Patriotismus auf dem Prüfstand
Die einen singen inbrünstig mit, die anderen schauen konzentriert vor sich hin: Ob und wie Nationalspieler ihre Hymnen singen, war lange Zeit kein Thema. Seit einigen Jahren wird jedoch über den angeblichen Mangel an Patriotismus einzelner Spieler diskutiert - immer dann, wenn die Siege ausbleiben.
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Vom Tonband erklangen die ersten Zeilen von „Land der Berge“, das Stadion sang mit, doch die Lippen von Herbert Prohaska, Hans Krankl, Walter Schachner und Co. bewegten sich nicht. Rund um die Fußball-WM in Spanien 1982 gab es einige Spiele, bei denen sich das österreichische Nationalteam vor Beginn des Spiels sehr zurückhaltend zeigte: keine Hand aufs Herz, kein emotionales Mitgegröle und keine Diskussion über mangelnden Patriotismus in den Reihen der österreichischen Nationalmannschaft.
Ein Beispiel dafür ist das Qualifikationsspiel gegen Deutschland für die Fußball-WM 1982. Hier zeigte sich das Nationalteam äußerst zurückhaltend bei der Hymne. Während das Publikum im Stadion mitsang, regte sich bei den Spielern keine Miene.
Eine Frage des Erfolgs
Heute sieht das anders aus: In österreichischen Medien wird regelmäßig nach dem Gesangsengagement von Spielern wie Marko Arnautovic oder Aleksandar Dragovic gefragt. Eine Diskussion, die mit dem sportlichen Erfolg der Mannschaft steht und fällt. Sei die Erwartungshaltung der Fußballinteressierten groß, der Erfolg bliebe aber aus, würden schnell Ressentiments bemüht, sagte Georg Spitaler, Politologe im Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung und Mitherausgeber des Fußballmagazins „Ballesterer“.
„Dann wird plötzlich danach gefragt, ob die Spieler auch ‚echte‘ Österreicher und mit vollem Herzen dabei sind“, so Spitaler. Werden Nationalspieler nach ihrem Verstummen bei der Hymne befragt, offenbaren sie fast immer banale Gründe. Allen voran die Angst vor einem Patzer, der sich dann innerhalb kürzester Zeit in den Sozialen Netzwerken verbreitet. Das „Fail-Video“ eines schief singenden Fußballers könnte dem Image des Spielers schaden.
Patriotismus für die Nationalmannschaft
Einen Vorgeschmack auf eine solche Dynamik bekam Toni Polster bereits Anfang der 1990er Jahre. Anders als viele Kollegen bemühte sich der Stürmer immer, die Hymne mitzusingen. Die Fernsehübertragungen zeigten jedoch, dass seine Lippenbewegungen meist asynchron mit dem Liedtext waren. Der Kabarettist Mini Bydlinski verwendete genau das für seine Parodie. In einem seiner Programm erklärte er als Polster verkleidet: „Das Spiel hat ganz schlecht für mich begonnen, ich hab mich gleich versungen bei der Bundeshymne.“

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1995 sang Toni Polster die Nationalhymne, doch nicht alle Nationalspieler folgten seinem Vorbild
Spätestens seit den 2000er Jahren wird regelmäßig über den Hymnengesang im österreichischen Fußball diskutiert. Einer der Urheber könnte Hans Krankl sein, der von 2002 bis 2005 Trainer der Nationalmannschaft war. Er legte in dieser Funktion größeren Wert auf eine patriotische Inszenierung als seine Vorgänger. „Krankl wollte, dass die Spieler die Hymne singen und er wollte zum Beispiel auch rot-weiße Trikots für die Mannschaft“, so Spitaler. Schwarz-weiß, so wie früher, sind heute nur mehr die Auswärtstrikots des Österreichischen Fußballbunds (ÖFB).
Schwarz, Weiß, „Beur“
Dass die Themen Nationalismus und Patriotismus seit den 2000ern im Fußball stärker diskutiert werden, liegt unter anderem am Erfolg der französischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1998 und der Europameisterschaft 2000 - damals jedoch noch in einem vorwiegend positiven Kontext. Der Sieg im WM-Finale gegen Brasilien im eigenen Land wurde als gelungener Integrationsprozess verklärt. Damals fanden sich in der siegreichen Elf Spieler, die selbst oder deren Eltern in Polynesien, Armenien, Nordafrika und Westafrika geboren wurden.
Auf die französischen Nationalfarben Blau, Weiß und Rot anspielend, sprach man damals nicht über „Bleu-Blanc-Rouge“, sondern über „Black-Blanc-Beur“, so Kurt Wachter von Fairplay-VIDC, einer Initiative für Vielfalt und Antidiskriminierung im Fußball. „Damit waren die schwarzen, weißen und mit ‚Beur‘ die arabischstämmigen Spieler gemeint, deren sportlicher Erfolg auch als Erfolg des gesellschaftlichen Multikulturalismus gefeiert wurde“, so Wachter.
Rassismus kommt zurück
Schon damals habe Jean-Marie Le Pen, Gründer des rechtsextremen Front National, bezweifelt, dass westafrikanisch- oder arabischstämmige Menschen die französische Nation überhaupt repräsentieren könnten, sagte Wachter. Doch die allgemeine Euphorie übertönte die rassistisch motivierte Kritik. Zwölf Jahre später änderte sich das: Als die „Equipe Tricolore“ bei der WM-Vorrunde in Südafrika sang- und klanglos ausschied, sahen viele in der Diversität der Mannschaft die Hauptursache dafür. Der Fußball wird gerade bei Großereignissen zur Projektionsfläche nationaler Selbstzuschreibungen und politischer Probleme.
Beten für den Sieg
Aktuell zeige sich das beispielsweise bei Deutschland und der Türkei, meinte Spitaler. Dem in Gelsenkirchen geborenen, deutschen Nationalspieler Mesut Özil wird mangelndes Engagement bei der aktuellen Fußball-WM unterstellt. Grund dafür ist unter anderem ein Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan im Mai in London. Özil, der in der englischen Premier League beim FC Arsenal spielt, überreichte Erdogan sein Trikot. Deutsche Medien kritisierten das Treffen als Wahlkampfhilfe für den türkischen Politiker und attestierten Özil mangelndes politisches Bewusstsein.
Seit die WM begonnen hat, wird wieder darüber diskutiert: Özil solle sich zu Deutschland bekennen und die Hymne mitsingen. „Hätte Deutschland gegen Mexiko gewonnen, würde jetzt vermutlich niemand darüber sprechen“, ist Spitaler überzeugt. Warum der 29-jährige Fußballer bei der Hymne stumm bleibt, hat er mittlerweile erklärt. Er bete, und diese Einkehr solle ihm die Kraft bringen, den Sieg nach Hause zu fahren - so habe er es schon seine ganze Karriere gemacht.
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