Szene aus "Spotlight"

Viennale

Aufdeckerjournalismus auf Oscar-Kurs

Im Jahr 2001 deckt ein Journalistenteam des „Boston Globe“ einen großangelegten Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche auf, der seit den 1970ern zahllose Opfer forderte und systematisch vertuscht wurde. Tom McCarthys „Spotlight“ beleuchtet den Entstehungsprozess dieser Geschichte und schafft es, auch ohne Sensationsgier zu fesseln. Der Film wird in den USA zu Recht bereits als Oscar-Kandidat gehandelt.

Manchmal braucht es einen Unbeteiligten, um einen Änderungsprozess anzustoßen: Im Juli 2001 übernimmt Martin Baron (im Film gespielt von Liev Schreiber) die redaktionelle Leitung des „Boston Globe“. Der aus Florida stammende Journalist ist gleichzeitig der erste jüdische Chefredakteur der Tageszeitung in der katholisch geprägten Metropole im Nordosten der USA. Mit einem Anteil von über 50 Prozent machen Katholiken auch den Großteil der Abonnenten aus - und obwohl es niemand offen ausspricht: Daran soll sich besser nichts ändern.

Monatelange Recherche

Doch Baron ist der Fall von John Geoghan - einem Priester, dem mehr als 80 Vergewaltigungen zur Last gelegt wurden - mehr als nur eine Randnotiz wert. Er setzt das „Spotlight“-Team auf den Fall an, das mit langfristigen Recherchen große Themenkomplexe bearbeitet. Unter der Leitung von Walter „Robby“ Robinson (Michael Keaton) wird in den folgenden Monaten ein Skandal aufgedeckt, der knapp 100 Geistliche in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch und Vergewaltigungen bringt - und mehrere hundert Opfer zählt.

Szene aus "Spotlight"

Viennale

Redaktionsalltag als spannende Geschichte: Michael Keaton (l.) und Mark Ruffalo in den nachgebauten Räumlichkeiten des „Boston Globe“

Spannung an Schreibtischen und in Bibliotheken

Regisseur McCarthy („The Visitor“, „Station Agent“) versteht es, diesen langwierigen und vielschichtigen Prozess auf der Leinwand so anzuordnen, dass er einen verfolgbaren Handlungsstrang ergibt, der über die gesamte Länge von mehr als zwei Stunden spannend bleibt. Dabei verzichtet er auf die üblichen Stilmittel wie Rückblenden (mit Ausnahme einer kurzen Szene gleich zu Beginn) und beklemmende Gewaltdarstellungen.

Stattdessen stellt McCarthy die journalistischen Arbeitsvorgänge in den Vordergrund, was erst einmal alles andere als aufregend klingt: Der Großteil der Handlung spielt in Büros, Archiven, Cafes, Kellern und selten in Gerichtssälen. Doch gerade an diesen Orten entfaltet sich eine Geschichte, die zusehends ungeahnte Ausmaße annimmt - und oft vor ebenso großen Hürden steht. Das Publikum ist dabei stets auf Augenhöhe mit den Redakteuren, selbst wenn die Ergebnisse ihrer Arbeit bekannt sind.

Oscarverdächtiger Ensemblefilm

An der Seite von Michael Keaton, der sich mit seiner Rolle nach „Birdman“ im Vorjahr auch dieses Jahr wieder für eine Oscar-Nominierung aufdrängt, spielen Mark Ruffalo, Rachel McAdams und Brian d’Arcy James überzeugende Redakteure, was ihnen in Interviews auch von ihren realen Vorbildern bestätigt wurde. Egal, ob Schauplätze oder -spieler: McCarthy legt sein Hauptaugenmerk auf eine möglichst detailgetreue Wiedergabe der Ereignisse.

Dabei wird auch nicht außer Acht gelassen, dass sich der „Globe“ selbst mit Kritik auseinandersetzen musste. Die Missbrauchsvorwürfe gegen die Kirche waren 2001 keine Neuigkeit, immer wieder wurde das Thema an die Redaktion herangetragen - auch das „Spotlight“-Team selbst ging in der Vergangenheit nicht immer allen Hinweisen nach, allzu oft schafften es Meldungen zu dem Thema gar nicht erst auf die Titelseite.

Filmhinweis

„Spotlight“ läuft bei der Viennale noch am 27. Oktober um 10.30 Uhr im Gartenbaukino.

Österreichischer Filmstart ist voraussichtlich im Februar 2016.

Medien in Zeiten der „Filterblase“

Der Film scheint es aber ohnehin nicht als seine Aufgabe zu sehen, einen Schuldigen auszumachen. Während in Onlinediskussionsforen Ängste geäußert werden, „Spotlight“ wäre ein kirchenfeindlicher Film, scheint McCarthy viel eher daran interessiert zu sein, wie Medien als „vierte Gewalt“ des Staates in der Lage sind, herrschende Zustände dauerhaft zu verändern. Gleich mehrmals wird erwähnt, dass sich ohne Aufmerksamkeit der Presse nichts ändern könne.

Es ist daher wohl auch kein Zufall, dass „Spotlight“ ausgerechnet jetzt erscheint. In einer Zeit, in der den Medien immer wieder ihre Glaubwürdigkeit abgesprochen wird, während es umgekehrt immer einfacher wird, ungewollte Meinungen - wortwörtlich - auszublenden, zeigt Regisseur McCarthy, dass Journalismus in der Lage ist, Missstände aufzuzeigen und Veränderungen anzustoßen. Auch dann, wenn es manchmal gegen die Interessen der eigenen Leserschaft geht.

Florian Bock, ORF.at

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