„The Lobster“: Lust- und Liebeszwang
In der offiziellen Beschreibung wird der Film als „Science Fiction Comedy Drama“ beschrieben, aber eigentlich ist er eine Kategorie für sich. Beschrieben wird in „The Lobster“ von Regisseur und Drehbuchautor Yorgos Lanthimos eine dystpoische Gesellschaft, eine kleine, klar abgegrenzte Welt. In „The City“ leben die Menschen ein durchdesigntes Leben, zu dem verpflichtend auch eine Paarbeziehung gehört.

Viennale
Lea Seydoux als Anführerin der „Loner“. Dieses Schwein war früher ein Mensch.
Wer zu lange Single ist, der kommt in „The Hotel“, ein verschmocktes Verkuppelungs-„Paradies“. Dort hat man 45 Tage Zeit, einen Partner zu finden. Gelingt das nicht, wird man in ein Tier seiner Wahl verwandelt und im Wald ausgesetzt. Im Wald leben aber auch die „Loner“, die der City- und Hotelwelt entflohen sind. Sie werden von den Hotelbewohnern mit Betäubungsgewehren gejagt, um schließlich auch noch verwandelt zu werden. Für erfolgreiche Schützen gibt es zusätzliche Tage vor der Tierwerdung.

Viennale
Schicksalsgenossen: Reilly, Ben Whishaw und Farell suchen den Zwangsflirt
Jeder Kopf ein Charakter
Lanthimos war bisher so etwas wie ein berühmter Geheimtipp. Mit seinen drei griechischen Spielfilmen wurde er schon für den Auslands-Oscar nominiert, hat einen Spartenpreis in Cannes gewonnen und war für den Goldenen Löwen von Venedig nominiert. Eine Basis, die gereicht hat, um ordentliche Produzenten für sein englischsprachiges Spielfilmdebut an Land zu ziehen - Produzenten, die ein brauchbares Budget zusammenbringen.
Farrell bei einer Pressekonferenz in Cannes darüber, wieso er beim Film mitgemacht hat und wieso er ihn bis heute nicht versteht
Farrell über seinen bauchigen „Dad Bod“ im Film, den er eher für den Körper eines verzweifelten Singles hält
Es war klar: Bei der Verfilmung einer Geschichte wie dieser muss jedes Detail passen, jeder Schauspieler so gecastet sein, als sei er schon in die Rolle geboren worden. Sonst kippt das Absurde rasch ins Blöde. Das ist nicht passiert. Nicht nur Farrell, Weisz, Seydoux und Reilly glänzen - jede Nebenrolle sitzt, jeder Kopf ist hier ein Charakter. Auch die Location wurde in starken, farbenfrohen Bildern in Szene gesetzt. Gedreht wurde im verschlafenen Südwesten von Irland. Die Akkuratesse hat sich ausgezahlt: In Cannes wurde „The Lobster“ mit dem Preis der Jury ausgezeichnet.
Wenn Zusammenpassen zur Pflicht wird
Farrell spielt David, der gemeinsam mit seinem in einen Hund verwandelten Bruder im spießigen Zwangsflirthotel eincheckt. Er würde gerne „bi“ wählen, aber diese Option gibt es wegen administrativer Schwierigkeiten seit einem Jahr nicht mehr. Also hetero. Nun gilt es, eine Frau zu finden, mit der David ein deutliches Merkmal teilt. Denn so läuft das hier. Zusammenpassen, das heißt etwa: Beide neigen zu Nasenbluten. Oder: Beide sind hartherzig.
Filmhinweis
„The Lobster“ läuft bei der Viennale noch am 3. November um 11.00 Uhr im Gartenbaukino.
Der tragische Grundton des Films wird von der schlagkräftigen Situationskomik niemals konterkariert, sondern im Gegenteil sogar noch unterstrichen. Ein Freund, der seinen Kopf dauernd irgendwo dagegen schlägt, um wie seine Auserwählte aus der Nase zu bluten. David, der tollpatschig den Hartherzigen mimt, um bei Miss Eiseskälte zu punkten. Aber schließlich rückt der Tag der Verwandlung näher, und David büxt in den Wald aus.

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Verbotene Lust: David (Farrell) und seine ebenfalls kurzsichtige Freundin (Weisz)
Lanthimos’ Vorstellung von Romantik
Im Hotel hatte David niemanden gefunden. Bei den „Lonern“ im Wald jedoch verliebt er sich, just dort, wo schon jeder kleinste Flirt mit drakonischen Folterstrafen geahndet wird. Denn die strenge Führerin der einsamen Herzen duldet keine Liebe. Wird David mit seiner Angebeteten also von den Lonern getötet oder von Hotelgästen im Wald erlegt und in einen Lobster verwandelt? Oder schaffen es die beiden, in die Stadt zu gelangen und als rechtschaffenes Paar zusammenzuleben?
Der Film sorgt nicht nur wegen der zahlreichen, großartigen Einfälle des Regisseurs für Staunen - er ist auch unheimlich spannend. Psychologisch-philosophische Fragen wirft „The Lobster“ ebenfalls auf. Wie sehr fühlen wir uns durch gesellschaftlichen Druck in Rollen- und Lebensmodelle gezwungen? Aber einfache Interpretationen wiesen sowohl der Regisseur als auch die Schauspieler bei einer Pressekonferenz in Cannes zurück. Lanthimos nennt den Film gar „romantisch“. Man mag sich kaum vorstellen, wie für ihn das perfekte Date aussieht.
Simon Hadler, ORF.at
