Szene aus "Carol"

Wilson Webb / Filmladen

Verbotene Liebe in Rot

Todd Haynes’ 50er-Jahre-Melodram „Carol“ erzählt von der verbotenen Liebe zwischen einer wohlhabenden Ehefrau und einer jungen Verkäuferin. In den Hauptrollen schlürfen Cate Blanchett und Rooney Mara unzählige Martinis, rauchen ständig Zigaretten – und leuchten dabei vor Eleganz.

Rot sind ihre Fingernägel, rot die Lippen und rot ist der kleine Filzhut, der auf ihrer wasserstoffblonden Haarwelle sitzt. Wenn Carol Aird (Blanchett) einen Raum betritt, zieht ihre Eleganz alle Blicke auf sich. Auch Therese Belivet (Mara), Verkäuferin in einem New Yorker Kaufhaus, ist wie gebannt von ihrem Auftreten. Als Carol ihre Handschuhe in „Frankenbergs“ Spielwarenabteilung liegenlässt, nutzt Therese die Gelegenheit, um Kontakt aufzunehmen. Eine kleine Geste, mit der die größte Liebesgeschichte ihres Lebens beginnt.

Bestseller unter Pseudonym

Haynes’ „Carol“ ist die Verfilmung eines Romans von Patricia Highsmith, der 1953 unter dem Titel „The Price of Salt“ erschien. Highsmith schrieb ihn unter dem Pseudonym Claire Morgan, denn gerade hatte Alfred Hitchcock ihren Roman „Strangers on a Train“ (1951) verfilmt, sie genoss den bescheidenen Ruhm und wollte sich vom prüden Publikum der 50er Jahre nicht als Autorin lesbischer Liebesgeschichten abstempeln lassen. Erst 1984 bekannte sie sich zur Autorenschaft. Aus der Anonymität heraus muss sie allerdings den großen Erfolg von „The Price of Salt“ genossen haben, das sich in der Taschenbuchausgabe über eine Million Mal verkaufte.

Szene aus "Carol"

Wilson Webb / Filmladen

Therese (Mara, l.) und Carol (Blanchett, r.) auf gemeinsamer Reise im Hotel

Haynes’ Verfilmung bleibt dem Roman weitgehend treu. Nur ist aus der angehenden Theaterausstatterin Therese hier - leinwandgerecht - eine aufstrebende, junge Fotografin geworden, die ihren Lebensunterhalt vorübergehend mit einem Kaufhausjob bestreitet. In einer Umdeutung von Antonionis „Blow Up“, steht nun die junge Frau in der Dunkelkammer und entwickelt Bilder vom Objekt ihrer Sehnsucht, Carol. Wie im Roman begeben sich Carol und Therese mit dem Wagen auf einen Roadtrip quer durch die USA, nur um festzustellen, dass sie vor der Situation daheim nicht davonlaufen können.

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Heißes Herz hinter cooler Fassade

Carol muss ihre Scheidung durchziehen und versuchen, das Beste für sich und ihre Tochter zu erreichen, die der Mann ihr wegen „unsittlichen Verhaltens“ entziehen will. Die 46-jährige Blanchett ist die ideale Besetzung für Highsmiths Carol. Mit ihrem sphinxhaften Lächeln überspielt sie nicht ganz, was in Carol pocht und drängt. Auch gibt die Signalfarbe Rot, die sie immer und überall begleitet, dem genauen Beobachter zu erkennen, dass hier jemand hinter einer coolen Fassade nur mühsam ein heißes Herz verbirgt.

Szene aus "Carol"

Wilson Webb / Filmladen

„Wenn du glaubst, es kann nicht schlimmer werden, sind die Zigaretten alle“: Carol (Blanchett) ist zugleich tough und verletzlich

Ein Ausstattungsfest für Fashionistas

Filmhinweis

„Carol“ läuft bei der Viennale als Eröffnungsfilm am 22. Oktober um 19.30 Uhr (geschlossene Vorstellung) und als Publikumsvorstellung am 22. Oktober um 23.30 Uhr sowie am 24. Oktober um 10.30 Uhr, jeweils im Gartenbaukino.

Vor allem macht es in diesem Film aber - wie von „Far from Heaven“-Regisseur Haynes nicht anders zu erwarten - einfach nur Freude hinzuschauen. Haynes bestand darauf, auf Analogmaterial Super 16 mm zu drehen. Die Farben und Texturen der aufwendigen 50er-Jahre-Ausstattung leuchten dadurch warm und wirken angenehm plastisch: Fast meint man, die Bürste berühren zu können, mit der Carol ihrer Tochter liebevoll durch die Haare streicht, den Fellkragen zu spüren, die Baskenmütze mit den schmelzenden Schneeflocken darauf. Denn „Carol“ ist auch ein Fest für Fashionistas: Wie mondän sind doch die Wildlederstiefeletten mit den Fransen, die Schalblusen, der karierte Morgenmantel, in den sich Carol in der kalten Vorweihnachtszeit hüllt, als müsse sie sich vor der Geringschätzung der Welt schützen.

Mara tritt mit ihren Rehaugen und dem geraden Pony stilistisch eher in die Fußstapfen der jungen Audrey Hepburn. Während sich Carol im Verlauf des Films von ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter freispielt, gewinnt Therese beruflich an Boden. Und - Skandal in den 50er Jahren - diese weibliche Liebes- und Selbstermächtigungsstory geht auch noch gut aus.

Maya McKechneay, ORF.at

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