Wie Frankenstein sein Monster schafft
Die Geschichte der Leinwandmonster beginnt nicht erst mit Millionenbudgets und Computergrafik, sondern geht bis weit in die Stummfilmära zurück. Schon in den 1920ern wurde Frankensteins Schöpfung zum Leben erweckt und Schauspieler Lon Chaney wurde unter anderem als „Phantom der Oper“ seinem Ruf als „Mann der tausend Gesichter“ gerecht.

Viennale
„Jurassic Park“ läutete 1993 das digitale Monster-Zeitalter ein - bis heute entstammt nicht jede Kreatur dem Computer.
Für die französischen Filmkritiker Alexandre Poncet und Gilles Penso dienen diese frühen Beispiele als Ausgangspunkt für ihre Dokumentation „Le Complexe de Frankenstein“, die vergangenes Jahr in Paris Premiere feierte. Anhand der Filmgeschichte wird die Entwicklung der Kreaturen im Kino nachgezeichnet, befragt werden dazu unter anderem Regisseure, Drehbuchautoren und Special Effects-Künstler - jene Menschen, die praktisch selbst „Frankenstein“ spielen und ihre eigenen Monster erschaffen.
Star Wars, Gremlins und Werwölfe
Neben Filmemacher Guillermo del Toro kommen unter anderem „Gremlins“-Regisseur Joe Dante, „American Werewolf“-Erfinder John Landis und „Star Wars“-Effektspezialist Phil Tippett zu Wort. Verbunden durch ihre gemeinsamen Einflüsse erzählen die Interviewpartner in erster Linie von ihren eigenen Filmen, wobei der handwerkliche Prozess des Erschaffens im Mittelpunkt steht.
Der mehrstufige Entstehungsprozess wird detailliert, aber stets verständlich - auch für Nicht-Eingeweihte - abgehandelt: von der Skizze, zur Maquette (das plastische Äquivalent zur ersten Zeichnung) bis hin zur fertigen Kreatur. Die Erinnerungen und Anekdoten der Beteiligten werden um Archivmaterial ergänzt, das über die üblichen „Making Of“-Ausschnitte hinausgehen und wirklichen Einblick in die Arbeitsweise gewähren.

Viennale
Phil Tippett erweckte unter anderem „RoboCop“ zum Leben
Dinosaurier als Wendepunkt
Bis in die 90er hinein ist die Arbeit der Künstler - als solche wurden sie von der Filmbranche gesehen - stets greifbar gewesen, doch der zunehmende Gebrauch von Computergrafik in Filmen forderte radikales Umdenken: Ausgerechnet der für seine Spezialeffekte mit dem Oscar ausgezeichnete Film „Jurassic Park“ markierte einen Wendepunkt.
Doch statt der „guten alten Zeit“ nachzuweinen stehen die Interviewpartner des französischen Regieduos der damaligen Umstellung erstaunlich aufgeschlossen gegenüber: Anfängliche Skepsis weicht allmählich dem Begreifen des Umbruchs als Chance. Durch den Einfluss der Studios und Produzenten im Hinblick auf den andauernden Trend zur Einsparung ist das aber gleichzeitig auch die einzige Möglichkeit für die Beteiligten, ihrer Tätigkeit weiter nachzugehen.
Mehrwert für Eingeweihte
Poncet und Penso bewegen sich von Film zu Film und lassen ihre Protagonisten von Meilensteinen und Hürden berichten: meist heiter, durchgehend kurzweilig - unabhängig vom vorhandenen Vorwissen. Doch wenn konkrete Beispiele angesprochen werden, ist es schade, dass das endgültige Filmmaterial oft fehlt. Wem die passende Erinnerung an die über die verschiedenen Jahrzehnte verteilten Filme fehlt, muss etwaige Lücken selbst füllen. Wohlwollend ausgedrückt: Die Dokumentation lädt zum Monster-Film -„Bingewatching“ ein.
Filmhinweis
„Le Complexe de Frankenstein“ läuft im Rahmen der Viennale am 22.10. um 15.30 Uhr im Metro-Kino, sowie am 30. Oktober um 23.00 Uhr in der Urania.
Als einer der gemeinsamen Vorbilder nennen viele der Gesprächspartner Ray Harryhausen, der mit seiner Stop-Motion-Technik als Vorreiter auf dem Gebiet der Special Effects galt. Über zehn Jahre widmete sich das französische Regieduo dem Monster-Pionier - das Resultat war eine im Jahr 2011 veröffentlichte Dokumentation, die auf positives Echo stieß. „Le Complexe de Frankenstein“ deckt einen viel größeren Zeitraum und mehrere Protagonisten ab - ohne dafür mehr Zeit zur Verfügung zu haben.
Das führt letztlich dazu, dass es lediglich beim Wunsch bleibt, mehr über Hintergründe und Motivation der Monster-Schöpfer zu erfahren. Doch „Le Complexe de Frankenstein“ gelingt es, die Begeisterung und Leidenschaft der Menschen hinter dem Ungeheuer einzufangen. Ihr Name mag erst relativ spät im Abspann auftauchen, ohne sie wäre die Hauptfigur im Monsterfilm aber undenkbar: Penso und Poncet stellen jene Künstler und ihr Werk in den - verdienten - Mittelpunkt.
Florian Bock, ORF.at
Links:
- Le Complexe de Frankenstein (Viennale)
- „Ray Harryhausen: Special Effects Titan“ (IMDb)
