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Ein Ort im Ausnahmezustand

Genau 20 Jahre ist es her, als der kleine steirische Ort Lassing zum Nachrichtenmittelpunkt Österreichs wurde - und das Grubenunglück auch weit über die heimischen Grenzen hinaus für Schlagzeilen sorgte. In einer beispiellosen Rettungsaktion konnte der verschüttete Bergarbeiter Georg Hainzl nach fast zehn Tagen gerettet werden. Zehn Männer, die ihm zu Hilfe eilen wollten, starben.

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Begonnen hatte das Drama von Lassing um die Mittagszeit am 17. Juli 1998. Ein Bergarbeiter sei verschüttet worden, man habe aber telefonischen Kontakt mit ihm, hieß es. Die Rettungsmaßnahmen für den nach einem „begrenzten Wassereinbruch“ eingeschlossenen Bergmann liefen langsam an, es mangelte an Koordination und Klarheit bei den Zuständigkeiten.

Als fatale Fehleinschätzung erwies es sich, einen Trupp von zehn Kumpeln und einem Geologen ins Talkbergwerk einfahren zu lassen - in den Abendstunden gab es einen weiteren, gewaltigen Schlammeinbruch, der fast alle Männer des Rettungsteams in den Tod riss.

Übersicht der Unglücksstelle des eingestürzten Bergwerkstollen in Lassing, 20.07.1998

APA/Hans Techt

Der Krater in Lassing

Keine Lebenszeichen

Sie hätten Pumpen anbringen sollen, um den Wasserhaushalt zu stabilisieren. Einer der Kumpel fuhr vorzeitig aus und entging so knapp dem Tod - unter ihm stürzten Tonnen von Schlamm und Geröll in den Schacht und verschütteten das restliche Team. In dem Schlund, der inzwischen ein Ausmaß von 150 mal 150 Meter hatte, versanken Häuser, ebenso fünf wichtige Hochleistungspumpen der Feuerwehr und ein Strommast - die Elektrizitätsversorgung war unterbrochen.

Grubenunglück von Lassing – der erste Tag

Am späten Nachmittag des 17. Juli 1998 ahnte noch niemand, welche dramatischen Folgen dieses Ereignis haben würde.

Noch in der Nacht wurden hektisch Bohrarbeiten begonnen, wo der erste Kumpel in 60 Meter Tiefe in einem Hohlraum vermutet wurde. Schon da war klar, dass man nur ihm Überlebenschancen gab. Mit der Bohrsonde stieß man auf den erwarteten Hohlraum, doch Lebenszeichen fehlten. Eine eingeführte Minikamera erhärtete den Verdacht: Auch dieser Hohlraum war geflutet.

Ansturm von Helfern, Medien und Scharlatanen

Binnen kürzester Zeit waren Hunderte Menschen in dem Ort: Die damalige Landeshauptfrau Waltraud Klasnic (ÖVP) sprach vom „bittersten Tag“ in ihrer Amtszeit. Die Hoffnungen schrumpften auf ein Minimum. Trotzdem wurde weiteres Gerät herangeschafft. Insgesamt 1.200 Helferinnen und Helfer wurden gezählt - und zusätzlich kamen zahlreiche Fernsehsender und Journalisten. Und eine Heerschar von Wahrsagern, Hellsehern und anderen Scharlatanen.

Einsatzkräfte des Bundesheeres am Kraterrand des eingestürzten Bergwerkes

APA/Hans Techt

Auch das Bundesheer half

Eine Hellseherin glaubte, einen alten Stollen identifiziert zu haben, in dem sich Verschüttete gerettet haben sollen. Mit privaten Geldern wurde rund 100 Meter vom Krater entfernt neben den drei offiziellen Bohrungen eine eigene versucht, ein Hund habe etwas gewittert, hieß es. Die Bohrung wurde wegen „Erschöpfung“ der Hellseherin mehrmals unterbrochen - gefunden wurde dann zwar ein Hohlraum, darin aber nur Schlamm.

„Mir geht es gut, nur die Füße sind kalt“

Am 25. Juli hieß es, an eine Rettung Hainzls sei nicht mehr zu denken. Die Sondierung der Jausenkammer in mehr als 60 Meter Tiefe habe ergeben, dass diese voller Schlamm ist. Dennoch wurde weiter gebohrt - auch wenn die ersten Rettungsteams bereits abzogen. Am 26. Juli um 21.16 Uhr meldete die APA dann das „Wunder von Lassing“: Hainzl sei am Leben und ansprechbar.

Der 10 Tage im Lassinger Bergwerk verschüttete Georg Hainzl in einer Druckkammer auf dem Weg ins LKH Graz

APA/Hans Techt

Der gerettete Bergmann bei seiner Bergung

„Mir geht es gut, nur die Füße sind kalt“, das sagte er nach Angaben des Werksarztes. Der Bergmann befand sich unmittelbar neben dem Bohrloch in der Jausenkammer. Eineinhalb Stunden später wurde er geborgen und mit dem Rettungswagen nach Graz gebracht. Von unbeschreiblichen Freudenszenen war die Rede, die Erleichterung war riesengroß.

Weitere Bohrungen ohne Ergebnis

Aus einer Mischung aus Euphorie und Mut der Verzweiflung wurde weitergebohrt, um auch die zehn vermissten Kumpel zu orten. Der kurzzeitig aufgeflammte Hoffnungsschimmer erlitt Anfang August einen Dämpfer, als man mit einer durch den Versorgungsschacht in den Dom genannten Hohlraum 130 Meter unter Tage hinabgelassenen Kamera keinerlei Lebenszeichen entdeckte. Am 14. August wurden die Rettungsmaßnahmen eingestellt. Alle Versuche, noch Überlebende zu finden, waren gescheitert. Der Tod der zehn Männer war Gewissheit.

Politisches und juristisches Nachspiel

Es wurde nur langsam ruhig um den kleinen Ort: Monatelang wurde über die politische Verantwortung des Unglücks gestritten. Und auch von Versäumnissen und Fehlern - in der Grube und bei den Rettungsaktionen - war lange die Rede. Es gab Vorwürfe des Schwarzabbaus und auch dass die ersten Tage nach dem Unglück chaotisch und unkoordiniert verlaufen seien.

Lassing – 20 Jahre nach dem Grubenunglück

Vor 20 Jahren löste ein Wassereinbruch das größte Grubenunglück der österreichischen Bergwerksgeschichte aus. Wie geht Lassing nach zwei Jahrzehnten mit den Erinnerungen an den Sommer 1998 um?

Die juristische Aufarbeitung dauerte lange: Die Staatsanwaltschaft argumentierte, dass das Grubenunglück „kein schicksalhaftes Ereignis“ gewesen sei, sondern durch „menschliche Fehlleistungen über mehrere Jahre“ verursacht worden sei. 2000 wurden erste Urteile verhängt, beim Berufungsverfahren wurden die Strafen noch verschärft: Rettungsmannschaften und beigezogenen Experten seien falsche Karten vorgelegt worden. Das habe dazu geführt, dass weitere zehn Männer in die Grube geschickt wurden, die bei einem neuerlichen Einbruch verschüttet wurden und ums Leben kamen.

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