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Auflösung einer Maschinerie

Vertraulichkeit ist die wichtigste Ressource in der Welt der Offshore-Finanzexperten. Nur wer sie garantieren kann, macht das große Geschäft mit den Briefkastenfirmen der Superreichen. Das Geschäft der Kanzlei Mossack Fonseca ging jahrzehntelang reibungslos - bis zur Veröffentlichung der Panama-Papers im April 2016. Nun zeigt ein neues Datenpaket, was danach geschah.

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Das Datenpaket Panama-Papers 2 umfasst rund 1,2 Millionen elektronische Dokumente der Kanzlei Mossack Fonseca aus dem Zeitraum Anfang 2016 bis Ende 2017: Unterlagen von Briefkastenfirmen, Verwaltungsdokumente und E-Mails. Es zeigt, dass anfangs in den über 30 Niederlassungen des Unternehmens noch die übliche Routine herrscht: Finanzdienstleister und Treuhänder lassen im Auftrag ihrer wohlhabenden Kundschaft Briefkastenfirmen an Orten wie Panama, den Britischen Jungferninseln und den Bahamas einrichten.

Panama-Papers 2

Die Panama-Papers 2 sind ein Datenpaket, das den Journalisten Frederik Obermaier und Bastian Obermayer von der „Süddeutschen Zeitung“ übergeben wurde. Der Ursprung der Daten wird aus Quellenschutzgründen geheim gehalten. Das Paket umfasst rund 1,2 Millionen Dateien und ist damit etwa ein Zehntel so groß wie die ursprünglichen Panama-Papers. Ausgewertet wurde das Material vom International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ).

Mit den eigentlichen Eigentümern der Vermögenswerte, die von diesen Firmen verwaltet werden, haben die Mitarbeiter von Mossack Fonseca nur äußerst selten zu tun. Das mit den Jahren perfektionierte System funktioniert wie eine gut geschmierte Produktionsstraße.

Journalisten sollten festgesetzt werden

Anfang März 2016 war es mit der Ruhe vorbei. Die Mitglieder der Journalistengruppe ICIJ riefen in Panama-Stadt an und begannen, unangenehme Fragen zu stellen. Die Firma, so zeigen die neuen Dokumente, schaltete schnell in den Krisenmodus. Gleich nachdem das Datenleck bestätigt war, trat der Anwalt von Mossack Fonseca an den Generalstaatsanwalt der Republik Panama heran. Er solle eine Untersuchung gegen die Journalisten einleiten, die sich zu Recherchezwecken in der Hauptstadt des Landes aufhielten. Seine Forderung: Die Journalisten sollten so lange in Panama festgehalten werden, bis sie die Quelle der Dokumente verraten haben. Der Staatsanwalt lehnte das ab.

Ramon Fonseca

AP/Arnulfo Franco

Ramon Fonseca, einer der beiden Gründer der Kanzlei

Die Nachfragen der Journalisten im Vorfeld der Veröffentlichung machten auch die wichtigste Kundschaft von Mossack Fonseca nervös: die Finanzdienstleister, die ihre reichen Kunden vor neugierigen Blicken abschirmen sollten. Eine Schweizer Beraterin etwa beschwerte sich beim Kundendienst darüber, dass Journalisten von „Le Monde“ über einen ihrer Kunden recherchiert hätten: „Das ist für mich nicht akzeptabel!!!“ heißt es in der Mail. Der Kundendienst der Kanzlei versuchte dann, sie via Telefon zu beruhigen.

Nachgereichte Identitäten

Nach Veröffentlichung der Panama-Papers am 3. April 2016 prasselten die Anfragen der besorgten Kundschaft erst richtig auf Mossack Fonseca ein. Die Aufsichtsbehörden der Steueroasen waren aufgescheucht, stellten plötzlich Fragen, und die Mossack-Fonseca-Niederlassungen versuchten panisch, ihre Akten in Ordnung zu bringen. Sogar die eigentlichen Eigentümer der Briefkastenfirmen meldeten sich.

Panama-Papers: Die Tage danach

Unter Panama-Papers wurden 2016 Recherchen zu zwielichtigen Offshore-Firmen in Steueroasen veröffentlicht.

So ließ der ukrainische Präsident Petro Poroschenko seine Mitarbeiter eine Stromrechnung an Mossack Fonseca übermitteln, damit diese der Finanzaufsicht der Britischen Jungferninseln beweisen konnten, dass eine bestimmte Briefkastenfirma ihm gehöre. Scheich Chalifa bin Sajed Al Nahjan, Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate und Emir von Abu Dhabi, bestätigte Mossfon seine Identität, indem er eine Kopie seines Passes sandte. Damit behielt er die Kontrolle über die Offshore-Konstrukte, die für ihn Immobilien in Großbritannien halten.

Lionel Messi und Jackie Chan

In der Korrespondenz befinden sich auch 17 E-Mails mit Vertretern des Hollywood-Stars Jackie Chan. Am Ende musste der Star eine Kopie seines Passes und eine American-Express-Abrechnung übermitteln, um seine Briefkastenfirmen behalten zu können – und Mossack Fonseca Strafen wegen fehlender Kundendaten zu ersparen. Auch die Anwälte des argentinischen Fußballstars Lionel Messi wurden von Mossack Fonseca in Bezug auf eine von ihnen eingerichtete Firma kontaktiert.

Jackie Chan

Reuters/Jason Lee

Auch Filmstar Jackie Chan ließ Offshore-Firmen einrichten

Andere Kunden zeigten sich weniger einsichtig. Ein Buchhalter aus Uruguay etwa wies die Aufforderung von Mossack Fonseca zurück, ein Dokument handschriftlich zurückzudatieren, um alles so aussehen zu lassen, als ob die Kanzlei von Anfang an die korrekten Unterlagen über eine Firma gehabt habe, die letztlich der Familie des argentinischen Präsidenten Mauricio Macri gehörte. Die Fälschung sei von einem Sachverständigen einfach aufzudecken, so der Buchhalter. Der Plan wurde fallen gelassen.

PR-Versuche gehen ins Leere

Ein Anwalt, der den mächtigen Senatspräsidenten Nigerias, Bukola Saraki, repräsentierte, musste von London nach Panama fliegen, um dort die Angelegenheiten mit Mossfon zu regeln. Wütend zeigte sich ein Schweizer Advokat, der ein Mossfon-Konstrukt des Geschäftsmanns Beny Steinmetz betreute, gegen den die israelischen Behörden wegen Korruptions- und Bestechungsvorwürfen ermitteln: „Das Datenleck bei Mossack Fonseca & Co hat unseren Klienten geschadet, die Ihnen und Ihren professionellen Fähigkeiten vertraut haben.“ Eine Sprecherin von Steinmetz sagte auf Nachfrage des ICIJ, die Vorwürfe gegen ihn entbehrten jeder Grundlage.

Mossack Fonseca versuchte auch auf anderen Ebenen, die Folgen der Veröffentlichung zu begrenzen. Die Kanzlei teilte der Kundschaft mit, man habe eine Firewall installiert, um Hacker abzuwehren, und ein System zur Verschlüsselung von E-Mails und anderen Dokumenten eingeführt, um die Daten der eigentlichen Nutznießer der Briefkastenfirmen zu schützen. Zudem heuerte Mossack Fonseca PR-Berater an, „um unsere Sicht der Dinge darzulegen“. Weiters sollten „Markenbotschafter“ öffentlich für das Unternehmen trommeln.

„Unkontrollierbare Situation“

Die Kunden der Kanzlei waren allerdings von diesen Aktivitäten wenig beeindruckt, wie zahlreiche Mails aus dem neuen Datenleck belegen. Ein Schweizer Treuhänder machte seinem Ärger Luft: „Sie verschicken eine Menge Nachrichten, die uns glauben machen sollen, dass Sie diese unkontrollierbare Situation im Griff haben (...) Diese Mail wird wahrscheinlich auch abgefangen werden, wie die anderen 11.600.000 Dokumente auch. Es ist mir egal.“

Andere Kunden zeigten zwar Verständnis, ließen jedoch durchblicken, dass Mossack Fonseca gegen die ungeschriebenen Geheimhaltungsgesetze der Offshore-Branche verstoßen habe. „Es tut uns sehr leid, was passiert ist, und wir wünschen Ihnen alles Gute, aber es wurde gegen das grundlegende Prinzip solcher Konstrukte verstoßen: Vertraulichkeit“, schrieb etwa ein Finanzdienstleister aus Uruguay.

Nicht nur die Kunden setzten Mossack Fonseca zu, sondern auch die Regierungen der Staaten, in denen die Kanzlei Geschäfte machte. Vor allem die wichtigsten Niederlassungen des Unternehmens waren nun Gegenstand von Untersuchungen der Finanzbehörden, darunter jene in Panama, den Britischen Jungferninseln, Samoa, den Seychellen und Anguilla. Im April 2016 trat die Finanzregulierungsbehörde der Seychellen an die dortige Mossack-Fonseca-Filiale heran, um abzufragen, wem denn einige der 5.379 Firmen wirklich gehörten, welche die Kanzlei dort registriert hatte.

Zwischengeschaltete Treuhänder

Mossack Fonseca umschiffte die Regeln zur Bekanntgabe der eigentlichen Nutznießer oft dadurch, dass es Treuhänder für die Integrität ihrer Auftraggeber bürgen ließ. Die internen Mails zeigen, dass es den Mitarbeitern der Kanzlei deshalb allzu oft schwerfiel, die geforderten echten Identitäten der Firmenbesitzer herbeizuschaffen – auch wenn das bedeutete, gegen die Gesetze der jeweiligen Länder zu verstoßen. Die Untersuchung auf den Seychellen zeigte, dass Mossack Fonseca seinen Pflichten zur regelmäßigen Überprüfung politisch relevanter Personen nicht nachgekommen sei und gegen sechs Gesetze und Vorschriften zur Geldwäschebekämpfung verstoßen hatte.

Finanzbehörden in zahlreichen Ländern leiteten Untersuchungen gegen Kunden und andere Akteure im Netzwerk von Mossack Fonseca ein. Die Kanzlei rief ihre Kunden dazu auf, trotz aller Probleme zu ihr zu stehen. Sie senkte ihre Tarife und bot einigen Kunden die Möglichkeit, den Namen ihrer Briefkastenfirmen zu ändern, auf dass der Betrieb diskret weitergehen könne.

Winkelzüge und Absetzbewegungen

Einigen Kunden half Mossack Fonseca auch, indem die Kanzlei einige Filialen umbenannte, damit der beschädigte Name der Kanzlei nicht mehr auf Briefen und Paketen auftauchte. Aus der Mossack-Fonseca-Filiale auf Samoa wurde Central Corporate Services Ltd., in Panama reichte die Kanzlei viele Kunden an Orbis Legal Services weiter. Diese Firma stellte auch einige Mitarbeiter von Mossack Fonseca an, um den Kunden „dasselbe Serviceniveau“ bieten zu können. Andere Kunden wanderten einfach zu anderen Offshore-Dienstleistern in Steuerparadiesen wie den Britischen Kanalinseln, den Britischen Jungferninseln und Zypern ab. Einige Kunden berichteten davon, dass sich Banken weigerten, Zahlungsaufträge an Mossack Fonseca zu bearbeiten.

Im Mai 2016 kündigte Mossack Fonseca an, seine Filiale auf der Isle of Man zu schließen. Auch die Niederlassungen auf der Kanalinsel Jersey und in Hongkong machte man zu. Die Gründer Jürgen Mossack und Ramon Fonseca teilten mit, dass sie sich aus ihrem Unternehmen zurückziehen würden. Man werde die Firma noch weiterlaufen lassen, um bestehende Verpflichtungen zu erfüllen, aber sie werde „irgendwann verschwinden“, hieß es in einer Mail an die Kunden.

„Eine kriminelle Organisation“

Im Februar 2017 warf Panamas Generalstaatsanwältin Kenia Porcell Mossack Fonseca vor, dass von der Kanzlei betreute Briefkastenfirmen dazu benutzt worden seien, in ganz Lateinamerika Schmiergelder zu verteilen oder in Empfang zu nehmen. Dabei ging es um die Affäre „Lava Jato“, im Rahmen derer Politiker und Manager im Umfeld der staatlichen brasilianischen Ölgesellschaft Petrobras Milliarden US-Dollar an Bestechungsgeldern von Zulieferfirmen als Gegenleistung für die Vergabe lukrativer Aufträge erhalten haben sollen. Die Ermittlungen dazu gehen noch heute.

Porcell bezeichnete Mossack Fonseca als „eine kriminelle Organisation, die dazu dient, Geld aus dubiosen Quellen zu verstecken“. Sie ließ Jürgen Mossack und Ramon Fonseca wegen Verstoßes gegen die Geldwäschegesetze verhaften. Die beiden Gründer wiesen die Anschuldigungen zurück, mussten einige Monate im Gefängnis verbringen und wurden schließlich gegen Zahlung einer Kaution freigelassen. „Die Staatsanwaltschaft versucht, einen Beweis für ein Verbrechen zu finden, das nicht stattgefunden hat“, so Mossack: „Wenn das hier das mittelalterliche Spanien wäre, dann hätten sie uns schon auf dem Scheiterhaufen verbrannt.“

Ersatz steht schon bereit

Im April 2017 kamen Jürgen Mossack und Ramon Fonseca frei. Gut ein Jahr später stellte ihre Firma den Betrieb für immer ein. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt, gehen noch Ermittlungen der Staatsanwaltschaft im deutschen Köln gegen Mossack wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Die Ermittlungen gegen diverse Mossack-Fonseca-Mitarbeiter in Panama sind noch nicht abgeschlossen. In Pressemitteilungen beteuerte die Firma stets ihre Unschuld.

Für die zahlreichen Treuhänder und Dienstleister aus dem System Mossack Fonseca bricht nun eine neue Ära an. Einer Expertin aus der Schweiz gab ein Mossack-Mitarbeiter von den Seychellen in seiner letzten Mail noch einen Tipp für den Neustart mit: eine Liste mit 67 anderen Offshore-Experten auf den Seychellen, die exakt dieselben Dienste anbieten wie seine eigene Kanzlei.

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