Deephan

Viennale

Der Krieg geht weiter

Jacques Audiard hat sich für „Dheepan“ heuer die Goldene Palme abholen dürfen: Dheepan ist ein Ex-Rebell aus Sri Lanka, der unter falscher Identität und mit falscher Familie nach Frankreich einreist. In einer Satellitensiedlung bekommt er eine Stelle als Hausmeister – doch die Gewalt folgt Dheepan auf dem Fuß.

Mit „Ein Prophet“ hatte Jacques Audiard 2009 eine so virtuose wie beunruhigende Zustandsbeschreibung in einem französischen Gefängniss gedreht. Sein neuer Film versteht sich als Liebesfilm von einem neuen Standpunkt aus, wie der Franzose bei der Pressekonferenz in Cannes sagte. „Dheepan“ sei wie ein Trojanisches Pferd: mit einer vordergründigen Hauptgeschichte und einem dunklen Herzen, das tief im Inneren schlage.

J. Audiard

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Regisseur Jacques Audiard

Um in Audiards Bild zu bleiben: Dieses dunkle Herz ist die Geschichte von Dheepan, seiner angeblichen Frau und seinen beiden angeblichen Töchtern. Eine falsche Familie, die den französischen Behörden mit Hilfe eines geneigten Dolmetschers Lügen auftischt, um bleiben zu dürfen. Denn Dheepan ist kein Friedensaktivist, wie er behauptet, sondern kämpfte aufseiten der Tamilentiger gegen die Regierung in Sri Lanka. Er kennt weder Frau noch Kind, doch als Familie wird es mit der Aufenthaltsgenehmigung wohl leichter.

Als Hausmeister im Gangstermilieu

Die Rechnung geht auf: Dheepan bekommt bald eine Stelle als Hausmeister in einer heruntergekommenen Hochhaussiedlung bei Paris; er soll genau in dem Block Ordnung halten, wo Gangsterbanden mit Drogenhandel und Gewalt für Chaos sorgen.

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Dheepan und seine falsche Tochter lesen Nachrichten aus der alten Heimat

Audiard wollte mit „Dheepan“ einen Film über eine falsche Familie machen, die irgendwann so zusammenwächst wie eine echte: die sich vertraut und füreinander da ist, sagt er in Cannes. Da wusste er noch nicht, dass er wenige Tage später die Goldene Palme für den besten Film in Händen halten würde.

Pendeln zwischen Misstrauen und Anpassung

„Dheepan“ hat großartige Momente: wie sich die drei in eine fremde Welt einzuleben versuchen, zwischen Misstrauen und Anpassung pendeln. Wie sie Schritt für Schritt Familie spielen in der leeren Hausmeisterwohnung – obwohl sie doch drei Fremde sind, die zufällig dieselbe Sprache sprechen. Oder die soldatischen Aufwallungen, die den alten Kämpfer immer öfter ereilen, als er merkt, wie schnell er Ärger bekommt mit den Dealern und Aufpassern vor dem Wohnblock.

Der Hauptdarsteller war selbst Kindersoldat

Jesuthasan Antonythasan in der Hauptrolle war selbst Kindersoldat und Flüchtling. „50 Prozent meiner Rolle, das bin ich!“, sagte er in Cannes. Kalieaswari Srinivasan, die seine Frau spielt, hat Audiard in Chennai gecastet. Sie hat den Krieg in Sri Lanka nicht selbst erlebt, wie sie berichtet. Doch vorüber sei er auch heute nicht, selbst wenn er offiziell seit 2009 beendet sei.

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Vorsichtige Annäherung zwischen Fremden. Wird daraus eine echte Familie?

Audiard wusste nicht einmal, wo Sri Lanka auf der Landkarte zu finden war, als er mit „Dheepan“ begann. Doch das war ihm auch nicht so wichtig, wie man seinem Film deutlich anmerkt. Sicher, er ist authentisch in dem Sinne, dass fast nur Tamil gesprochen wird. Doch das wesentliche Stilelement in „Dheepan“ ist die Überhöhung. Und nur wenn man den Film, der sich so betont hart an der Wirklichkeit gefilmt gibt, jenseits von der überzeugenden Milieuschilderung sieht, kann man die Entscheidung der Jury, ihn als besten Film auszuzeichnen, verstehen.

Machete statt Wischmop

Um den Film so zu sehen, gibt es durchaus ein paar Hinweise: die sphärischen Klänge, die Nicolas Jaar an den richtigen Stellen in den Film streut, und die Bilder eines wunderbar gefleckten Elefanten, den Dheepan wiederholt halluziniert. Nur so ist der plötzliche Rollenwechsel Dheepans zu verstehen: Denn plötzlich tauscht Dheepan Mop und Werkzeugkasten gegen Machete und Schraubenzieher. Es gibt viel zu tun im Ghetto, und die Polizei kommt hier schon lange nicht mehr hin, suggeriert der Film.

Filmhinweis

„Dheepan“ läuft auf der Viennale am 31.10. um 11.00 Uhr im Gartenbaukino.

Offizieller Kinostart in Österreich ist der 11.12.

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Wer sich auf diese Überhöhung einlässt, bekommt ein packendes Flüchtlingsdrama unter einem wahrhaft neuen Blickwinkel erzählt. Wer dazu nicht bereit ist, wird immerhin mit vielen verblüffend schönen Bildern belohnt: darunter Dheepan mit blauem Blinklicht auf dem Kopf. Das vertickt er nachts zusammen mit weißen und roten Lichtern in den Pariser Ausgehvierteln, immer auf der Flucht vor der Polizei. Bleu-blanc-rouge: Willkommen in Frankreich!

Alexander Musik, ORF.at

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