Peter Handke: Sammler der elf Gebote
Über einen Zeitraum von dreieinhalb Jahren klopfte Corinna Belz immer wieder an die Tür des zurückgezogen bei Paris lebenden Dichters: Manchmal blieben sie und ihr Team nur ein paar Stunden, erzählt die Regisseurin nach der Viennale-Premiere ihres Films. Dann schien Handke froh, dass die Filmleute „ihre Klamotten wieder packten“ und sein Haus in Chaville in der Pariser Banlieue verließen.
Doch das macht nichts. Über weite Strecken ist es Belz – die bereits mit einer Doku über den Maler Gerhard Richter einen Deutschen Filmpreis gewonnen hat – durchaus gelungen, Intimität herzustellen. Fruchtbare Intimität, die den Dichter seine Scheu (eines seiner Lebensthemen, wie er bekennt) überwinden lässt. Im Film sieht man ihn dann bewundernd die gerade gesammelten Steinpilze putzen, amüsiert mit der Schwierigkeit kämpfen, einen Faden durch ein Nadelöhr zu ziehen oder einfach seinen Gartenweg auf- und abgehen: immer derselbe Weg, der Weg zu sich selbst.
Attacke auf „Gruppe 47“ und den Literaturbetrieb
Gleichwohl ging es Belz nicht um eine home story, wie sie sagt. Peter Handke als widerständiger, eigenbrötlerischer Schriftsteller und Erfinder, als Dichter, dem die abgegriffenen Formen der Fiktionalisierung schon in den 1960er Jahren, als er sprunghaft Karriere machte, zuwider waren – das ist ihr Thema und steht im Mittelpunkt ihrer Dokumentation.

Viennale
Zeit haben fürs Schreiben, Lesen und Leben: Handke in seinem Haus in Chaville
Zur Illustrierung hat Belz eindrückliche Archivbilder und -töne gefunden. Darunter natürlich Handkes furiose Attacke auf die „beschreibungsimpotenten“ Kollegen der „Gruppe 47“, inklusive der Literaturkritik, die er gleich mit in Bausch und Bogen verdammt. TV-Interviews kennzeichnen den frühen Handke als Intellektuellen, der sich dem Literaturbetrieb und seinen Zumutungen (darunter gut gemeinte Unterschriftenaktionen für politische Ziele als moralisches Trostpflaster) schon damals entziehen wollte.
Allzeit wachsame Sprach-Selbstkontrolle
Faszinierend im Film auch die zwischen leichtem Grantel-Ton und wachsamer Sprach-Selbstkontrolle schwankende Rede Handkes, ob er nun im Garten arbeitet oder im lichtdurchfluteten Haus hantiert: Satz-Bauwerke über das Schreiben und das Leben entstehen so, mal noch im Werden relativiert oder revidiert, mal stur für gut befunden, wie eine so und nicht anders zu würzende Mahlzeit.

Viennale
Amüsiert über die Kompliziertheit der einfachsten Dinge: Peter Handke
Doch Handke lebt nicht im luftleeren Raum und nicht von Papier, Stift und Radiergummi allein, mit denen er seine Texte schreibt. Ein Computer „erotisiert ihn nicht“. Handke als Familienmensch, daran versucht sich der Film in der zweiten Hälfte, ohne sich vertiefen zu können, denn das wäre wohl ein zweiter Film geworden. Doch auch wenige Szenen, etwa als er mit Amina Handke an einem Wiener Wirtshaustisch sitzt, genügen, um deutlich zu machen: Kilometer scheinen zwischen Vater und Tochter zu liegen.
Kritikerschmähungen schmerzen noch immer
Und dann ist da noch jener Schmerz, der auf Handkes Beharren auf „Gerechtigkeit für Serbien“ folgte. Der damals fast einhellig von den internationalen Medien geschmähte Dichter bekennt, dass ihm diese Kritik noch immer nachgeht, was seine Ehefrau Sophie Semin bestätigt. Sie lebt in der Stadt, denn Handke will Abstand: Wir bräuchten ein Schloss mit zwei Flügeln, und das haben wir nicht, sagt Semin im Film.
Filmhinweis
„Peter Handke - Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte ...“ läuft auf der Viennale am 25.10. um 11.00 Uhr im Stadtkino im Künstlerhaus.
Offizieller Kinostart ist der 2.12.2016
Corinna Belz hatte gar nicht vor, dass „Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte ...“ zu dem Kammerspiel zu machen, das der Film nun ist. Doch die besten Gespräche entstanden eben nicht auf den Reisen, auf denen sie Handke begleitete, sondern in seinem Refugium in Chaville. Dort brachte sie den Dichter auch dazu, seine eigenen Texte zu rezitieren, während die Kamera immer wieder die schöne Handschrift mit den eingestreuten Skizzen Handkes abfilmt. Handke, erfährt man, sammelt nicht nur Pilze und Schnecken, sondern auch elf Gebote. Eines davon: „Man muss Zeit haben!“ Zum Beispiel dafür, sich die Sätze des Dichters noch einmal nach dem Film zu Gemüte zu führen - in aller Ruhe.
Alexander Musik, für ORF.at
Links:
- Filmtrailer (YouTube)
- Handke-Archiv (Österreichische Nationalbibliothek)
