Barfußgehen will gelernt sein
Noch im frühen 20. Jahrhundert ist es ein Zeichen von Armut gewesen, wenn Kinder barfuß zur Schule gekommen sind. „Bloßfüßige“ war gleichbedeutend mit „arme Menschen“ - und ist es da und dort noch immer. Heute beginnt sich das Image des Barfußgehens aber zu wandeln: In Linz gibt es sogar eine Schule, die jenen aufrechten Ballengang lehrt, der Kleinkindern mit dem ersten „harten“ Schuhwerk abtrainiert wird.
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Alexander Hochwimmer betreibt als Coach die Barfuß-Lauf-Schule Linz. Die Ausbildung dazu hat er vor drei Jahren an der Barefoot Academy in Düsseldorf gemacht. Am Anfang waren es noch wenige, die in sein Studio kamen, um das „natürliche Gehen“ mit Hilfe von Videoanalyse und schlichten Trainingsgeräten wieder zu lernen, sagt er im Gespräch mit ORF.at. Doch mittlerweile ist die Nachfrage gestiegen. Der Natural Running, also Barfußlaufkurs, den die Barefoot Academy Ende August in Wien abhält, ist im Internet längst ausgebucht.

ORF.at/Maya McKechneay
Annabel Gschwandtner, eine Wiener Studentin der Landschaftsplanung und gelegentliche städtische Barfußgängerin
„Barfüßige fast überall akzeptiert“
Hochwimmer selbst kam über den Sport zum Barfußgehen. Wegen seines Körperbaus rieten ihm die Ärzte vom Lauftraining ab. Es belaste in seinem Fall zu sehr Hüfte und Gelenke. Nach jedem Lauf verspürte der Linzer Schmerzen. Seit er jedoch ohne Schuhe läuft, seien diese Schmerzen verschwunden. „Früher war ich kein sportlicher Mensch“, sagt Hochwimmer. Doch heute bewege er sich gerne, viel und vor allem bewusst.
Mittlerweile macht Hochwimmer rund 99 Prozent seiner Wege in der Stadt barfuß, was ihm zunehmend leichter fällt, denn „inzwischen ist es fast überall akzeptiert, dass man barfuß reinkommt. Und ich sehe um mich herum auch immer mehr andere barfuß gehen.“ Das Klima habe natürlich auch mit dieser Entwicklung zu tun, denn „bei über 30 Grad ist es nicht angenehm, in Turnschuhen zu stecken“. Hochwimmers Ansatz beim Barfußgehen ist pragmatisch. Es steigere ganz einfach seine Lebensqualität.
Schuhausziehen als politisches Statement
Für andere ist das Ablegen der Schuhe aber auch ein politisches Statement. Das prominenteste Beispiel lieferte im Mai 2018 die Schauspielerin Kristen Stewart, die auf dem Roten Teppich in Cannes ihre High Heels auszog und barfuß die Stufen zur Premiere des Films „BlacKkKlansman“ hochschritt.
Sie protestierte mit dieser Geste gegen die Politik des Festivals, das Frauen auf dem Roten Teppich das Tragen unbequemer High Heels vorschreiben wollte. Barfuß lieferte sie den Fotografen ihre feministische Botschaft: Ich lasse mich nicht ins Schema der artig-hübsch-verpackten Frau pressen!
Barfußtanz für Paparazzi
Spätestens seit Stewart liegt auch in Hollywood das Barfußgehen im Trend. Kürzlich fotografierten Paparazzi Schauspielerin Hayden Panettiere („Malcolm mittendrin“), als diese barfuß (und mit neuem Lover) ein Restaurant verließ. Und als Paris Jackson, die Tochter von Michael Jackson, in Wien den Life Ball besuchte, trug sie ein Abendkleid aus rotem Samt. Und dazu: keine Schuhe.
Aber auch im ganz normalen Wiener Stadtalltag sieht man immer mehr – vorwiegend junge – Menschen, die ohne Schuhe unterwegs sind. Wieder andere fotografieren diese Barfußgänger heimlich und mokieren sich in dem Studierendennetzwerk Jodel, auf Instagram und Twitter über deren „unappetitliches“ Verhalten: „Die Liste der Orte an denen ich nicht #Barfuß herum laufen möchte wird angeführt vom #Bahnhof #Floridsdorf“, schreibt Twitterant „Elektrowürstel“ und postet dazu den Schnappschuss eines Barfußgehers.
Barfußgeher organisieren sich im Netz
Noch sind die Fronten klar umrissen. Doch die Barfüßigen werden auch in der Stadt immer mehr. Sie sammeln sich in Onlineforen wie der englischsprachigen „Society for Barefoot Living“ oder der deutschsprachigen Facebook-Gruppe „Barfuß macht Spaß“, um gemeinsam Fragen zu verhandeln: Ist es in meinem Land legal, barfuß Auto zu fahren? Darf ich ohne Schuhe in den Supermarkt, und kann mir ein Restaurant den Zutritt verwehren?
Allein die steigenden Temperaturen legen jedem und jeder nahe, auch in der Stadt gelegentlich die Schuhe abzulegen. Und wie Annabel Gschwandtner, eine Wiener Studentin der Landschaftsplanung und gelegentliche städtische Barfußgängerin, im Gespräch mit ORF.at erklärt, gehe die Forderung nach einer klimaverträglichen Stadtgestaltung im Grunde Hand in Hand mit dem, was man als Barfußgängerin im Stadtraum als angenehm empfinde: Natürliche Bodenbeläge - wie Steinpflaster - und unversiegelte, kühlende Flächen sind gut für die Füße und gut fürs innerstädtische Klima (siehe Interview).
Automatische Entschleunigung
Außerdem, so Gschwandtner, bringe das Gehen ohne Schuhe automatisch Entschleunigung mit sich. Man müsse darauf achten, wo man hintrete. Die von vielen geforderte „Achtsamkeit“ („Mindfulness“), ein Begriff, der der buddhistischen Lehre entlehnt ist und ein Leben im Moment, ohne Ablenkung von Smartphones und Co. meint, stellt sich automatisch ein.
Der amerikanische Stadtforscher und Soziologe Richard Sennett unterstützt diesen Gedankengang, wenn er in seinem Grundsatzwerk „Fleisch und Stein: Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation“ (1997) unsere heutige, urbane Gesellschaft als eine beschreibt, die ihre Ordnung über die „Vermeidung von Kontakt“ herzustellen versucht: Denn, „wenn wir etwas berühren, könnten wir Gefahr laufen, etwas oder jemanden als fremd zu empfinden“.
Daher werde der Kontakt mit städtischen Oberflächen minimiert, ja, die Bewegung im Stadtraum durch moderne Erfindungen wie U-Bahn, Rolltreppe und Aufzug fragmentiert. Dabei verliere man aber zwangsläufig den physischen Bezug zur Realität. Ein Gefühl der allgemeinen Entfremdung sei die Folge. Wer barfuß geht, arbeitet dieser Fragmentierung und Entfremdung entgegen, er spürt die Flächen, die der eigene Körper berührt, und bringt so Raum und Sinne wieder in Einklang.
Tourismusindustrie setzt auf Barfußpfade
Auf dem Land ist das Gehen ohne Schuhe übrigens viel eher akzeptiert. Und hier wittert auch die Tourismusindustrie einen neuen Trend: Quer durch Europa entstehen Barfußpfade, die den Nervenzellen in den Fußsohlen neue Reize bieten sollen. In Österreich gibt es beispielsweise in St. Ulrich im Mühlviertel und in Söll in Tirol je zwei Kilometer lange, speziell gestaltete Fußerlebniswege. Aber natürlich kann man auch auf ganz normalen Wanderwegen Barfuß gehen. Je öfter man das praktiziere, desto leichter falle einem das Wandern ohne Schuhe, so Barfuß-Coach Hochwimmer.
„Die Füße haben fast genauso viele Sinneszellen wie die Hände“, sagt Hochwimmer. „Wenn man mit den Füßen wieder die Umgebung wahrnimmt, tut sich einiges.“ Gestressten Städtern, die nach langer Zeit das erste Mal barfuß gehen wollen, empfiehlt Hochwimmer übrigens den Gang in einen Park und dort das Flanieren über eine frisch gemähte Wiese im Morgentau. „Durch den direkten Kontakt mit dem Gras nehmen wir die ätherischen Öle wahr und fühlen uns sofort wohl.“
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Maya McKechneay, für ORF.at