Filmstill aus "Irrational Man"

Viennale

Woody-Allen-Film: Der Midlife-Crisis-Mord

Der Traum des weißen alten Intellektuellen, wenn es nach dem Output namhafter Schriftsteller und Regisseure geht: Uniprofessor verführt junge Studentin. So oder so ähnlich sieht das aus, von Martin Walser über Philip Roth bis Woody Allen - auch in dessen jüngstem Film „Irrational Man“, einem der ganz großen Publikumsfilme bei der Viennale.

Die Rolle der Studentin Jill Pollard mimt in diesem Fall Emma Stone. Allen lässt seine Hauptfigur, den Uniprofessor Abe Lucas, gespielt von Joaquin Phoenix, von der jungen Frau schwärmen. Und natürlich schwärmt auch Allen selbst in höchsten Tönen von der 26-jährigen Stone. „Ich glaube, sie wird in den nächsten paar Jahren Amerikas größter weiblicher Star sein“, sagte der Regisseur der US-Zeitschrift „People“ bei der New Yorker Premiere des Films. „Sie ist phänomenal“, begeisterte sich der 79-Jährige über Stone.

„Sie ist schön, klug, talentiert, sexy, intelligent“, so Allen, „sie kann Komödien und ernste Sachen machen, sie singt, sie tanzt, es ist eine Freude, mit ihr zu arbeiten.“ Allen hatte Stone erstmals für „Magic in the Moonlight“ (2014) vor die Kamera geholt. In „Irrational Man“ ist sie, wiewohl eben sehr viel jünger, der rationale Counterpart zum Midlife-Crisis-geplagten Professor. Denn der gilt nicht nur als Freund des feuchtfröhlichen Feierns und der Affären - er ist auch ein Wirrkopf.

Filmstill aus "Irrational Man"

Viennale

Woody Allen und Emma Stone am Set von „Irrational Man“

Das vermeintlich perfekte Verbrechen

„Ich kann nicht schreiben, nicht lesen und ich erinnere mich nicht mehr an den Grund meines Lebens. Nichts, was ich jemals getan habe, war überzeugend“, lässt Allen seinen Abe depressiv vor sich hin granteln. Aber natürlich nimmt ihn niemand ernst. Und außerdem wendet sich bald alles zum Besseren. Erstens: wegen der Studentin. Zweitens: Beide sitzen in einem Restaurant, und Abe belauscht ein Gespräch am Nachbartisch - ein Gespräch, das ein Leben beenden und das von ein paar anderen Menschen umkrempeln wird.

Eine fremde Frau spricht mit jemandem darüber, wie schrecklich ihr Scheidungskrieg verläuft und dass ihr aufgrund eines schrecklichen Richters der Verlust des Sorgerechts für die Kinder droht. Abe hört das. Er beschließt, das perfekte Verbrechen zu begehen und den Richter zu ermorden. Perfekt, weil niemand ihn jemals mit dem Richter oder mit der Frau in Verbindung bringen wird. Jetzt hat Abe endlich eine richtige Aufgabe.

Filmstill aus "Irrational Man"

Viennale

Stone als Jill, Phoenix als Abe: Affäre Nr. 1

Techtelmechtel und Seelenverrenkungen

Abe wäre keine Woody-Allen-Figur, wenn das glattgehen würde. Jill droht ihm auf die Schliche zu kommen - und nicht nur sie. Auch Abes erwachsene Geliebte, aus deren Labor an der Uni er das Zyankali für den Mord geklaut hatte, zählt bald eins und eins zusammen. Jetzt nimmt der Film endgültig Fahrt auf. Ob Abe davonkommen wird, hängt in der Folge von äußerst komplizierten Techtelmechtel-Verstrickungen und damit einhergehenden Seelenverrenkungen ab. Er muss versuchen, sein Leben endlich auf die Reihe zu kriegen - sonst steht er nicht nur mit einem, sondern mit beiden Beinen im Knast.

Filmstill aus "Irrational Man"

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Abe mit Rita (Parker Posey): Affäre Nr. 2

Spontanhumor als Schaffensprinzip

Der Film arbeitet über weite Strecken mit Wortwitz und Situationskomik - Allens Markenzeichen. Im Interview mit dem britischen „Guardian“ sprach Allen über seinen kreativen Schaffensprozess in Sachen Humor. Eine rationale Herangehensweise sei ihm fremd, sagt Allen. Ein Witz oder eine lustige Situation würden ihm immer spontan zufliegen. Er sei selbst zunächst Publikum von dem, was ihm einfällt. Nachdenken würde er erst danach: „Mir fällt ein Witz ein, und ich denke mir: ‚Das ist ein lustiger Witz.‘ Und dann schreibe ich ihn ins Drehbuch.“

Filmhinweis:

„Irrational Man“ läuft bei der Viennale am 31. Oktober um 21.00 Uhr und am 2. November um 11.00 Uhr, jeweils im Gartenbaukino.

Österreichweit startet der Film am 13. November.

Sein Humor hilft Allen vielleicht auch, die Kritiken über „Irrational Man“ zu verdauen. Auf „Rotten Tomatoes“, wo die Rezensionen zahlreicher Medien ausgewertet werden, kommt der Film auf ein Rating von 42 Prozent Zustimmung. Das ist ein historisch schlechter Wert, ein Desaster. Medien wie die „Times“ schreiben, dass das Thema „älterer, neurotischer Mann und junge Frau“ ausgereizt und nur noch fad sei, dass Allen sich selbst - und das auch noch schlecht - kopiere, dass Emma Stones Talent hier vergeudet werde und das die Story absurd sei. Gnade vor Recht: „Irrational Man“ ist Allens 50. Film, der Regisseur wird in ein paar Wochen 80 Jahre alt.

Simon Hadler, ORF.at

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