Szene aus "Manchester by the Sea"

Viennale

Gefühlschaos im Küstenstädtchen

Wie berührend es sein kann, ganz normalen Menschen beim alltäglichen Kampf ums Überleben zuzusehen, beweist US-Regisseur Kenneth Lonergan mit seinem dritten Spielfilm „Manchester by the Sea“. Der Film ist eine Familiengeschichte über verschüttete Gefühle und liebevolle Annäherungen, die ganz ohne Klischees auskommt. Die Viennale hat damit einen Eröffnungsfilm gewählt, der mitten ins Herz trifft.

Lee Chandler ist kein sympathischer Typ. Wortkarg geht er seiner Arbeit als Handwerker und Hausmeister nach und repariert tagein, tagaus kaputte Klos und tropfende Rohre, während ihm seine Kunden Geschichten erzählen, die er nicht hören will. Er bewohnt eine Einzimmerwohnung im Souterrain und wenn er abends in eine Bar geht, kann es schon vorkommen, dass er völlig grundlos eine Schlägerei anzettelt. Schnell wird klar: Dieser Mann hat weitreichendere Probleme als den täglichen Ärger über verstopfte Toiletten.

Das Geheimnis des Misanthropen

In Rückblenden erfährt man von Lees Vergangenheit in seiner Heimatstadt Manchester-by-the-Sea. Er war der lustige Onkel, der mit seinem Neffen zum Fischen ging, ein liebender Ehemann und anscheinend auch Vater. Doch wo sind all diese Menschen, mit denen Lee sein Leben geteilt hat? Welches dunkle Geheimnis hat ihn zu dem Misanthropen gemacht, der er heute ist?

Szene aus "Manchester by the Sea"

Viennale

Rückblende: Michelle Williams als Exfrau in der Heimatstadt (mit Casey Affleck)

Als sein Bruder an einem Herzinfarkt stirbt, muss Lee in seinen Geburtsort, den er vor Jahren verlassen hat, zurückkehren, um sich um das Begräbnis zu kümmern und Verantwortung für seinen 16-jährigen Neffen Patrick zu übernehmen. Laut Testament soll er dessen Vormund werden, da die alkoholkranke Mutter schon längst von der Bildfläche verschwunden ist. Lee, der sein eigenes Leben kaum im Griff hat, ist mit der neuen Aufgabe vollkommen überfordert. Aber damit nicht genug: Auch die Konfrontation mit seiner Vergangenheit und der unausgesprochenen Schuld, die auf seinen Schultern lastet, bringt ihn an seine Grenzen.

Everyday People

Alltagstypen, die mit dem Leben nicht zurechtkommen, sind Regisseur Lonergans Spezialgebiet. Schon in seinem preisgekrönten Regiedebüt „You Can Count On Me“ (2000), das im Rahmen eines Lonergan-Tributes ebenfalls bei der diesjährigen Viennale gezeigt wird, schaffte er es, eine Familiengeschichte zu erzählen, ohne dabei die herkömmlichen Klischees zu bedienen.

Szene aus "Manchester by the Sea"

Viennale

In Lonergans Filmen geht es immer um die „normalen Menschen“

Der Kurzinhalt von „Manchester by the Sea“ klingt nicht besonders originell: Mann kehrt nach einem Todesfall in der Familie in seine Heimatstadt zurück und wird dort mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Im Hollywood-Normalfall trifft er dabei auch noch seine Jugendliebe und die beiden finden wieder zueinander. Auch Lee trifft auf der Reise in sein früheres Leben seine Exfrau wieder, doch in Lonergans Film ist eben alles anders. Hier werden keine einfachen Lösungen geboten, und man weiß nicht, ob die frisch aufgerissenen Wunden jemals wieder verheilen werden.

Humor bringt Leichtigkeit

Bei aller Tragik, die die Themen Tod, Trauer und Schuld mit sich bringen, wird der Film doch von einer Art schnoddrigem, trockenem Humor getragen, der eine tröstliche Leichtigkeit mit sich bringt. Lonergan zeichnet seine Charaktere mit Empathie, Sarkasmus und gegen den Strich, was sich vor allem in der ungewollten Onkel/Vater-Sohn-Beziehung zeigt. Während der eine sich in keine Rolle zwängen lassen will, die ihm ein anderen zugeschrieben hat, geht für den anderen das eh schon komplizierte Teenagerleben weiter.

Ursprünglich wollte Matt Damon - der auch die Idee zum Drehbuch hatte - die Rolle des Lee Chandler übernehmen, übergab sie dann aber wegen Terminkollisionen an seinen Freund Casey Affleck (Ben Afflecks jüngeren Bruder). Diesem verhalf er dadurch wohl zum bisherigen Höhepunkt seiner Karriere und zu einer möglichen, höchst verdienten Oscarnominierung. Der wahre Star dieses hochkarätig besetzten Ensemblefilms (auch Michelle Williams glänzt in ihrer Rolle als Lees Exfrau) ist jedoch der 19-jährige Lucas Hedges. Er beschert dem Film seine lebendigsten Momente, wenn er sich zwischen den Proben seiner Rockband, seinen zwei Freundinnen und dem Onkel als hilflosem Vaterersatz zurechtfinden muss.

Filmhinweis

„Manchester by the Sea“ läuft bei der Viennale als Eröffnungsfilm und am 20.10. um 23.00 Uhr sowie am 21.10. um 13.00 Uhr jeweils im Gartenbaukino. Österreichweiter Kinostart ist am 26. Jänner 2017.

Oscar-Anwärter als Eröffnungsfilm

Seit seiner Premiere beim Sundance Film Festival konnte der Film 97 Prozent der Kritiker bei „Rotten Tomatoes“ überzeugen und wird bereits als großer Oscar-Anwärter gehandelt. Sowohl Lonergan als Regisseur und Drehbuchautor als auch Affleck als Bester Hauptdarsteller, Hedges als Bester Nebendarsteller und Williams als Beste Nebendarstellerin sind dafür im Gespräch.

Somit hat die Viennale zur Eröffnung einen Film ausgewählt, der durch seine Komplexität und Tiefe besticht und keine Angst vor Langsamkeit hat. Happy End gibt es keines, oder doch? Manchester-by-the-Sea ist kein hübsches Küstenstädtchen, wo eine laue Brise über die glitzernde See weht. Es ist Winter und kalt und die Menschen sind grimmig. Aber am Ende kommt der Frühling, es taut und die ersten Sonnenstrahlen treffen einen mitten ins Herz.

Sonia Neufeld, ORF.at

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