Filmstill aus "Lampedusa im Winter"

Viennale

Kein Mensch ist eine Insel

Das Kino hat oft Jahre gebraucht, um auf historische Ereignisse zu reagieren: Mit digitalem Werkzeug geht es inzwischen schneller. Zwei sehenswerte Dokumentarfilme porträtieren die Menschen hinter den Schlagzeilen: „Coma“ verschanzt sich mit drei Frauen im umkämpften Damaskus. „Lampedusa im Winter“ verbringt viel Zeit auf der Insel, über die alle geschrieben haben, ohne sie richtig zu kennen.

Ein Brief, die Tinte halb ausgewaschen. Turnschuhe. Gewand, noch feucht zwischen Planken geknüllt. Und eine Babyflasche, winzig, wie man sie Neugeborenen gibt. Fundstücke eines Künstlerpaars, das regelmäßig die Wracks gestrandeter Flüchtlingsboote am Strand von Lampedusa absucht. Die Dinge sortieren sie und stellen sie in ihrem Museum der Migration aus. Eine traurige Sammlung ist das, denn die Schuh- und Kleiderberge sind alles, was blieb von über 23.000 Menschen, die seit dem Jahr 2000 beim Versuch, Europa zu erreichen, im Mittelmeer ertranken.

„Hier sind wir, helft uns!“

Der österreichische Regisseur Jakob Brossmann ist einer von vielen, die nach dem schockierenden Bootsunglück mit 390 Toten im Oktober 2013 mit der Kamera ausgezogen sind, um die Situation auf der kleinen süditalienischen Insel Lampedusa zu filmen. Andere Filmteams geraten in seiner Dokumentation „Lampedusa im Winter“ immer wieder ins Bild, und man merkt, dass die Menschen auf der Insel sich filmen lassen, um an die Weltöffentlichkeit zu appellieren: „Hier sind wir, helft uns!“ Was nun Brossmanns Porträt einer im Stich gelassenen Inselgesellschaft vor den anderen auszeichnet, ist, dass sein Team sich wirklich Zeit nimmt und versucht, Zusammenhänge zu finden.

Filmstill zu "Lampedusa im Winter"

Viennale

Die Fischer von Lampedusa finden kaum noch ein Auskommen: Wenn die alte Fähre wegen Sturms ausbleibt, verdirbt ihnen die Ware fürs Festland

Ein Dokumentarfilm, der sich Zeit nimmt

Denn „Lampedusa im Winter“ ist nicht auf die schnellen Kontraste - Inselromantik versus Flüchtlingsleid – aus. Dieser Film schaut genau hin und widmet sich in parallelen Handlungssträngen seinen Protagonisten: Das sind 25 Männer aus Eritrea, die in Karodecken gehüllt vor einer Kirche campieren und so ihre Forderung nach freier Wahl des Aufenthaltsortes durchsetzen wollen. Eine Bürgermeisterin, die einen Saal voll streikender Fischer mit einer Brandrede zum Verstummen bringt. Die Fischer selbst, die sich vom europäischen Markt im Stich gelassen fühlen. Und Paola, eine Inselbewohnerin um die 50, die sich für die gestrandeten Flüchtlinge engagiert, seit einer vor ihren Augen starb. Näheres zu diesem Ereignis erzählt sie nicht, doch man spürt in jedem Moment, wie der Tod dieses Menschen ihrem Leben eine neue Richtung gegeben hat.

„Lampedusa im Winter“ erzählt wechselweise aus dem Leben dieser Menschen, ohne einen wichtiger zu nehmen als den anderen. Der DJ, der die Insel-News zu Elektrobeats rappt, taktet den Inselbetrieb: „Das Wetter ist gut, morgen wird eine Fähre kommen. Schnell, füllt eure Kühlschränke!“, ruft er ins Mikrofon.

Filmstill aus "Lampedusa im Winter"

Viennale

Junge Männer aus Eritrea warten seit Monaten darauf, die Insel verlassen zu können. Ein GPS-Handy kann auf der Überfahrt Leben retten.

Porträt einer Schicksalsgemeinschaft

Filmhinweise

„Lampedusa im Winter“ läuft auf der Viennale am 26.10., 20.30 Uhr, im Gartenbau und am 27.10., 15.30 Uhr, in der Urania. Am 9. November startet der Film regulär im österreichischen Kino. „Coma“ läuft am 4.11., 21.00 Uhr, im Metro.

Was Brossmann in seinem Porträt so wunderbar gelingt, ist, die von der schlaglichthaften Medienberichterstattung verzerrte Perspektive wieder geradezurücken. Flüchtlinge und Inselbewohner sind eine Schicksalsgemeinschaft auf der Suche nach einem guten, oder doch zumindest erträglichen Leben. Jeder für sich, aber letztlich alle gemeinsam, denn: „Kein Mensch ist eine Insel, für sich ganz allein“, wie der englische Dichter John Donne schon im 17. Jahrhundert schrieb. So ist es auf Lampedusa, und so ist es wahrscheinlich überall. Nur hier, in diesem Mikrokosmos, gelingt die Darstellung besser.

In einer mehr als chaotischen Situation ist Brossmans Dokumentarfilm zum Glück klar strukturiert: Sein Inselporträt in Kapiteln ist am Anfang und Ende gerahmt von einem Handynotruf, der in die Nacht abgesetzt wird. „Hilfe, Wasser dringt in unser Boot!“ – „Bewahren Sie Ruhe und geben Sie uns Ihre GPS-Daten durch!" Selbst an Bord des Schiffes der Küstenwache wirken die Bilder der beiden Wiener Kameramänner Serafin Spitzer und Christian Flatzek nie zufällig und hektisch, sondern wohlüberlegt. Sie filmen das Warten, die Suche in der Nacht und in den Gesichtern der Männer von der Guardia Costiera die Angst, zu spät zu kommen.

Filmstill aus "Coma"

Viennale

Mutter und Tochter weinen ersatzweise vor kitschigen Soaps: Den Krieg verdrängen sie hinter zugezogenen Vorhängen. Bis auch das nicht mehr geht.

Damaskus: Entertainment gegen die Angst

Szenenwechsel, zweiter Film: Auf der anderen Seite des Mittelmeers hat ein Team von Frauen im beklemmenden Dokumentarfilm „Coma“ (Regie und Kamera: Sara Fattahi, geboren 1983 in Damaskus) drei Frauen im umkämpften Damaskus beobachtet. An der Grenze zwischen Experimental- und Dokumentarfilm verlangt „Coma“ auch vom Publikum Durchhaltevermögen. Vor allem weil sich die Klaustrophobie der Frauen, die die Wohnung kaum noch verlassen, deutlich überträgt. Tag und Nacht laufen kitschige Soaps im Fernsehen. Eine Detonation. Ein panischer Anruf bei Verwandten: „Alles in Ordnung? Passt auf euch auf!“ Dann wieder Fernsehen. Das Ende belohnt mit einer langen, traurig-schönen Einstellung: Während im Hintergrund Rauchwolken vorbeiziehen, wirbelt ein Jahrmarktsgefährt einsam durch die Luft. Die einzigen Fahrgäste: ein Liebespaar, Hand in Hand. Aber natürlich weiß der spröde Film, dass Entertainment auch keine Lösung ist.

Maya McKechneay, ORF.at

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