Réalité

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Suche nach dem Schrei des Jahrhunderts

Mit „Realite“ liefert der in Kalifornien lebende Franzose Quentin Dupieux ein ziemlich amüsantes Stück surreales Kino ab: Ein angehender Horrorfilmregisseur auf der Suche nach dem wildesten Schrei der Filmgeschichte ist nur ein Baustein dieses vielschichtigen Vexierspiels.

Wie kommt die VHS-Kassette in den Magen des frisch geschossenen Wildschweins? Wie soll ein Möchtegernregisseur in 48 Stunden den markigsten Schrei der Filmgeschichte finden? Und warum leidet der TV-Moderator im lachhaft überdimensionierten Rattenkostüm an einem Ekzem, von dem niemand außer ihm etwas sieht?

Fragen über Fragen stellt Quentin Dupieux in „Realite“ - ohne, dass es ihm ernsthaft darum ginge, sie zu beantworten. Dupieux nennt sich als Musiker Mr. Oizo, und Mr. Oizo hat schon sehr viel mehr legendäre Dance-Tracks und Remixes komponiert als Dupieux Filme gedreht. Wer sie kennt, ahnt, dass schon der Filmtitel in die Irre führt: Die Wirklichkeit ist hier nur in herrlich überzeichneten Spuren vorhanden, die immer wieder lustvoll ins Absurde gewendet werden, und alle Darsteller scheinen Spaß gehabt zu haben an der Idee, dass in „Realite“ nichts so ist, wie es scheint.

Die Menschheit stirbt elendig - an TV-Strahlen

Da ist allen voran Jason Tantra (Alain Chabat), sanfter Kameramann eines drittklassigen TV-Senders, der den allmächtigen Filmproduzenten Bob Marshall (Jonathan Lambert) von seiner kargen Horrorfilmidee überzeugt: Alle (Röhren-)Fernseher auf der Welt senden plötzlich gefährliche Strahlen aus, worauf die Menschheit schreiend und Blutfontänen ausstoßend elendig zu Grunde geht. Hoffnung: Fehlanzeige. Marshall ist begeistert. Doch er stellt eine Bedingung: Jason Tantra muss innerhalb von 48 Stunden den blutrünstigsten Schrei finden – ein Schrei, der dem Film in dieser Kategorie den Oscar einbringen soll.

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Psychoanalytikerin Alice (Elodie Bouchez) schickt ihren Mann gern in die Wüste

Nun hat Jason seine Aufgabe gefunden. Und „Realite“ einen witzigen Running Gag, wenn nämlich Jason mit seinem Diktiergerät durch die Gegend spaziert, um nach dem Schrei des Jahrhunderts zu fahnden, wenn er ihn schon nicht selber ausstoßen kann. Seine Frau Alice (gespielt von Elodie Bouchez als schmallippige Psychoanalytikerin) kann dem nichts abgewinnen: Hat Stanley Kubrick seine Meisterwerke etwa auf diese Weise geschaffen?

Ist es Traum, Alptraum oder Schlafen im Alptraum?

Quentin Dupieux legt eine Handvoll loser Handlungsstränge durch seinen Film, doch alle führen sie auf die falsche Fährte beziehungsweise in die nächsthöhere filmische Ebene: den Traum, den Alptraum oder gleich den Schlaf während eines Alptraums.

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Die Suche nach dem perfekten Schrei: Jason bei Aufnahme 45. Oder schon 57?

Dupieux macht alles selber in dieser französisch-belgischen Low-Budget-Produktion: Regie, Buch, Kamera, Schnitt, Musik. Der Mann hat jede Menge Ideen und ebenso viel Talent. Sein bemerkenswert minimalistischer Soundtrack (zwei stilsicher eingesetzte, ostinate Orgelakkorde) sorgt für den wunderbar halluzinativen Charakter des Films. Zusätzlich verfremdet wird „Realite“ durch das französisch-amerikanische Sprachgewirr, das hier, am Schauplatz Kalifornien, absurderweise behauptet wird. Da gibt es alle Slangs und Mischungen, und Dupieux macht sich keine Mühe aufzuklären, warum das so ist.

Was ist bloß drauf auf dem Videotape?

Die oben erwähnte VHS-Kassette dient ihm als guter alter McGuffin, der in Hitchcock-Manier für Suspense sorgt, denn die Finderin des Videos, ein vorwitziges Mädchen namens Reality (Kyla Kennedy), will endlich wissen, was darauf zu sehen ist. Doch Dupieux hat keinen Spaß an Szenenentwicklung aus dem filmischen Lehrbuch. Er spiegelt lieber Ebene an Ebene, lässt seinem Sinn für trockene Situationskomik freien Lauf und verlässt sich darauf, dass seine skurrilen Figuren die Zuschauer schon im Bann halten werden.

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Was macht der Arzt im Rattenkostüm? Und das Ekzem auf seinem Gesicht?

So ist es auch: „Realite“ pfeift auf die Realität, aber ohne Slapstick und Beliebigkeit. Im Hintergrund hält Dupieux seine Figuren dann doch zusammen: den scheuen Jason Tantra, den vorlauten Bob Marshall und auch den Schuldirektor, der immer davon träumt, in Frauenkleidern und High Heels im Jeep durch die Gegend zu fahren. Oder ist das gar kein Traum?

Filmhinweis

„Realite“ läuft auf der Viennale am 5.11. um 20.30 Uhr in der Urania.

Durchblicken wird wohl niemand in Dupieux’ launigem und intelligentem Vexierspiel um Ruhm und Hollywood-Ehre. Wird Jason Tantra am Ende den Schrei des Jahrhunderts finden? Das Wildschwein weiß es vielleicht.

Alexander Musik, ORF.at

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