Ich und du und das Mädchen, das wir kennen
Gefühlsduselei ist nicht Greg Gaines’ Sache. Möglichst unbeschadet und ohne Stress möchte der 17-Jährige durch sein letztes Jahr auf der Highschool kommen. Seine diesbezügliche Strategie ist klar: Man muss sich mit allen Gruppierungen, die es auf der Schule so gibt, gut stellen, ohne selbst einer anzugehören. Die Theatergruppe, die Kiffer, die Nerds, die heißen Mädchen - im Laufe der Jahre hat Greg es geschafft, von allen akzeptiert, aber nicht weiter wahrgenommen zu werden.
Filmfreaks mit skurriler Schwäche
Den Großteil seiner Freizeit verbringt er mit Earl, den er nicht als Freund, sondern als Arbeitskollegen bezeichnet. Die beiden teilen eine Vorliebe für schräge Filmklassiker, die sie dann in selbst gedrehten iPhone-Kurzfilmen parodieren, wobei sie eine besondere Schwäche für Werner Herzogs Werke entwickelt haben.

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„Wir müssen mit dir reden“ - Gregs Mutter appelliert an sein Mitgefühl. Die Katze heißt Cat Stevens.
Als seine Klassenkameradin Rachel, die er kaum kennt, an Leukämie erkrankt, wird Gregs inexistentes Gefühlsleben auf die Probe gestellt. Seine Mutter drängt ihn zu einem Krankenbesuch und zwingt ihn so zu ungewohnter „Sozialarbeit“. Rachel, die völlig unbeeindruckt von Gregs plötzlichem Mitgefühl ist, steht dem Jungen mit ihrer grantigen Art in nichts nach und wird alsbald als ernst zu nehmendes Gegenüber respektiert. Nachdem auch Earl sich an die Dritte im Bunde gewöhnt hat, wird bald klar, was zu tun ist, um der Krankheit ihren Ernst zu nehmen: einen Film für Rachel drehen.
Kein herkömmlicher Teenagerfilm
Noch eine Coming-of-Age-Story mit tragischem Touch?, werden manche genervt fragen und an den letztjährigen Hype um „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ denken. Zur Beruhigung: „Me and Earl“ erinnert in seiner schrullig-skurrilen Machart eher an Wes Andersons „Rushmore“ als an herkömmliche Teenagerfilme. Neben der Story sind Gregs und Earls Mini-Filme, die immer wieder eingestreut werden und zum Brüllen komisch sind, das Herzstück des Films (siehe Trailer).
Der 42-jährige Regisseur Alfonso Gomez-Rejon hat sein Handwerk bei den ganz Großen gelernt. Er war Regieassistent von Martin Scorsese, Nora Ephron und Alejandro Inarritu und drehte später TV-Serien wie „Glee“ und „American Horror Story“. „Me and Earl“ ist sein zweiter Spielfilm und wurde beim diesjährigen Sundance-Filmfestival mit dem Großen Preis der Jury und dem Publikumspreis ausgezeichnet.
Aus einer sympathischen Hipster-Kreativwerkstatt
Gomez-Tejon hat den Film mit den Newcomern Thomas Mann, RJ Cyler und Olivia Cooke großartig besetzt, überrascht mit unkonventioneller Kameraführung und spielt mit Raum, Licht und ungewöhnlichen Bildausschnitten. Ungeniert mixt er Stop-Motion-Animationen mit Kapitelüberschriften und Voice-Over und serviert somit einen Film wie aus einer sympathischen Hipster-Kreativwerkstatt.

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Sorgfältig komponierte Bilder - der Regisseur versteht sein Handwerk
Filmhinweis
„Me and Earl and the Dying Girl“ startet am 4. Dezember in den österreichischen Kinos.
Während man sich anfangs in der Komfortzone eines Indie-Wohlfühlfilms wähnt, wird man spätestens in der zweiten Hälfte mit den Schattenseiten der Geschichte konfrontiert. Auf unsentimentale, aber sensible Art wechselt der Schauplatz von der Highschool zum Hospiz, durchgehend mit dem schwarzen Humor, der den Film ausmacht. „Das ist keine romantische Geschichte“, sagt Greg zu Beginn und gibt seiner zerbrechlichen Beziehung zu Rachel einen platonischen Rahmen. Aber wer braucht schon eine Liebesgeschichte, wenn sich eine Freundschaft am Ende als rührendes Gesamtkunstwerk herausstellt?
Sonia Neufeld, ORF.at