Atemlos durch die Zeitgeschichte
Während sich Marcel Reich-Ranicki immer den neuen deutschen Gesellschaftsroman im Thomas-Mann-Zuschnitt ersehnt hatte und diesen in Uwe Tellkamps „Der Turm“ gefunden haben wollte, legt der Schriftsteller Christoph Hein seine Rolle immer unaufgeregt an: Sein Geschichtsbild Deutschlands vor und nach der Wende ergibt sich aus einer Summe scheinbar kleinerer Lebensgeschichten.
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Und so stellt sich Hein auch in seinem neuen Roman „Verwirrnis“ auf die Seite eines gegen alle Erfordernisse der Zeit gestrickten Außenseiters, der sich der autoritär-gewalttätigen Erziehung seines Vaters und der damit verbundenen Unterwerfung unter eine repressive sittliche Norm spät - und schließlich mit einer radikalen Abwendung von der Welt - entzieht.
Hein sympathisiert richtiggehend mit seinem Helden Friedeward Ringeling, der als jüngstes Kind eines katholischen Lehrers die Züchtigungen seines Vaters übersteht - und gegen die Repressionen im langsam realsozialistischer werdenden Ostdeutschland der 1950er Jahre eine nicht alltägliche Liebe lebt: die zu seinem Freund Wolfgang, zu dem er, so will es die Idealisierung der innigen Männerfreundschaft bei Hein, über die gleiche Begeisterung für die Literatur gefunden hat.
Paragraf 175 StGB
Historisch betrachtet war die DDR bei der Behandlung Homosexueller deutlich liberaler als die Bundesrepublik. Bereits 1968 wurde der Paragraf 175 des deutschen StGB, im Volksmund „175er“ genannt, gestrichen. Er stellte bis dahin gleichgeschlechtliche Handlungen zwischen Männern unter Strafe.
Da, wo eine Gesellschaft kein Selbstverständnis für die Lebbarkeit einer Liebe von Mann zu Mann oder Frau zu Frau kennt, müssen bei Hein die Bücher nachhelfen. Literatur verbürgt, was im Leben unmöglich ist (und gerät demgemäß in einem System, das der menschlichen Freiheit misstraut, unter eine Form von Dauerverdacht). So sind seine Helden erneut im Milieu der Kunst, Musik und Literatur angesiedelt und haben mit Werken zu tun, die alle Grenzen des politischen und gesellschaftlichen Systems ausreizen.
Staatswerdung und Lebensgeschichte
Hein durchmisst an der Geschichte von Friedeward und Wolfgang die Staatswerdung der DDR, er blickt zugleich auf eine ganz persönliche Emanzipationsgeschichte. Da sind seine Helden, die mit einem System zurechtkommen müssen, die mit Scheinkonstrukten die Lebbarkeit ihrer verbotenen Liebe aufrechtzuerhalten suchen - die letztlich dennoch an ganz kleinen, alltäglichen Dingen scheitern dürfen.

APA/Heike Steinweg
Zunächst Bühnenautor wurde Christoph Hein schon zu Zeiten der DDR zu einer der wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Romanliteratur
Hein interessiert wie so oft nicht, was der große böse Staat mit dem Einzelnen macht, sondern was noch viel tiefer all unsere Handlungen prägt. Scham und vorauseilender Gehorsam, vieles, was die Erziehung tief in die Charaktere eingepflanzt hat, bestimmen das Leben und definieren Handlungsoptionen.
Buchhinweis
Christoph Hein: Verwirrnis. Suhrkamp, 303 Seiten, 22,70 Euro.
Was Hein gelingt und was sein jüngstes Buch vom Frühwerk unterscheidet: Er erzählt Zeitgeschichte beinahe atemlos, schafft Bücher, mit denen man die Jahrzehnte durchstreift, ohne sie wirklich weglegen zu können. Und er ist, anders als in „Drachenblut“ und „Horns Ende“, beinahe antimodernistisch gestimmt: Nicht die Strenge und Avanciertheit der Form, sondern die Stimmigkeit des Plots soll bei ihm die Überzeugungskraft des Buches verbürgen.
Dichte Beschreibung
Atemlos können da schon zwischen den Absätzen die Jahre übersprungen werden, leichtfüßig schlüpft Hein als sehr klassischer allwissender Erzähler in die Köpfe aller Charaktere hinein, weil er die Stimmigkeit dieser Lebensgeschichte als Demiurg immer zusammenhalten will. Offenbar riskiert er bewusst, altmodisch zu wirken. Aber stets, weil ihn die Geschichte dieser Existenzen so reizt und weil er tief mitempfindet mit seinen Helden.
Glückliche Bücher wird man mit Hein nicht bekommen, aber solche, die mittlerweile im Moment der Trauer auch das Pathos und damit ein Potenzial von Hoffnung voll ausschöpfen. Das kann man Kitsch nennen. Hein und seinen Leserinnen und Lesern wird es egal sein. Er muss, so scheint es, aus der Randlage noch vielen scheinbaren Nebenfiguren eine große Geschichtsbühne bereiten.
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