Gewaltbereite Fans auf schwarzer Liste
Russland will eine Fußball-WM ohne gewalttätige Ausschreitungen. Deswegen haben die russischen Behörden schon vor einiger Zeit begonnen, die eigenen Fußballfans zu kontrollieren und ihre Daten zu erfassen. Hooligans sollen keinen Zugang zu den WM-Stadien haben. Dass diese Maßnahme für Ruhe sorgt, wird bezweifelt. Denn zu großen Ausschreitungen kommt es bevorzugt vor und nach den Spielen.
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Die Innenstadt Marseilles war verwüstet, es gab Hunderte Verletzte, zwei Engländer lagen im Koma - 2016 kam es in Frankreich zu den schwersten Ausschreitungen bei einer Fußballgroßveranstaltung in 20 Jahren. Die Gewalt ging von gut trainierten Hooligans aus Russland aus. Das Ziel der konzertierten Attacke waren die englischen Fans.

AP/Thanassis Stavrakis
Russische Hooligans stürmten bei einem EM-Spiel in Marseilles den Fanblock der Engländer
Die Ausschreitungen blieben nicht ohne Folgen: Die FIFA forderte vom russischen Fußballverband, die Hooligan-Szene vor Beginn der WM-Endrunde in den Griff zu kriegen. Mittlerweile gibt es eine schwarze Liste für Personen mit Stadionverbot, auf der mehr als 400 gewalttätige Fußballfans stehen sollen.
Hohe Strafen für Randalierer
Russland hat strenge Gesetze eingeführt, die hohe Strafen für randalierende Fans vorsehen: sieben Jahre Stadionverbot, 15 Tage Haft oder eine Geldstrafe von umgerechnet 750 Euro, bei einem Durchschnittseinkommen von rund 630 Euro im Monat. Das Motto für die WM laute „Datscha oder Knast“, berichtet Julia Glathe, Soziologin am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin. Den Hooligans wurde nahegelegt, sich von den Spielen fernzuhalten und sich in ihre Gartenhäuser zurückzuziehen.
Dass die russische Regierung versucht, die Hooligans mehr und mehr zu regulieren, liege aber nicht nur an dem sportlichen Großereignis und der internationalen Aufmerksamkeit, meint die Soziologin. Die russischen Hooligans pflegen engen Kontakt mit der rechtsextremen Szene und lehnen Staate und Regierung ab. Obwohl der Kreml die Proteste der rechten Hooligans kritisch sieht, haben die Behörden bis dato nicht konsequent eingegriffen.
Alte Neonazi-Netzwerke leben auf
An der Entwicklung der russischen Hooligan-Szene zeigt sich ein interessanter Widerspruch: Die englischen Fans, die heute als Feindbild Nummer eins gelten, sind das eigentliche Vorbild der Szene. „Man hat in Russland ganz bewusst Begriffe, Organisationsstrukturen und Strategien von den britischen Hooligans übernommen und Anleihen bei den italienischen Ultras genommen“, so Glathe.
Was die Szene Russland von anderen Ländern unterscheidet, ist der enge Kontakt zur Neonazi- und Kampfsportszene. Mitglieder der National Socialist Society (NSO) versuchen seit einigen Jahren, in rechten Fußballnetzwerken Hooligans zu rekrutieren. Mitte der 2000er war die NSO in 27 politische Morde verwickelt, berichtet Glathe in einem Dossier zur Fußball-WM der Bundeszentrale für politische Bildung in Deutschland.
Die meisten Führungsfiguren der NSO landeten im Gefängnis, verließen das Land oder begingen Suizid. Die Vertreter der russischen Neonazi-Szene, die die staatliche Verfolgung überstanden haben, rekrutieren jetzt Hooligans über Soziale Netzwerke.
Kampfsport als Teil der Gewaltkultur
Schon früher hätten sich die Hooligans zu geplanten Prügeleien getroffen, heute organisieren rechtsextreme bzw. neonazistische Unternehmen wie White Rex professionelle Mixed-Martial-Arts-Turniere für die gewaltbereiten Fußballfans. In der Szene ist mittlerweile die Ideologie eines „weißen Europas“ vorherrschend, das vor „Überfremdung“ geschützt und entsprechend verteidigt werden müsse, analysiert Glathe.
Eine Haltung, die sich nicht nur in der Gewaltkultur der Hooligans widerspiegelt. In den Stadien werden schwarze Spieler und Mannschaften aus dem Nordkaukasus regelmäßig rassistisch beschimpft, Banner mit Hakenkreuzen gehisst und Nazi-Lieder gesungen. Vonseiten des russischen Fußballverbandes ist das eigentlich verboten. „Aber dieses Verbot ist schwer zu kontrollieren, und es kommt regelmäßig zu solchen Zwischenfällen“, erläutert Glathe.
Hakenkreuze im Fußballstadion
Auch äußerlich zeigen die Hooligans ihre Affinität zu rechtsextremen Positionen. Zu den Modemarken, die unter russischen Hooligans populär sind, gehört PPDM. Die Marke wurde 2010 von einem Neonazi in Moskau gegründet und verbreitet neben T-Shirts und Pullovern auch Fitnessvideos in Sozialen Netzwerken, in denen offen Nazi-Symbole präsentiert werden. „Dabei vermitteln die Videos die Botschaft, dass sich das russische Volk durch Kampfsporttraining und gesunde Ernährung auf bevorstehende Auseinandersetzungen vorbereiten müsse“, so Glathe.
Diese rechtsextreme Haltung verknüpfen die Hooligans mit Motiven, die auch aus der englischen oder italienischen Fußballszene bekannt sind: die Ablehnung des modernen Fußballs und der Protest gegen die zunehmende Kommerzialisierung des Sports. „Die russischen Hooligans verknüpfen diese Kritik allerdings mit rassistischen Deutungen, beispielsweise wenn es um die Verpflichtung schwarzer Spieler für die Nationalmannschaft geht“, so Glathe.
Diplomatische Krise als Sicherheitsrisiko
Obwohl die russischen Hooligans bei der WM aus den Stadien verbannt wurden, könnte es dennoch zu Ausschreitungen vor und nach den Spielen kommen. Denn die Organisatoren erwarten 10.000 England-Fans in Russland. Seit der Affäre um Sergei Skripal und den Versuch, den Ex-Spion und seine Tochter zu vergiften, sind die Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland angespannt. 23 britische Diplomaten mussten Russland seitdem verlassen. Diese diplomatische Krise könne zu einem Sicherheitsrisiko für britische WM-Besucher werden, meint etwa der „Guardian“.
Britische Hooligans bleiben zu Hause
Das britische Außenministerium warnte zudem homosexuelle Fangruppen, zur WM nach Russland zu reisen, da dort das Risiko, attackiert zu werden, besonders groß sei. Entsprechenden Schutz von den Behörden dürfe man sich nicht erwarten. Eine erste Verhaftung hat es bereits gegeben: Der Aktivist Peter Tatchell, der sich für die Rechte Homosexueller einsetzt, wurde in Moskau wegen „illegalen Protests“ verhaftet, so die Begründung der Polizei.
Um Aktionen britischer Hooligans zu vermeiden, hat das Innenministerium 1.300 gewalttätigen Fußballfans vorsichtshalber die Pässe abgenommen. Sie erhalten ihre Reisedokumente erst am 16. Juli wieder zurück, wenn die WM zu Ende ist.
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