Hinter dem Rücken - für die Gemeinschaft
Menschen verbringen sehr viel Zeit damit, über andere zu sprechen: über das Privatleben der Arbeitskollegen, den Garten der Nachbarin oder den Kleidungsstil der Freunde. Berichte über andere nehmen sogar zwei Drittel der täglichen Redezeit ein. Dennoch haben Klatsch und Tratsch mit einem schlechten Ruf zu kämpfen - zu Unrecht, wie einige Studien zeigen.
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Ihren schlechten Ruf genießen „Klatsch und Tratsch“ nicht erst seit der Erfindung buntbebilderter Boulevardmedien. Der Talmud beschrieb das allzu menschliche Phänomen bereits vor mehr als 1.500 Jahren als gefährliche Waffe, die gleich drei Menschen auf dem Gewissen habe: die Person, die quatscht, jene, die zuhört und jene, über die gesprochen wird.
Fakt ist aber, dass die meisten „Lästerer“ nicht Rufschädigung oder Verrat im Sinn haben. Laut einer Forschergruppe aus den Niederlanden geht es dabei hauptsächlich um Informationsaustausch und darum, seine Meinungen mit anderen abzugleichen.
Mit den besten Absichten
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Amsterdam ermittelten auch noch einen weiteren Grund: die kulturen- und generationenübergreifende Freude am Geschichtenerzählen und -hören. Sich über andere hinter deren Rücken zu unterhalten, geschehe selten, um diesen Menschen zu schaden. Der Tratsch diene vielmehr dem Schutz der Gemeinschaft.
Und zwar in der Schule, am Arbeitsplatz oder auch im Freundeskreis: Verletzt ein Mitglied der Gemeinschaft die Gruppennormen, dann besprechen das die anderen unter Ausschluss des Betroffenen. Das sorgt zwar nicht dafür, dass der Missetäter bzw. die Missetäterin ihr Verhalten ändert, aber alle anderen erfahren auf diese Weise, was in der Gruppe als opportun angesehen wird und was nicht.
Klatsch und Tratsch als Kommunikationshilfe
Zu tratschen oder zu lästern gebe Menschen außerdem die Möglichkeit, ihre eigene Vorstellungen und Werte zu kommunizieren, sagt die Sozialpsychologin Ursula Athenstaedt von der Universität Graz. „Man kann anderen also mitteilen, was man in einem sozialen Kontext für richtig hält und was man für falsch hält, ohne über sich selbst oder das eigene Privatleben sprechen zu müssen“, so Athenstaedt im Gespräch mit ORF.at. Zu klatschen und zu lästern sei also auch eine Kommunikationshilfe.
Eine andere Studie aus den Niederlanden geht sogar noch weiter, stellt das Lästern in ein noch besseres Licht: Sie kommt zu dem Schluss, dass Menschen, die klatschen, dadurch reflektierter würden. Positiver Tratsch über andere rege sie dazu an, sich selbst zu verbessern, und negativer Tratsch über andere steigere ihren Selbstwert und mache sie selbstsicherer.
Alter und Geschlecht spielen keine Rolle
Die Geschlechterstereotype, die es in puncto Klatsch und Tratsch gibt, sind übrigens nicht mehr als das. „Das sprichwörtliche Waschweib existiert nicht“, so Athenstaedt. Studien, die belegen könnten, dass Frauen mehr klatschen oder lästern als Männer, gebe es nicht. Getratscht würde in allen sozialen Schichten und beinahe allen Altersklassen.
Das zeigte unter anderem eine Studie des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie. Dafür sollten drei- bis fünfjährige Kinder ein Tauschspiel mit zwei Puppen spielen: Während die eine Puppe kooperativ war und viele Murmeln abgab, war die andere Puppe sehr viel geiziger mit ihren Glaskugeln.
Nachdem die Kinder mit beiden Puppen gespielt hatten, brachten die Forscherinnen und Forscher ein weiteres, eingeweihtes Kind hinzu, das sich eine der Puppen aussuchen sollte. Die Mehrheit der bereits anwesenden Kinder warnte das neue Kind vor der geizigen Puppe - die jüngeren mit einem Fingerzeig, die älteren mit konkreten Aussagen über das schlechtere Spielzeug. Sie lästerten gewissermaßen, um eine wichtige Information weiterzugeben.
Lästern als Warnung für andere
Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch eine Studie der Universität Berkely, die sich mit den Vorzügen des Tratsches beschäftigte. Über andere zu lästern, habe eine Schutzfunktion: Erstens würden andere vor Personen gewarnt, die andere ausnützen oder betrügen, und zweitens könne man so etwas über die Erfahrungen anderer mit diesen Menschen lernen.
Das kann etwa im beruflichen Kontext interessant sein, wenn eine Kollegin oder ein Kollege bewusst weniger leistet, dabei aber versucht, die Leistung der Gruppe zu gleichen Teilen für sich zu beanspruchen. In diesem Zusammenhang sei es aber nicht nur selbstlos, über andere zu lästern. „Wenn man das Verhalten anderer anprangert, signalisiert man damit natürlich auch, dass man das selbst so nie machen würde“, erklärt Athenstaedt. Es gehe also auch darum, sich selbst in ein gutes Licht zu rücken.
Von der Fellpflege zur menschlichen Identität
Tratscht man nun oder lästert man schon? Während im Deutschen bereits mit der Begriffswahl eine wertende Unterscheidung gemacht wird, lässt das englische Wort „gossip“ wesentlich mehr Interpretationsspielraum, was die Absicht des Klatsches betrifft. Die „New York Times“ bezieht sich dabei auf Robin Dunbar, Evolutionspsychologe an der Universität Oxford und einer der bekanntesten „Tratsch“-Forscher.
Ursprünglich meinte das Wort „gossip“ einfach nur eine Unterhaltung mit den „godsips“, soviel wie Patentanten- und -onkeln bzw. anderen nahestehenden Menschen. Laut „The Atlantic“ geht Dunbar auch davon aus, dass bereits Urmenschen getratscht haben.
Als die Gemeinschaften zu groß wurden, reichte die gegenseitige Körperpflege nicht mehr aus, um ein stabiles Gruppengefühl zu erzeugen. Die Menschen entwickelten Sprache und damit das unproduktive Tratschen, das nach Ansicht Dunbars dazu beitrug, der Spezies Mensch eine Identität als soziales Wesen zu geben.
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