Filmstill aus "Einer von uns"

Golden Girls Filmproduktion

„Einer von uns“: Todesschuss von Krems

Im Sommer 2009 wird ein junger Einbrecher in einem Supermarkt bei Krems erschossen - von hinten, von einem Polizisten. Der Tote ist 14 Jahre alt. Das ist der Ausgangspunkt für Stephan Richters beklemmendes Spielfilmdebüt „Einer von uns“. Im Interview wundert sich der Regisseur, dass nach dem dramatischen Vorfall niemand versucht hat, den Jugendlichen in der Gegend zuzuhören.

Andreas Lust und Birgit Linauer spielen die Polizisten, die durch einen „stillen Alarm“ zu einem Supermarkt im Kremser Vorort Lerchenfeld gerufen werden. Zwei erschöpfte Menschen, mittleren Alters, die den Vorfall eigentlich schnell als Fehlalarm abhaken und sich wieder ins Auto setzen wollen. Doch es kommt anders.

Richters filmische Interpretation des Vorfalls richtet ihren Fokus auf die Rahmenbedingungen: die niederösterreichische Vororttristesse, in der die gewachsene Infrastruktur einer neuen Architektur der kommerziellen Zweckmäßigkeit gewichen ist. Was bleibt, sind das Innen und Außen eines Supermarkts. Randsteine, Asphalt, Müllcontainer, drinnen Energy-Drinks, Bier, Schnaps und vieles, was die Jugendlichen lieben - selbst wenn es das Leben in Wahrheit auch nicht leichter macht. Rund um die Halle mit den leuchtenden Regalen findet verschämt das jugendliche Leben statt: erster Kuss, erster Drogenrausch, erste Verhaftung, alles unter dem Logo des MerX-Marktes, wie die Merkur-Filiale im Film aus Copyright-Gründen heißt.

Das System ist das Problem

Der Titel deutet es bereits an: „Einer von uns“ ist ein engagierter Film, der die verloren gegangene Gemeinschaft betrauert. Dabei transportiert er seine Botschaft subtil. Der Film ist wunderbar besetzt mit einer Mischung aus jungen Laien, wie etwa Jack Hofer in der Hauptrolle, und etablierten Darstellern wie Markus Schleinzer als zwänglerischem Supermarktchef. Gemeinsam gelingt es ihnen, vor der Kamera im Milieuslang zu improvisieren und die herrschenden Hierarchien allein durch ihre Körperhaltung auszudrücken.

Der Handlungsverlauf verweigert in fatalistischer Haneke-Tradition jeden Schimmer von Hoffnung - doch wozu auch, man weiß ja, wie die Sache ausgeht. Schön schimmern darf das ausgelaufene Waschmittel auf den Supermarktfliesen. Es tröpfelt stellvertretend für das Blut, das der Film wohlweislich nicht zeigt. Denn in „Einer von uns“ geht es nicht um die Dramatik des Einzelfalls, sondern um den Fehler im alltäglichen System.

Filmstill aus "Einer von Uns"

Golden Girls Filmproduktion

Andreas Lust als Polizist Werner

ORF.at: Ihr Film basiert auf einem wahren Ereignis: Wie haben Sie den Tathergang recherchiert?

Stephan Richter: Amnesty International hat damals aufgrund des vorliegenden Menschenrechtsbruchs den Prozess gegen den Polizisten beobachtet – die waren meine erste Anlaufstelle. Ich bin auch oft nach Lerchenfeld gefahren und habe mir die Gegend rund um den Supermarkt und Florians (Name des Todesopfers, Anm.) Wohnort angesehen, einfach die Menschen beobachtet oder mit den Jugendlichen geplaudert. Auf dieser Basis habe ich erste Figuren und Geschichten entwickelt. Später habe ich beteiligte Personen getroffen und Einblick in die Prozessakten bekommen.

ORF.at: Wie standen die betroffenen Menschen ihrem Spielfilmprojekt gegenüber?

Richter: Anfangs misstrauisch. Ich habe ja erst 2011, zwei Jahre nach dem Ereignis, mit der Arbeit am Film begonnen. Da hat sich niemand auf Anhieb gefreut, dass noch mal jemand kommt und herumbohrt. Ich musste den Leuten erst vermitteln, dass ich ihr Privatleben nicht für Spekulationen oder ein klassisches Betroffenheitskino missbrauchen will. Mir ging es ja um das Gesamtbild einer Gemeinschaft als Metapher für unsere Gesellschaft. Manche wollten dann mit mir reden, manchmal musste ich aber auch ein Nein respektieren.

ORF.at: In welchen Punkten sind Sie bewusst vom realen Vorfall abgewichen?

Filmstill aus "Einer von Uns"

Golden Girls Filmproduktion

Stephan Richter

Geboren 1980 in Dresden, aufgewachsen in Ludwigsburg. Studierte in Wien Medienkunst bei Bernhard Leitner und Erwin Wurm. „Einer von uns“ ist nach einer Reihe von experimentellen Kurzfilmen und Musikvideos sein erster Langfilm.

Richter: Die Alltagsszenen im Film stehen stellvertretend für Geschichten, die mir in der Recherche erzählt wurden: Die Figuren habe ich nach den realen Vorgaben besetzt, aber von diesem Punkt aus haben die Darsteller und ich uns frei bewegt. Ich wollte einen Zeitgeist einfangen, der inhaltlich sehr stark mit dem Fall zu tun hat. Eine chronologische Rekonstruktion der Ereignisse bis ins Detail habe ich gar nicht versucht. Ich kannte Florian P. nicht, und daher war es wichtig, anhand der Recherchen den Florian P. in mir und im Darsteller Jack (Jack Hofer, Anm.) zu finden. So ist die Figur „Julian“ entstanden. Was die Tat selbst betrifft, bin ich soweit möglich den Fakten treu geblieben - allerdings gab es in den Prozessakten viele Widersprüche.

ORF.at: Die Polizisten werden im Film als Menschen mit eigenen Problemen und einem nicht ganz einfachen Privatleben dargestellt. In den Medien wurde 2009 der Verdacht geäußert, dass die Beamten beim Einsatz möglicherweise betrunken waren. Konnten Sie diesen Verdacht bestätigen oder ausräumen?

Richter: Das ist nicht erwiesen, daher kann ich mich dazu nicht äußern. Es gingen so viele Gerüchte herum, und die Medien haben viel Schaden angerichtet, vor allem in Florians Familie. Ich glaube, solche Spekulationen sollte man nicht öffentlich diskutieren.

ORF.at: Welche Strafe haben die beiden Polizisten eigentlich ausgefasst?

Richter: Der Polizist, der Florian tödlich verletzt hat, bekam acht Monate bedingt. Aber das Strafmaß war nie der wirkliche Skandal für mich, sondern der gesellschaftliche Umgang mit dem Fall - der war letztklassig. Da ist ein Kind erschossen worden, und die Gesellschaft sollte dafür kämpfen, dass das nicht noch einmal passiert. Viele Leute wissen nicht einmal, dass das ein Menschenrechtsbruch war. Es gab diesen allgemeinen Konsens, dass das schon okay geht, wenn ein Polizist es macht. Diese Obrigkeitshörigkeit fand ich erschreckend.

Filmstill aus "Einer von Uns"

Golden Girls Filmproduktion

Rainer Woess als Kremser Cop, der privat mit Mottoshirts provoziert

ORF.at: Eine der Filmfiguren trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift Paragraph 83. Der betrifft im österreichischen Gesetzbuch die „Körperverletzung“ und das vorgesehene Strafmaß. Ist das ein persönlicher Kommentar zu den Vorfällen?

Richter: Das ist das Fanshirt einer eigenwilligen Wiener Rap-Gruppe aus dem Rapid-Hooligan-Milieu. Christopher Schärf ist auf die gestoßen, als er die Rolle des Viktor erarbeitet hat. Gleichzeitig habe ich von einem Polizisten in Lerchenfeld gehört, der in seiner Freizeit in Hooligan-Shirts herumläuft und Jugendliche drangsaliert. Das Shirt kann man in vielerlei Hinsicht deuten, aber in Wahrheit provoziert er damit auch die Kollegen bei der Polizei. Diese ziellose Rebellion gegen das System hat mich interessiert, denn da sehe ich eine gemeinsame Schnittmenge zwischen Jugendlichen und Polizisten.

ORF.at: Im Film herrscht große Hoffnungslosigkeit: Es gibt in dieser niederösterreichischen Peripherie keinen Lichtblick, nichts, für das es sich „gut zu sein“ lohnt. Auch aus dieser Tristesse heraus werden die Burschen zu Einbrechern. Kennen Sie die große Langeweile am Supermarktparkplatz eigentlich aus eigener Erfahrung?

Richter: Auf einem Supermarktparkplatz rumzuhängen hat durchaus auch seinen Reiz. Ich kenne diese Stimmung und den Zorn auf die Welt, die Eltern, das System, auch wenn es mir in Ludwigsburg vermutlich besser gegangen ist als den Kids in Lerchenfeld. Wir hatten mehr Perspektiven. Aber die pubertäre Dynamik ist vermutlich überall gleich.

Filmstill aus "Einer von Uns"

Golden Girls Filmproduktion

Lehrling Michael (Dominic Marcus Singer) kippt täglich Waren in den Container. Wenn das Haltbarkeitsdatum nicht mehr passt, sind sie wertlos.

ORF.at: Im Film sieht man mehrmals, wie Massen an originalverpackten Waren wegen des überschrittenen Haltbarkeitsdatums in einen Container gekippt werden. Man hat das Gefühl, das System ist krank, nicht die Burschen, die es sabotieren.

„Einer von uns“ läuft auf der Viennale noch am 3. November um 13.00 Uhr in der Urania.

Richter: Natürlich. Kinder sind selten das Problem, sondern Spiegel der Gesellschaft, und sie leiden am meisten unter den Missständen. Unsere Gesellschaft produziert viel Müll, um zu glänzen. Und Vierzehnjährige klauen vermutlich, seit es Besitz und Dinge gibt, und mindestens genauso lange machen sie Rebellion. Sie zeigen uns auf unbequeme Art, wie wir leben. Deswegen lohnt es sich, hinzuhören. Der schlimmste Fehler im öffentlichen Diskurs rund um den Tod von Florian P. war, dass niemand den Jugendlichen zugehört hat. Ganz im Gegenteil hat man ihnen zu verstehen gegeben, dass sie kriminell sind und es okay ist, auf sie zu schießen. So eine Form der Ausgrenzung fällt irgendwann auf die Gesellschaft zurück.

ORF.at: Letzte, weniger ernste Frage: Die Burschen im Film rauchen „Tschick“, wollen nix „hackln“, schimpfen auf die „Scheiß-Kieberer“ und nennen den Supermarktchef einen „Beidl“. Muss „Einer von uns“ für den Kinoeinsatz in Deutschland eigentlich untertitelt werden?

Richter: Ich denke schon, aber das entscheidet der deutsche Verleih.

Das Gespräch führte Maya McKechneay, ORF.at

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