Filmstill aus "Gimme Danger"

Viennale

Iggy-Pop-Doku: Jarmusch und der ewig Wilde

„Gimme Danger“ von Jim Jarmusch erzählt chronologisch die Geschichte der Band The Stooges. Auf ruhige, gesetzte Art und in sehr klassischem Dokuformat lebt der Film von den Erzählungen eines vor der Kamera ganz offen dahinplaudernden und gut gelaunten Frontman Iggy Pop. Jarmusch schreibt mit seiner Dokumentation ein weiteres Stück filmischer Rock-Geschichte.

Den einen oder anderen Kinosbesucher mag das erstaunliche Erinnerungsvermögen Iggy Pops verwundern, da er ohne niedergeschriebenen Notizen auskommt. Alles in der Doku ist also „straight out“ erzählt – wie man es von den Bühnenperfomances Iggy Pops gewohnt ist, der als einer der Wegbereiter des Punkrock gilt.

Anfänge in der „Bluesness“

„When you play, you play it, but you mean it“ ist einer der ersten prägenden Sätze im Film und könnte wie eine übliche Floskel in einem Gespräch zwischen Musikern klingen. Für den jungen James Osterberg alias Iggy Pop war das jedoch einer der wichtigsten Tipps, die er je bekommen und verinnerlich hat. Der Tipp kam vom Bassisten der Butterfield Blues Band, Jerome Arnold.

Filmstill aus "Gimme Danger"

Viennale

Live eine Eruption - wenn auch am Anfang musikalisch nicht ganz trittsicher

Am Anfang der 60er Jahre, nach abgebrochenem Studium und vor der Gründung jener Band, aus der später die Stooges werden sollten, tummelte sich Iggy Pop gerne auf Parties der damals florierenden Blues-Szene, die ihn ganz zu Beginn seiner Karriere stark beeinflusste: Das waren Leute, die sich in Sachen „Bluesness“ wirklich auskannten, erinnert sich Pop.

Keine Doku über die gute alte Zeit

Jarmusch widersteht der Versuchung, die frühe Ära des Punk zu verherrlichen, also eine Vergangenheitsillusion zu entwerfen, in der alles unbedingt „interessanter“, „freier“ und „cooler“ gewesen sein muss als heute. Davon lebt auch sein Film. Wenn im Film mit dem Lob der guten alten Zeit übertrieben wird, dann auf ironische Art und Weise. Für diesen Ansatz - und auch dafür, die Geschichte des Punk seriös, aber mit gehöriger Portion Witz zu erzählen, hat er in Iggy Pop den idealen Gesprächspartner gefunden.

Das Kokettieren mit dem eigenen Misserfolg

Iggy Pop teilt im Film gerne aus, aber bei aller Kritik an Kollegen im Musikbusiness spart er auch nicht an kritischen Worten gegenüber sich selbst und seiner Band. Selbstkritik spielte schon bei der Suche nach dem Bandnamen mit. „Stooges“ - das heißt auf Deutsch Handlanger, Jasager. "Wie wär’s, wenn wir uns The Stooges nennen würden, weil wir ja nichts falsch machen, aber jeder meckert immer an uns herum“, kokettierten The Stooges mit den Misserfolgen als Band in ihren frühen Anfängen, wo sie ihrer Meinung nach zu oft, aber vielleicht auch zu recht, vom Publikum ausgebuht wurden. Das Kokettieren mit dem eigenen Misserfolg ist etwas, was „The Stooges“ als Band ausmacht.

Filmhinweis

„Gimme Danger“ läuft auf der Viennale noch am 27.10. um 13.00 Uhr im Gartenbaukino.

Die Doku lässt keine Fragen offen: Details zu Zeiten, in denen die Band alles hingeschmissen hat, wo die Musiker auf Drogenentzug waren und teilweise als Taxi-Fahrer arbeiteten, werden genausowenig ausgespart wie der Umgang der Band - vor allem als Angehörige der Nachkriegsgeneration - mit politischen Fragen der Zeit.

Die späten 60er haben es The Stooges grundsätzlich angetan, davon zeugt eine Archivaufnahme in der Doku, auf der Iggy Pop mit dem für ihn typischen, verschmitzten Lächeln meint, er habe mitgeholfen, die Musik der 60er „auszulöschen“, Bezug nehmend auf die prüde Folkrock-Szene dieser Zeit.

Filmstill aus "Gimme Danger"

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„Attitude“ als Kunstform für sich

Die Hälfte der Songs von The Stooges wurde im berühmten New Yorker Chelsea Hotel geschrieben – eine Zeit lang in Zusammenarbeit mit Nico von Velvet Underground. Diese Zeit heben The Stooges als eine besonders erfolgreiche und prägende hervor. Erinnerungen an Musikerkollegen, die ihm halfen oder beeinflussten – wie etwa David Bowie und John Coltrane - sind Iggy Pop besonders wichtig. Und Iggy Pop erwähnt immer wieder den „kommunistischen“, aber unpolitischen Lebensstil seiner Band.

Ein Iggy-Pop-Zitat beschreibt am Besten, worum es The Stooges geht: „Musik ist Leben und das Leben ist kein Business“.

Aufrütteln als Devise

Schöne Momente der Doku sind auch jene, in denen Iggy Pop den Gesang von Bob Dylan und Joe Cocker imitiert und erzählt, dass deren Art zu singen sein Antrieb war, alles anders zu machen. Seine Methoden seien dabei spontan auf der Bühne entstanden. Er agierte als Funken. Wenn er anfing, seine berühmten exzentrischen Tanzeinlagen auf der Bühne zu machen, fing die Band an, genau so zu spielen, wie er das wollte, erinnert sich der mittlerweile 69-Jährige.

Wobei es den Eindruck macht, dass es Jarmusch vordergründig darum ging, die Energie, Naivität und die Ehrlichkeit von The Stooges einzufangen und auch von den durchaus turbulenten Zeiten und Verlusten, die sie zu beklagen hatten, zu erzählen. Antworten auf Fragen, warum Iggy Pop von einem Tag auf den anderen ein Hundehalsband auf der Bühne trägt, fehlen dabei nicht – auch wenn seine Antwort überraschen mag, und gar nicht so spannend ist, wie das viele erwarten würden.

Schockieren, ohne es zu wissen

Grundsätzlich kommt in der Doku heraus, dass gar nicht so wenig ganz anders gemeint war, als es wohl selbst die größten The-Stooges-Fans angenommen hatten.

Das Einnehmende an der Doku ist, dass vieles am Werdegang und Erfolg von „The Stooges“ und Iggy Pop – trotz seines hervorragender Erinnerungsvermögens – dem Frontman der Stooges selbst auch nicht ganz klar zu sein scheint. Das unterstreicht seinen ehrlichen Umgang mit sich selbst, den Sinn für Humor, mit dem er durch die Welt schreitet und die Kritik an der Musikszene, in der er sich seit Jahrzehnten bewegt – angefangen bei den Größen des Blues, über die New Yorker New-Wave-Bewegung bis hin zu heutigen Versionen des Punkrock.

Dalibor Manjic, ORF.at

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