Filmstill aus "Experimenter"

Viennale

„Experimenter“: Menschen sind schlecht

Michael Almereyda, bekannt für seinen „Hamlet“ mit Ethan Hawke in der Hauptrolle, hat sich nun des Milgram-Experiments angenommen. Am Anfang stand das Entsetzen nach dem Ende der Nazi-Herrschaft: Wie konnte es zum Holocaust kommen? Die Ergebnisse des drastischen Experiments führten zu heftigen Debatten. In den Hauptrollen des Films sind Peter Sarsgaard und Winona Ryder zu sehen.

„Experimenter“ folgt der Biografie des Soziologen Stanley Milgram - gespielt von Sarsgaard („Blue Jasmine“). Der Wissenschaftler entstammt einer jüdischen Familie. Im Fernsehen verfolgt er 1961 den Prozess gegen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann. Eichmann sagt sinngemäß, er habe einfach nur Befehle befolgt. Milgram will wissen: Ist es wirklich möglich, dass Menschen anderen schaden - bis hin zum Massenmord -, nur weil es jemand befiehlt? Ist das Böse wirklich so banal, so bürokratisch?

Filmstill aus "Experimenter"

Viennale

Der Proband schaut sich um und protestiert - nur um dann weiterzumachen

Milgram überlegt sich deshalb eine Versuchsanordnung, die ins Wissenschaftsgedächtnis der Allgemeinheit eingehen sollte wie sonst nur der Pawlow’sche Hund: das Milgram-Experiment. In einem Raum sitzt ein Schauspieler, der Stromstöße empfängt, er wird „Schüler“ genannt. Der eigentliche Proband, der „Lehrer“, sitzt im Nebenzimmer und weiß nicht, dass sein Gegenüber im anderen Raum ein Schauspieler ist.

Zweifel ja, Gnade nein

Der Lehrer glaubt, dass es um die Frage geht, ob Menschen besser lernen, wenn sie bestraft werden. Er stellt dem Schüler Fragen. Weiß dieser die Antwort nicht, bekommt er - angeblich - einen leichten Stromstoß versetzt. Der Lehrer muss einen Schalter betätigen. Mit jeder falschen Antwort wird die Intensität der Stromstöße verstärkt - das geht bis zu 450 Volt, einer Intensität, die Schmerzen und Gesundheitsgefährdung bedeutet. Der Schüler hat am Anfang sogar noch - hörbar für den Lehrer - gesagt, dass er schon einmal Herzprobleme hatte.

Filmstill aus "Experimenter"

Viennale

Stanley Milgram, knochentrocken gespielt von Peter Sarsgaard

Die spannendsten Szenen des Films sind diese Experimente, von Almereyda originalgereu und schnörkellos umgesetzt. Die Probanden versetzen dem Schauspieler vermeintlichen Stromstoß auf vermeintlichen Stromstoß. Als dieser aufschreit und erklärt, das Experiment beenden zu wollen, drehen sich die Probanden zum Versuchsleiter um. Einer etwa sagt: „Er sagt, er will nicht mehr.“ Der Versuchsleiter im Hintergrund antwortet „Bitte weitermachen“. Der Proband macht weiter. Der Schauspieler schreit noch mehr. Wieder protestiert der Proband, setzt aber wieder nach einem simplen „Wir müssen weitermachen“ das Experiment fort.

Bis er sich nicht mehr rührt

Irgendwann kommen aus dem Raum, in dem der Schauspieler sitzt, gar keine Antworten mehr. „Er könnte tot sein da drinnen!“, protestiert einer der Lehrer. Aber die Stromstöße verabreicht er nach einem „Bitte weitermachen“ trotzdem weiterhin. 65 Prozent der Probanden gehen bis zum Ende und verabreichen dem schweigenden Schauspieler das, was sie für einen 450-Volt-Stromstoß halten.

Filmstill aus "Experimenter"

Viennale

Winona Ryder als Milgrams Frau Sasha

Zahlreiche Medien berichten über die Experimente, sie bringen Milgram Ruhm. Zufriedenheit bringen sie ihm nicht. Regisseur Almereyda lässt es mit den Experimenten nicht auf sich beruhen, er folgt dem Wissenschaftler weiter auf seinem Lebensweg, der gepflastert ist von Vorwürfen. Sein Experiment schade den Probanden, hieß es. Dann wieder: Er sei selbst als Wissenschaftler autoritär - von wegen er entlarve Autorität. Und dann gibt es noch jene, die meinten, Milgrams Arbeit sei eine Schande und würde die Menschheit, zumal die Amerikaner, viel zu pessimistisch bewerten.

Filmhinweis

„Experimenter“ läuft bei der Viennale noch am 3.11. um 18.00 Uhr.

Ein Hauch von Optimismus

Milgram selbst hat ein anderes Problem. Er kann mit dem Ergebnis seiner Forschung nicht umgehen. In so einer Welt leben müssen? Und noch dazu beantwortete sein Experiment streng genommen nur die Frage, ob so etwas wie der Holocaust wieder möglich wäre - aber nicht die nach dem „Warum“. Aber Milgrams Leben ging weiter. Er publizierte Bücher und Dokus über sein Experiment und gründete eine Familie.

Der Film kommt nach dem Ende der Experimente etwas ins Trudeln, das meiste Pulver ist in der ersten Hälfte verschossen. Getragen wird der Rest von „Experimenter“ von Sarsgaard und von Winona Ryder, die seine Frau spielt. Ryder („Night on Earth“) versucht seit Jahren, nach einem Karrieretief wieder Fuß zu fassen. Ihr zurückgenommenes und punktgenaues Spiel in diesem Film empfiehlt sie für größere Rollen in größeren Filmen. Was „Experimenter“ bleibt, ist trotz allem eine positive Message: „Jeder Mensch hat eine Wahl.“

Simon Hadler, ORF.at

Link: