„Das Leben als ein Steinbruch“
Als „poetischer Chronist der DDR“ wurde er einst beschrieben. Und wenn ihm lange das Etikett „Ost-Schriftsteller“ anhing, so hat der Autor Christoph Hein das jüngst bestätigt. Im Feuilleton, so sein Befund, werde immer noch geteilt zwischen deutschen und ostdeutschen Autoren. Mittlerweile ist Hein jedenfalls fest verankerter Chronist zweier Gesellschaftssysteme.
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Vor allem seine Novelle „Der fremde Freund“ von 1982, ein Jahr später im Westen unter dem Titel „Drachenblut“ erschienen, wurde diesseits und jenseits der Mauer Kult. Bis heute gilt der vielfach preisgekrönte Schriftsteller als genauer Beobachter der deutschen Zeitgeschichte. „Nach der Wende wurde ich scharf kritisiert, als ich sagte, das Zusammenwachsen wird 40 Jahre dauern - so lange wie das Getrenntsein“, sagte Hein in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. „Heute werde ich wahrscheinlich eher beschimpft, dass ich nur 40 Jahre gesagt habe. Wir sind auf dem Weg, aber es dauert halt unendlich lang.“
„Früher Konflikt mit DDR-Regime“
Mit dem einstigen DDR-Regime kam er schon früh in Konflikt. 1944 in Schlesien geboren und in Bad Düben bei Leipzig aufgewachsen, durfte er als Sohn eines Pfarrers wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ nicht aufs Gymnasium. Vorübergehend besuchte er ein Internat in Westberlin, musste sich nach dem Mauerbau aber zunächst mit Gelegenheitsjobs durchschlagen, bis er Matura und Studium nachholen durfte.

APA/dpa/Matthias Hiekel
Hein im Rahmen einer Theaterprobe im Jahr 2004
Als Regieassistent des Brecht-Schülers Benno Besson kam er zur Ostberliner Volksbühne, die bis 1979 seine Heimat wurde. Mit Stücken wie „Die wahre Geschichte des Ah Q.“ (1983) und „Die Ritter der Tafelrunde“ (1989) setzte er sich als Dramatiker parabelartig mit dem Scheitern revolutionärer Ideologie auseinander.
Durchbruch mit dem Roman
Seinen großen Durchbruch feierte er in den 80er Jahren als Prosaautor. Nach der Novelle „Der fremde Freund“ weisen ihn auch systemkritische Romane wie „Horns Ende“ (1985) und „Der Tangospieler“ (1989) als brillanten, kühl und mitunter ironisch distanzierten Erzähler aus.
„Wie andere Autoren auch behandele ich mein Leben als einen Steinbruch. Ich versuche, das zu Papier zu bringen, was ich gehört, gesehen und erlebt habe“, sagt er. Auch nach der Wende blieb mit Romanen wie „Willenbrock“ (2000), „Landnahme“ (2004) und „Weiskerns Nachlass“ (2011) der Blick auf das Schicksal gescheiterter oder gebrochener Existenzen sein besonderes Kennzeichen. Bei der Kritik kam vor allem manch jüngeres Buch weniger gut an als bei den Leserinnen und Lesern.
Kritiker des DDR-Systems
Trotz seiner Haltung als „Chronist ohne Botschaft“ hat sich Hein immer wieder gesellschaftlich eingemischt. Schon 1987, zwei Jahre vor dem Fall der Mauer, prangerte er die Zensur in der DDR mit scharfen Worten an. Ende 1989 nannte er die DDR-Verantwortlichen „Mitglieder einer Mafia“, deren Ziel die Zerstörung des Sozialismus gewesen sei. 1998 ließ er sich zum ersten Präsidenten des gesamtdeutschen Schriftstellerverbands PEN wählen, bis 2006 war er Mitherausgeber der ambitionierten Ost-West-Wochenzeitung „Der Freitag“.
Für heftige Diskussionen sorgte 2004 die Entscheidung des früheren Berliner Kultursenators Thomas Flierl (PDS), den damals 60-Jährigen zum neuen Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin zu berufen. Nach einem beispiellosen Hickhack („vorhersehbare Katastrophe“, „Garant für Ost-Familienmief“) zog Hein entnervt zurück und sprach von einem „absichtsvoll vergifteten, feindseligen Klima“.
Hein blieb sich seiner Arbeit am Roman, der ja weiter die Gesellschaftsgeschichte Deutschlands vorantreibt, treu. „Verwirrnis“ ist sein aktueller Roman. Und seinem vor wenigen Jahren erschienenen Werk „Trutz“ hängt das Prädikat „Jahrhundertroman“ an.
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