sich auf die Festspiele vor - wann beginnen die Proben?

Voglmayr: Grundsätzlich ist jeder Musiker selbst dafür verantwortlich, dass er das Programm drauf hat. Ich schaue mir also meine Instrumentengruppe an, um abzuschätzen, ob es „gefährliche“ Sachen gibt, die eine spezielle Vorbereitung erfordern. Das ist naturgemäß eher bei unbekannten Opern der Fall.

Die ersten Proben als Orchester finden dann in Wien mit dem Dirigenten der Bregenzer Festspiele statt. In Bregenz werden währenddessen Proben mit Klavier und Sängern abgehalten - das Team spielt sich ein. Rund zehn Tage vor der Eröffnung fügen sich dann die Puzzlesteine zusammen, und wir beginnen mit den gemeinsamen Proben in Bregenz.

vorarlberg.ORF.at: Ist die heurige Hausoper - „Hamlet“ von Franco Faccio - ein besonderes „Kaliber“ für Sie als Musiker?

Voglmayr: Sie ist auf jeden Fall sehr, sehr besonders - Opera Seria auf dem Weg hin zu Verdi. Wenn man vom Konzertbetrieb kommt, mag man sich vielleicht denken, dass das schon ein bisschen sehr viel Zuckerguss ist. Insgesamt finde ich die Musik aber unglaublich ansprechend!

Walter Voglmayr

Darko Todomovic

Zur Person: Walter Voglmayr

  • geboren 1973 in Ried im Innkreis
  • Studium ab 1986 an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz bei Friedrich Loimayr sowie ab 1988 an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien bei Horst Küblböck
  • 1993: Wechsel nach Freiburg im Breisgau zu Branimir Slokar - Diplom 1997
  • 1996: Substitutenvertrag als Soloposaunist an der Bayerischen Staatsoper München
  • 1997-2000: Soloposaunist im Rundfunksinfonieorchester Berlin
  • seit 2000: Soloposaunist der Wiener Symphoniker
  • 2012: Gastprofessur an der Kunstuniversität Graz / Oberschützen
  • Mitglied bei Pro Brass, Austrian Brass Connection, Vienna Symphony Jazz Project
  • Auftritte als Solist mit dem Wiener Kammerorchester, dem Ensemble de la Musique de Toulon, dem Klangforum Wien und bei Wien Modern

vorarlberg.ORF.at: Drei „Hamlet“-Aufführungen, 24 „Turandot“-Vorstellungen, ein Eröffnungskonzert, drei Orchesterkonzerte, dazu noch der „Tag der Wiener Symphoniker“ zu Beginn der Saison - das alles klingt nach einem sehr arbeitsintensiven Sommer.

Voglmayr: Ja, das Arbeitspensum in Bregenz ist doch recht erheblich - vor allem im Juli. Denn nach den Premieren der Haus- und Seeoper fangen gleich auch schon die Proben für die Orchesterkonzerte an. Neben den Vorstellungen am Abend gibt es auch noch zahlreiche andere Verpflichtungen. Unsere Posaunengruppe spielt beispielsweise jedes Jahr in der Galluskirche eine Messe. Das hat bereits seit Jahrzehnten Tradition, und man übernimmt das gerne. Aber die Vorbereitung für derartige Zusatztermine nimmt natürlich auch freie Zeit in Anspruch. Nach der Festspielsaion freut man sich auf jeden Fall dann schon auf den Urlaub.

vorarlberg.ORF.at: Bevor es soweit ist, werden Sie aber wohl noch viel Zeit im Orchestergraben verbringen. Ist es ein Vorteil, dass das Orchester seit 2005 nicht mehr direkt unter der Seebühne sitzt?

Voglmayr: Auf jeden Fall. Der Betonkern auf der Seebühne, wo wir untergebracht waren, hatte eine Deckenhöhe von etwa vier Metern und war für rund 100 Musiker recht klein. Die Mikrofone waren knapp über den Instrumenten positioniert, und die Tonmeister hatten einiges zu tun, um den Klang zu optimieren. Die Idee, im Haus zu spielen, stammt von unserem damaligen Chef Fabio Luisi und dem damaligen Intendanten David Pountney. Und sie ist meiner Meinung nach aufgegangen. Im Festspielhaus ist die Akustik von Haus aus besser - der viel wärmere Klang muss „nur“ noch nach draußen transportiert werden. Zudem sind Luftfeuchtigkeit und Temperatur konstant, was für die Instrumente wichtig ist. Direkt auf der Seebühne war das alles immer ein wenig abenteuerlich.

Natürlich fehlt es mir auch irgendwie, am Abend vor dem Dienst bei Sonnenuntergang über den Steg auf die Seebühne zu gehen und dort das ganze Team - vom Techniker bis zu den Hauptdarstellern - zu sehen. Aber die Zeiten verändern sich, und es steht einfach die Qualität im Vordergrund. Und das finde ich bei den Festspielen unglaublich schön, dass man immer versucht, das Optimum herauszuholen, um dem Publikum bei jeder Vorstellung höchste Qualität zu bieten - getreu nach dem Motto der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach: „Wer aufhört, besser werden zu wollen, hört auf, gut zu sein.“

vorarlberg.ORF.at: Sie sind seit 2000 jedes Jahr in Bregenz. Seitdem hat sich, wie wir eben auch gehört haben, viel getan. Welche Erinnerungen prägen Ihren persönlichen Rückblick auf die letzten 16 Sommer in Bregenz?

Voglmayr: Also ich war von Anfang an sehr begeistert von den Festspielen - dass es möglich ist, so etwas auf die Beine zu stellen. Die Seebühne hat einfach eine magische Anziehungskraft. Für mich ist vor allem faszinierend, wie sich das alles entwickelt hat - vom Kieskahn über Bühnen, die bei hohem Seepegelstand geflutet wurden, bis hin zum heutigen hohen Standard. Auch für die Sänger ist Bregenz etwas Besonderes. Die sagen: „Egal, was man für eine Karriere vor sich hat, in Bregenz muss man gesungen haben.“ Das Durchhalten bei Wind und Wetter, das Zusammengehörigkeitsgefühl und Miteinanderwollen - das ist sehr speziell in Bregenz. Es ist eine große Familie. Außerdem spürt man auch, dass die Bevölkerung hinter den Festspielen steht und sehr stolz auf sie ist - und das zu Recht.

vorarlberg.ORF.at: Die Festspiele können auch ansonsten eher weniger Kulturbegeisterte in ihren Bann ziehen, so macht es zumindest den Anschein. Erleben Sie das auch so?

Voglmayr: Ja, und das ist gut so. Denn Hürden müssen einfach niedergerissen und Hemmschwellen abgebaut werden. In Wahrheit braucht es keine Vorbildung, um eine Oper anschauen zu können. Es ist vielleicht hilfreich, wenn man die Handlung kennt. Im Prinzip geht es aber nur darum, sich auf die Musik und Handlung einzulassen. Es geht außerdem auch darum, den Kontakt nicht zu scheuen und neugierig zu sein auf das, was man sieht, hört und was man an Gefühlen transportiert bekommt.

Ob das Dargebotene gefällt oder nicht, steht dabei meiner Ansicht nach nicht so sehr im Mittelpunkt. Vielmehr sollte es so sein, dass das Publikum danach noch etwas zum Nachdenken und -fühlen hat. Denn im Grunde wird jeder auch in einer Art und Weise mit sich selbst konfrontiert - das ist auch die Aufgabe der Kunst. Da gibt es im Idealfall schon vieles, was man im Nachhinein noch aufarbeiten kann.

BF 2016 Interview mit Wiener Symphoniker 

Wiener Symphoniker auf der Seebühne

Andreas Balon

Die Wiener Symphoniker verbindet eine 70-jährige Partnerschaft mit den Bregenzer Festspielen.

vorarlberg.ORF.at: Zu Beginn eines aufregenden Festspielsommers: Auf was freuen Sie sich heuer ganz besonders?

Voglmayr: Ein Liebkind von mir ist die Hausoper geworden. Das war schon früher so, dass da sehr große Raritäten am Programm gestanden sind, die für große Opernhäuser eher uninteressant sind. Für die Festspiele hingegen ist es eine fantastische Möglichkeit, so ein Stück ins Rampenlicht zu stellen. Für mich persönlich waren das in den letzten Jahren auch die besonderen Gustostückerln und mein persönliches Highlight. Aber natürlich freue ich mich wie immer auch wieder auf den See, die Konzerte - einfach das Gesamtpaket. Es ist ein unglaublich bunter Reigen an Möglichkeiten, die man in Bregenz gerade in der Sommerzeit hat.

Das Gespräch führte Beatrix Spalt, vorarlberg.ORF.at

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