Auf Partnersuche im Tinder-Zeitalter
Phoebe ist jung, attraktiv und findet trotzdem keinen Partner, der ihre Bedürfnisse befriedigen kann: der Alptraum der Millennials - jener Generation, die zwischen Starbucks und der „Occupy“-Bewegung hin- und herpendelt. Die große Liebe wird bevorzugt mittels App gefunden und wie bei Tinder im nächsten Augenblick genauso unkompliziert weggewischt. Diesen Eindruck vermittelt zumindest die amerikanische Regisseurin Jiyoung Lee in ihrem zweiten Feature, das zur Hälfte über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanziert wurde.
Sexspielzeug zum Musizieren
Lee selbst bezeichnet ihre Protagonistin als Soziopathin, was bereits in der ersten Szene deutlich gemacht werden soll: Ein Theremin ist an sich schon ein außergewöhnliches Musikinstrument - doch Phoebes Vorstellung, wie sie damit am besten ihren Gast in Stimmung bringt, geht noch einen Schritt weiter. Zuerst muss ihr Sexspielzeug zum gemeinsamen Musizieren herhalten, dann soll der Mann selbst einspringen - doch der ergreift lieber die Flucht.
„Why am I surrounded by crazy people?“
Dass in der folgenden Szene das Spielzeug rituell begraben wird, rundet den Gesamteindruck der Protagonistin bereits in den ersten Minuten ab und lässt - zumindest vorerst - keine Zweifel daran, wer hier der „Female Pervert“ ist. Mit jedem neuen Partner setzt sich die Skurrilität fort: Das ist beim ersten Mal noch lustig (wohl auch, weil man als unbeteiligter Zuschauer nicht darauf vorbereitet ist), in der Folge aber immer unbehaglicher mitanzusehen.
Während Phoebe über ihren „Kink“, ihre ungewöhnlichen sexuellen Vorlieben, als „perverser“ Charakter gezeichnet wird, deckt ihr Umfeld dagegen ein breites Spektrum an Eigenheiten ab, die in den letzten Jahren den Diskurs in amerikanischen Medien bestimmt haben. Egal, ob 9/11-Verschwörungstheorien, Impfgegner, Veganismus oder Orthorexia (der Zwang, sich ausschließlich gesund zu ernähren): „Female Pervert“ ist eine scharfzüngige Interpretation der US-Hipsterkultur, die die Neigungen ihrer Protagonistin nach und nach relativiert.

Viennale
Phoebe (Jennifer Kim) und Teilzeitveganer und -Yogi Allen (Joshua Mikel) beim gemeinsamen Picknick: kein Traumpaar.
Hier werden ausschließlich Männer sexualisiert
Gespür für brisante Themen beweist die Regisseurin auch mit ihrem Zugang zum Feminismus, der schon als Slogan für die Kickstarter-Kampagne diente: „Phoebe empowers women by objectifying men.“ Das wird einerseits über die Charakterisierung umgesetzt, andererseits durch die Bildebene unterstützt. Anders als es der Titel vielleicht vermuten lassen würde, werden - und auch dann nur selten - ausschließlich Männer nackt gezeigt, mitunter nur auf ihre Geschlechtsteile reduziert, ein Seitenhieb auf den „Trend“ zur Sexualisierung weiblicher Rollen in Hollywood.
TV-Hinweis
Ein ausführliches Roundup zur Viennale bringt am Sonntag ab 10.15 Uhr in ORF 2 die „matinee“
Den interessant geschriebenen Figuren, die alle auf ihre eigene Art aus der Norm ausbrechen, wird allerdings nicht genug Zeit gegeben, sich zu entwickeln - nur 62 Minuten dauert „Female Pervert“. So bleiben viele Fragen offen, mehr als ein flüchtiger Einblick in das Leben der Protagonistin und ihrer Umgebung geht sich in diesem kurzen Zeitraum nicht aus. Damit kratzt Lee auch thematisch immer nur an der Oberfläche, zusätzlich gehindert durch die durchmischte schauspielerische Leistung, aus der nur Hauptdarstellerin Kim positiv hervorsticht.
Filmhinweis
„Female Pervert“ läuft bei der Viennale am 23. Oktober um 16.00 Uhr im Stadtkino im Künstlerhaus und am 24. Oktober um 18.00 Uhr im Metro-Kino.
(Zu) Kurzes Vergnügen
Letztendlich ist „Female Pervert“ vor allem ein Projekt voller vielversprechender Ansätze. Ob Rollenumkehr oder kritischer Blick auf die Generation der Millennials: Regisseurin Lees Ideen und Anliegen sind deutlich zu erkennen, etwa anhand der prävalenten Rolle des Theremins - ein Instrument, das - vermutlich kein Zufall - gänzlich ohne Berührungen auskommt.
Durch die bescheidene Länge und den daraus resultierenden hastigen Umgang mit den zahlreichen Themen bleibt allerdings kaum Zeit, auf solche Details zu achten. Stattdessen dominiert unbeschwerte Unterhaltung, die sich mit einem Kickstarter-Budget - für den Film wurden umgerechnet rund 7.000 Euro gesammelt - wahrscheinlich besser realisieren lässt, als ein für alle Mal zu klären, was als „normal“ und was als „pervers“ gilt.
Florian Bock, ORF.at
Links:
- Female Pervert (Viennale)
- Female Pervert (Kickstarter-Kampagne)
- Jiyoung Lee (IMDb)
- Jennifer Kim (IMDb)