Und die Moral ist die Geschicht’
Der Film ist phänomenal - und ein Phänomen. Er ist eine Ansammlung von Unmöglichkeiten. 1981 wird heute rückblickend als modische Unzeit angesehen. Die Branche der Öllieferanten gilt nicht gerade als sexy, genauso wenig wie heruntergekommene Lagerhallen irgendwo im New Yorker Stadtteil Queens. „A Most Violent Year“ dauert zwei volle Stunden und erzählt dabei eine Geschichte, für die auch eine halbe Stunde gereicht hätte. Selbst das Bildmaterial sieht nach frühen 80ern aus. Und es gibt kaum Filmmusik.
Was hat J. C. Chandor richtig gemacht, dass aus so vielen Unstimmigkeiten ein stimmiger Film entstehen konnte? Es ist die Präzision, mit der er arbeitet - Chandor erlaubt sich und seinem Team keine Schludrigkeiten. Jede Einstellung ist wohlüberlegt. Chastain trägt ausschließlich Armani. Die paar Einsprengsel an Musik sind punktgenau platziert: „Una Lacrima Sul Viso“ in der Version von Ciao Italia, wenn das mafiöse Kartell zusammensitzt; hie und da kurze Streicherarrangements, sparsam eingesetzt; und beim Abspann Alex Eberts „America for me“ - kaum jemand wird aufstehen, bevor der Song zu Ende ist.

Viennale
Abel (Oscar Isaac) und Anna (Jessica Chastain) blicken der Wahrheit ins Auge
Filmhinweis
„A Most Violent Year“ läuft bei der Viennale noch am 27. Oktober um 6.30 Uhr und am 28. Oktober um 20.30 Uhr, jeweils im Gartenbaukino.
Denkwürdige Doppelconference
Vor allem aber sind da die beiden Hauptdarsteller, auf der Höhe ihrer Kunst: Isaac und Chastain. Die beiden spielen in einer denkwürdigen Doppelconference das Ehepaar Anna und Abel Morales. Nomen est omen - es geht um die Moral. Abel hat sich vom Tankwagenfahrer zum Besitzer einer Lieferantenfirma hochgearbeitet, allerdings nicht ohne das Mafia-Geld der Familie seiner Frau. Sonst aber will Abel nicht in kriminelle Machenschaften verstrickt werden. Ein fairer Arbeitgeber will er sein. Seine Konkurrenz durch das bessere Angebot ausstechen will er. Fleißig will er sein - und dabei smarter als alle anderen.
Nur: So laufen die Dinge nicht im Winter des Jahres 1981. Erst ab 1993 ging die Gewalt in New York drastisch zurück. Damals aber war sie gerade auf ihrem Höhepunkt. Mafia-Bosse regierten wie Bezirkskaiser, Mord und Totschlag standen an der Tagesordnung. Das Ölgeschäft war als Kartell organisiert. Rayons wurden aufgeteilt. Als Abel sich in die Gebiete seiner Konkurrenten vorwagt, werden seine Transporter plötzlich reihenweise ausgeraubt, die Lkw-Fahrer zusammengeschlagen.
Volles Risiko
Gleichzeitig hat Abel sich auf den riskantesten Deal seines Lebens eingelassen: Ein orthodoxer Jude überlässt ihm gegen einen horrenden Vorschuss das zentrale Öllager am Fluss. Bringt er den Rest des Geldes bis zum Ende des Monats auf, gehört das Lager ihm. Wenn nicht, ist der Vorschuss verloren und das Lager darf an jemand anderen verkauft werden. Doch als die Gewalt rund um die Firma eskaliert und auch noch die Staatsanwaltschaft wegen Unterschlagung zu ermitteln beginnt, zieht die Bank ihre Zahlungszusage zurück. Jetzt zählt für Abel und seine Frau jede Minute. Der Ruin des jungen Imperiums droht.

Viennale
Chastain war für ihre Darstellung der Anna bei den Golden Globes nominiert
Die flirrende Spannung eines zeitlosen Klassikers
Der Suspense entwickelt sich auf mehreren Ebenen: Wird Abel seine gewalttätigen Widersacher stoppen können? Wird er das Geld zusammenbekommen? Und vor allem: Wird er beides schaffen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen, ohne die Hilfe der Mafia-Familie seiner Frau in Anspruch zu nehmen und ohne selbst mafiös zu agieren? Abel und seine Frau halten zusammen, aber sie haben unterschiedliche Ansichten darüber, wie man noch retten kann, was zu retten ist. Der Film ist in seinen Einstellungen und vom Schnitt her betont langsam - und dennoch flirrt die Spannung.
Sämtliche namhafte Medien im englischsprachigen Raum überschlugen sich in ihren Kritiken, von der „New York Times“ über „Variety“ bis zum „Guardian“. Auf Kritikerfestivals wurde der Film mehrfach ausgezeichnet. „A Most Violent Year“ hat aber das Zeug zum Klassiker auch für eine breitere Zielgruppe als Rezensenten. Er beschäftigt sich mit einer Frage, die jeder aus seinem eigenen Familien- und Arbeitsleben und aus seinem Freundeskreis kennt: Soll man zu hundert Prozent anständig bleiben oder lieber schauen, wie man weiterkommt? Der Film gibt darauf eine Antwort - aber die sei hier nicht verraten.
Simon Hadler, ORF.at