„Love and Friendship“: Jane Austen einmal anders
Die junge Witwe Lady Susan (Kate Beckinsale) versucht, sowohl für sich selbst, als auch für ihre Tochter Frederica (Morfydd Clark) einen wohlhabenden Mann zu finden, um ihr Vermögen wieder herzustellen. Intrigen sind dabei vorprogrammiert. Doch wer eine hollywoodkonforme Herangehensweise an Austens Briefroman „Lady Susan“ erwartet, kann durchatmen. Weit weg bewegt sich der Stil des amerikanischen Regisseurs Whit Stillmann von bekannten Verfilmungen wie „Stolz und Vorurteil“ oder „Sinn und Sinnlichkeit“.
Experte der „Upper Class“
Bereits in der Vergangenheit wurde der Regisseur mit bissig-witzigen Komödien über das Verhalten der „Upper Class“ bekannt („Metropolitan“ und „The Last Days of Disco“). Es wundere ihn gar nicht, dass bereits vermutet wurde, er würde eines Tages ein Werk von Jane Austen filmisch umsetzen, so Stillman in einem Interview mit der „Huffington Post“. Beim Filmemachen wehre er sich außerdem dagegen, anzunehmen, der Zuschauer sei dumm und man sei als Regisseur verpflichtet, die Dinge zu offensichtlich zu gestalten, erklärt er weiter.

Viennale
Lady Susan ist nicht nur hinterlistig, sie spielt auch gerne mit ihren Reizen
Die Auflehnung gegen das Offensichtliche ist ihm in „Love and Friendship“ durchaus gelungen. Die Dialoge und Verwicklungen sind derart komplex, dass der Zuschauer fast nur anhand der Gespräche zwischen Lady Susan und ihrer amerikanischen Freundin Alicia Johnson (gespielt von Chloe Sevigny) den Durchblick über die tatsächlichen Intrigen behält. Mit britischem Humor will der Film den Zuschauer unterhalten, die Pointen setzen allerdings hohe Aufmerksamkeit voraus.
Eine „ansehnliche“ Satire
Obwohl die Charaktere in prunkvolle Gewänder gehüllt sind, entlang des Anwesens von Lady Susans Schwägerin in Churchill spazieren, in Kutschen ein- und aussteigen und die Anfänge der Szenen mit „barockem“ Geflöte untermalt sind, macht der Regisseur gleich in den ersten Minuten klar, dass die Kulisse nicht missverstanden werden darf.

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Optisch unterscheidet sich der Film kaum von anderen Austen-Verfilmungen
Die Schwere, mit der manch andere Austen-Verfilmung aufgeladen ist, wird mit der Vorstellung der Figuren sofort entlastet: Eine seltsame, visuelle Blase und überspitzt-komische „Beschriftungen“ wirken wie Notizen Stillmanns (oder Austens) und geben den Anpfiff für eine eigenwillige Satire. Den außerordentlichen Humor und den Scharfsinn der britischen Schriftstellerin verpackt Stillmann sehr subtil in die Geschichte und Dialoge.
Lady Susan ist hier außerdem eine Antiheldin, denn anders als die Figuren in Austens späteren Romanen folgt sie nicht so offenkundig ihren Gefühlen für den Mann ihres Herzens. Erst am Ende des Filmes wird deutlich, wie feinsinnig, aber auch hinterlistig sich Lady Susan ihre Lage zurechtgesponnen hat. Mit ihren kaltherzigen Plänen verschont sie nicht einmal ihre Tochter.

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Ein Brief von Lady Susan gerät in falsche Hände
Ausgespielt von einer Nebenrolle
Auch die Besetzung lässt wenig zu wünschen übrig. Kate Beckinsale hat es sehr wohl geschafft, sich ihrer Vampirzähne zu entledigen, sich aus dem engen Ledereinteiler zu befreien („Underworld“) und als Lady Susan in barocken Gewändern nicht nur anmutig zu wirken, sondern auch die trockene Ernsthaftigkeit zu vermitteln, die den Film letztlich ausmacht. Ein anderer Charakter jedoch stahl ihr ein wenig die Show: Sir James Martin - wundervoll gespielt von Tom Bennett - eroberte mit der Aussage, warum in Churchill weder eine Kirche, noch ein Hügel zu finden seien die Herzen der Zuschauer.
Filmhinweis
„Love and Friendship“ läuft auf der Viennale noch am 26.10. um 13.00 Uhr in der Urania.
Besonders die nicht vorhersehbaren Dialoge, die sich stark am Original orientieren, geben „Love and Friendship“ eine Frische, die andere Jane-Austen-Filme schnell in den Schatten stellen. Whit Stillmann hätte sich schon viel früher an Austen heranwagen sollen.
Yasmin Szaraniec, für ORF.at
Links:
- Interview mit Whit Stillmann (Huffington Post)
- Trailer „Love and Friendship“ (YouTube)
