Nanni Moretti und Marghareta Buy

Viennale

Nanni Moretti und das Gesetz der Mutter

Vierzehn Jahre nach „La Stanza del Figlio“ nimmt Nanni Moretti mit „Mia Madre“ nochmals die letzte Lebensetappe im Spielfilmformat in den Blick. Der Abschied von der todkranken Mutter bringt eine Familie zwangsweise zusammen. Alte Rollenmuster kollidieren am Krankenbett, das Gesetz der Mutter kommt ins Wanken. Und doch offenbart der Moment der Verunsicherung eindringliches, bezauberndes Kino, das sich, stur wie eh und je bei Moretti, dem großen Moment verweigert.

Eine italienische Familie gilt in der Projektion gerne als Kreis, wo jeder um seine angestammte Rolle weiß. Familie ist Ritual, und die oberste Wächterin über alle Rituale kann nur die Mutter sein. Ein nahender Tod dieser Führungsfigur muss ein System ins Wanken bringen. Regisseur Nanni Moretti stellt sich in seinem neuen Film gleich zwei Fragen. Was, wenn eine Familie aufzubrechen beginnt, wenn ihr zentralster Baustein abhanden kommen wird - und was geschieht mit unserem sozioökonomischen System, wenn Fabriken nicht mehr nach einem unausgesprochenen Grundvertrag zwischen Führung und Arbeitern funktionieren?

In der Fabrik gilt das Gesetz des Vaters, des Patrons, des Patriarchen, der aus der Führungs- und Produktionslogik immer auf Distanz zu seinen Mitmenschen aus ist. In der Familie gilt das der Mutter - eines, das Nähe verspricht, aber nicht unbedingt Nähe bedeuten muss, wie sich im Zuge dieses Films herausschälen wird.

Die Frau am Set

Scharnier, um die Makro- und Mikroperpektive des Zusammenlebens zusammenzuspannen, ist in diesem Film die Regisseurin Margherita (Margherita Buy), die einen Film über den Zusammenhalt der Gesellschaft dreht. Über Jahre im Geschäft etabliert, kann sie sich auf eine breite Gruppe von Unterstützern verlassen und wagt für ihren neuen Film die Hereinnahme eines Hollywood-Stars: John Turturro soll den Chef einer Fabrik spielen, der vor einem Kampf mit den Arbeiterinnen und Arbeitern steht, der aber nicht in den Dialog mit den Beschäftigten kommen wird.

Doch viel fataler für das Filmprojekt erweist sich, dass der italoamerikanische Star als Expatriat die Codes einer veränderten italienischen Kultur nicht lesen kann. Er kann sein Italienisch aus den USA mitbringen, doch sein kulturelles Gedächtnis bezieht sich auf ganz andere Entwicklungen (und bestenfalls eben: seine eigene Familie). Sein Bild von Italien ist eines großer Namen.

Codes funktionieren nicht

„Rosellini, De Sica“, wird er einmal bei einer Heimfahrt vom Set aus dem Auto in die Nacht schreien und verlangen, man möge ihn in die Via Veneto bringen. Doch „Dolce Vita“ und Anschaffen, das war früher mal. Die italienischen Codes, die er aus den USA kennt, ziehen nicht in der Gegenwart und schon gar nicht an diesem Set, in dem die Frau das autoritative Gesetz ist.

John Turturro

Viennale

John Turturro als Firmenchef: Findet nicht in die Codes der Gesellschaft

Wem gehört der Platz der Mutter?

Margheritas Konflikt mit dem Mann am Set findet privat ihre Fortsetzung. Sie will sich um ihre Mutter (Giulia Lazzarini) kümmern, die im Sterben liegt. Doch die vorsichtige Annäherung an das Krankenbett samt mitgebrachtem Essen wird jäh vom Bruder, Giovanni (gespielt von Nanni Moretti selbst), unterbrochen, der mit großem Selbstverständnis als Stammhalter der Familie das zu konsumierende Essen ausbreitet. Am Krankenbett ist er Sohn, Mann, Stammhalter - und zugleich inkorporiert er die Rolle der Mutter für den Fall ihres Ablebens.

Von diesem Spiel zieht sich Margherita zurück. Eine Reihe von Unsicherheiten haben ihr die Kraft genommen, noch einmal die ganze Situation zu kippen. Deutlich wird in den Rückblenden des Films die Entfremdung zwischen Mutter und Tochter, die aber im Sinn eines Generationenwechsels doch unvermeidbar war. In den kleinen Episoden wird die Geschichte zweier starker Frauen in zwei unterschiedlichen Lebenskontexten deutlich, die eines eint: unbeugbare Sturheit (immerhin das Lieblingsmotiv in den Filmen Morettis).

Der Kit einer Familie

Sturheit ist es, was diese Familie zunächst zusammenhält. Jeder hat in diesem Kreis doch seinen eigenen Kopf. Aber die Magie in diesem Film setzt in jenem Moment ein, als niemand mehr weiterweiß: die Mutter, die ihr Schicksal erkennt, aber sich diesem ergeben muss, der Sohn, der selbst mit seiner Berufsbiografie und den etablierten Mustern bricht - und die Tochter, weil am Ende das Übermaß an Baustellen und Aufgaben kein Weiter-so zulassen.

Filmhinweis

„Mia Madre“ läuft bei der Viennale am 25.10. um 20.30 Uhr und am 28.10. um 11.00 Uhr im Gartenbaukino.

In den österreichischen Kinos startet der Film am 20.11.

Moretti lässt am Ende diese Familie mit sich selbst allein. Die Makrosysteme Gesellschaft und Wirtschaft blendet er langsam aus - und immer genauer schaut er hin, wie eine Familie als gesellschaftlicher Kleinstverband zusammenfindet. Im Moment der größten Unmöglichkeit beginnen sich drei Generationen einander zu öffnen.

Moretti thematisiert im Blick auf diese Familie sein Verständnis von Kino und seine Bereitschaft, das Erbe des Verismus und Neorealismus aufzugreifen. Er blickt in und auf Gesichter, wenn Menschen eigentlich nicht mehr betrachtet werden wollen. Moretti macht das ohne Lakonie, ohne Pathos, aber mit Bereitschaft, Zwischennuancen zuzulassen, als kämen diese ohnedies von sich selbst. Die Stärke des Menschen blüht in den Momenten größter Unsicherheit.

Gerald Heidegger, ORF.at

Links: