Ausbruch aus dem Wolfsrudel
Sie heißen Bhagavan, Govinda, Jagadisa, Krsna, Mukunda, Narayana und Visnu und haben den Großteil ihrer Kindheit eingesperrt in einem Apartment in Manhattan verbracht. Über 14 Jahre lang hat ihr Vater Oscar Angulo die sechs Brüder und ihre Schwester, die mit einem Gendefekt geboren wurde, vor der Welt versteckt, um sie zu beschützen, wie er sagt. Angulo, Südamerikaner und ehemaliger Krishna-Anhänger, empfand die Außenwelt schon immer als gefährlich und unberechenbar, wie es im Film heißt.
Gefangen im Mikrokosmos einer Wohnung
Wie ein Rudel wollte er seine Familie um sich haben, als Oberhaupt und Führer seiner eigenen Miniatursekte. „Unser Vater sagte immer, dass er besser sei als alle anderen“, erzählt einer der Brüder. „Er sagte, er sei Gott und erleuchtet. Der, der alles weiß.“ Isoliert von der Außenwelt, wuchsen die Kinder im Mikrokosmos eines heruntergekommenen Apartments an der Lower East Side auf. Der Vater hatte den einzigen Schlüssel zur Wohnungstür, die immer versperrt und verbarrikadiert war. In manchen Jahren verließen sie das Haus nur einmal, in anderen gar nicht. Bei diesen Ausflügen wurden die Kinder angewiesen, nicht mit Fremden zu sprechen, ja sogar jeden Blickkontakt zu vermeiden.

Viennale
Das Fenster zur Welt und der Traum von Amerika
Der Vater - der sich ganz und gar einem „normalen“ Leben verweigerte - wird in Rückblenden als arbeitsloser Alkoholiker mit Hang zum Größenwahn dargestellt. Den Familienunterhalt verdiente die Mutter, indem sie die sieben Kinder zu Hause unterrichtete und Sozialhilfe empfing. Wie nach einer seltsamen Art von Gehirnwäsche ihrem Mann untergeordnet, opferte sie sich - von Schuldgefühlen geplagt - für ihre Kinder auf. Es macht zutiefst betroffen, wie die Söhne ihre Mutter bedingungslos lieben, ihre Mitschuld ausblenden und sie am liebsten vor dem Vater beschützen würden, dem sie selbst schutzlos ausgeliefert sind.
Filme als Parallelwelt
Das einzige Fenster zur Außenwelt, das der Vater erlaubte, waren die DVDs, die sich zu Tausenden in der viel zu engen Wohnung stapelten. Von „Citizen Kane“ bis „The Dark Knight“ - Filme bestimmten das Leben der Geschwister tagein, tagaus. „Ohne Filme hätte unser Leben keinen Sinn“, sagt Mukunda, der zweitälteste Sohn. „Sie haben uns eine Parallelwelt eröffnet.“

Viennale
Auf einer alten Schreibmaschine oder händisch transkribierten die vom Internet abgeschnittenen Brüder jedes Wort ihrer Lieblingsfilme
Ihre Neugierde und Kreativität lebten die Brüder aus, indem sie ihre Lieblingsfilme nicht nur immer und immer wieder anschauten, sondern indem sie diese auch nachspielten. Akribisch transkribierten sie die Dialoge - händisch oder mit einer alten Schreibmaschine - und stellten Szene für Szene nach. Detailgetreu bastelten sie Kostüme aus Cornflakes-Packungen und alten Yogamatten, bis Batman tatsächlich zum Leben erweckt schien. Ihre Performances halfen ihnen, der Isolation und Einsamkeit zu entkommen - sie entflohen zum Paten in die Straßen von Sizilien, nach Gotham City oder zu Scarlett und Rhett in die Südstaaten des 19. Jahrhunderts.
Auszeichnung
„The Wolfpack“ gewann beim diesjährigen Sundance-Filmfestival den Großen Preis der Jury.
Schritt in die Freiheit
Unglaublich, wie höflich, charmant und eloquent die Burschen aus ihrem Leben erzählen. Sie erscheinen nicht wie Opfer, sondern wie erwachsene Menschen, die über eine längst vergangene Zeit reflektieren. Fünf Jahre ist es her, dass einer von ihnen den Mut gefasst hat, aus dem Gefängnis auszubrechen. Mukunda verließ als Fünfzehnjähriger im Jänner 2010 als Erster ohne Begleitung verbotenerweise die Wohnung. Dieser Schritt in die Freiheit brachte die Autorität des Vaters nachhaltig ins Wanken.

Viennale
Verbunden durch ihre Leidenschaft für Filme: Regisseurin Crystal Moselle und die Angulo-Brüder
Nachdem der Bann gebrochen war, traute sich auch der Rest der Familie in die Außenwelt. Auf einem ihrer ersten gemeinsamen Ausflüge in den Straßen von New York begegneten die Brüder der jungen Filmstudentin Crystal Moselle. Durch das seltsame Äußere - schwarze Anzüge, Sonnenbrillen, hüftlange Haare - auf das „Wolfpack“ aufmerksam geworden, sprach Moselle die Brüder an und stieß so auf die unglaublichste Geschichte, die sie sich nur vorstellen konnte. Der Grundstein für ihren ersten Dokumentarfilm war gelegt.
Als erster Mensch von außerhalb war es der Regisseurin erlaubt, die Wohnung der Angulos zu betreten. Für „The Wolfpack“ montierte sie alte Super-8-Filme der Familie mit aktuellen Aufnahmen ihrer Handkamera und gewährt somit intime Einblicke in die bizarre Welt ihrer Protagonisten.
Filmhinweis
„The Wolfpack“ wird bei der Viennale noch am 31.10. um 13.00 Uhr in der Urania gezeigt.
Nichts, was es nicht gibt
Die Kamera fängt ein, die Porträtierten erzählen, aber Fragen werden kaum gestellt, wodurch für den Zuschauer so manches offen bleibt. Wie hat der Vater auf den Ausbruch reagiert? Wurde er später strafrechtlich belangt? Was ist mit der Mitschuld der Mutter? Gab es sexuellen Missbrauch? Warum hat niemand im Haus etwas bemerkt? Wie gestaltete sich die Eingliederung in die Gesellschaft? Und was geschah mit der Schwester, die kaum am Familienleben teilgenommen hat? Trotz aller offenen Fragen kann man sich dem Sog, den diese unglaubliche Geschichte auf der Leinwand entwickelt, nicht entziehen, sie lässt einen letztlich fasziniert und ein wenig kopfschüttelnd zurück. Vor allem mit einem Gedanken: Es gibt auf dieser Welt wohl nichts, was es nicht gibt.
Sonia Neufeld, ORF.at
Links:
- The Wolfpack (offizielle Seite)
- Interview mit Crystal Moselle (Sundance-Filmfestival)