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„Shoah“ als Meisterwerk

Der französische Regisseur Claude Lanzmann ist im Alter von 92 Jahren gestorben. Das bestätigte seine Frau am Donnerstag der dpa. Seine fast zehnstündige Zeitzeugendokumentation „Shoah“ über den Völkermord an den europäischen Juden hatte Lanzmann weltberühmt gemacht.

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Lanzmann wurde am 27. November 1925 im Großraum Paris geboren. Er war bereits als Jugendlicher politisch engagiert. Zusammen mit seinem Bruder und seiner Schwester engagierte er sich noch als Schüler in der Resistance, der französischen Widerstandsbewegung gegen das kollaborierenden Vichy-Regime.

„Ich habe mehrere deutsche Soldaten getötet“, sagte er in einem Gespräch mit der dpa vor einigen Jahren. Seine Erfahrungen mit dem Antisemitismus hielten ihn jedoch nicht davon ab, nach dem Ende des Krieges nach Deutschland zu gehen, um dort Philosophie zu studieren. Er war auch Lektor an der Freien Universität Berlin.

Archivbild aus dem Jahr 1985 zeigt den französischen Filmproduzenten Claude Lanzmann

APA/AFP/Joel Robine

Lanzmann im Jahr 1985

Mit Satre befreundet, mit Beauvoir liiert

Lanzmann war etwa mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre befreundet und mit der Feministin Simone de Beauvoir liiert. Lange bevor Lanzmann zu einem der bedeutendsten Dokumentarfilmer über den Holocaust wurde, arbeitete er als Journalist für verschiedene Medien, darunter auch für die von Sartre gegründete Zeitschrift „Les Temps modernes“. Als Journalist reiste er unter anderem nach China und Korea und engagierte sich gegen den Algerien-Krieg.

1960 gehörte er neben Beauvoir, Alain Resnais, Francoise Sagan und Simone Signoret zu den ersten Unterzeichnern der als „Manifest der 121“ berühmt gewordenen Schrift gegen den Algerien-Krieg. Dafür musste er zusammen mit einigen anderen Unterstützern für kurze Zeit ins Gefängnis. Danach verstärkte er seinen journalistischen Einsatz gegen jede Gewalt.

Judenvernichtung als großes Thema

Lanzmann war eine Kämpfernatur. Er galt als hartnäckig, eisern und kompromisslos. Ohne diese Eigenschaften wäre sein Meisterwerk „Shoah“ wahrscheinlich nie zustande gekommen. Zwölf Jahre waren notwendig, um einen der radikalsten Filme über die Vernichtung europäischer Juden im Nationalsozialismus zu drehen. Jahre voller Widerstände und Hindernisse, denn Lanzmann lässt in dem mehr als neunstündigen Film Opfer und Täter zu Wort kommen. Die Berlinale-Jury, die Lanzmann 2013 den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk verlieh, würdigte „Shoah“ als „epochales Meisterwerk der Erinnerungskultur“.

In „Warum Israel“, seinem ersten Film aus dem Jahr 1972, zeigte er die Notwendigkeit eines jüdischen Staates auf, und in „Sobibor“ verarbeitete er den Aufstand in dem gleichnamigen Vernichtungslager. „Der Letzte der Ungerechten“ („Le Dernier des Injustes“) wurde im Jahr 2013 auf dem Filmfestival in Cannes prämiert, die Dokumentation feierte im selben Jahr bei der Viennale auch seine Österreich-Premiere.

Archivbild aus dem Jhar 2013 zeigt den französischen Filmproduzenten Claude Lanzmann mit dem Goldenen Bären für sein Lebenswerk

APA/AFP/John MacDougall

Lanzmann erhielt 2013 den Goldenen Ehrenbären der Berlinale

Lernen von Lanzmann

Mit der Dokumentation wollte Lanzmann Benjamin Murmelstein rehabilitieren, den letzten Vorsitzenden des Judenrates von Theresienstadt. Dem mittlerweile verstorbenen Rabbiner wurde Kollaboration mit den Nazis vorgeworfen.

TV-Hinweis

ORF III zeigt am Sonntag um 23.25 Uhr Claude Lanzmann im Interview. Um 23.50 Uhr folgt „Der letzte der Ungerechten“.

Der Film sei kein Epilog zu „Shoah“, wehrte sich Lanzmann vor fünf Jahren gegen eine solche Interpretation. „Mit der Shoah wird man auch als Filmemacher nie fertig. Und auch ich möchte noch weitere Filme machen. Obwohl ich alles Recht habe, müde zu sein. Aber ich bin sehr froh, diesen Film gemacht zu haben“, so Lanzmann. Was kann man aus „Le Dernier des Injustes“ lernen? „Dass es sehr schnell gehen kann“, merkte Lanzmann unter Verweis auf den repressiven Umgang mit Migranten an.

Noch im vergangenen Jahr präsentierte Lanzmann beim Filmfestival in Cannes außer Konkurrenz den Dokumentarfilm „Napalm“, für den er 2004 und 2015 in das diktatorisch geführte Nordkorea gereist war.

Auch als Autor tätig

Lanzmann betätigte sich zudem als Autor, wobei für ihn primär sein eigenes Leben im Mittelpunkt stand, was sich am Memoirenband „Der patagonische Hase“ aus 2009 zeigte. Zu seinem 90. Geburtstag 2015 erschien „Das Grab des göttlichen Tauchers“ auf Deutsch, dessen Titel sich auf die 1968 entdeckten griechischen Grabmalereien in der Ruinenstätte Paestum bei Neapel bezieht, die einen nackten Mann beim Sprung ins Meer zeigen.

„Alle wichtigen Entscheidungen, die ich zu treffen hatte, waren wie Kopfsprünge, Sturzflüge ins Leere“, begründet Lanzmann in seinem Vorwort die Wahl des Titels. Im „Taucher“ beleuchtete Lanzmann sein Leben als „Schreiber“, wie er sich zu dieser Zeit selber nannte.

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