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Lange andauernd und aggressiv

Viren der Linie Yamagata haben in den vergangenen Wochen Tausende Österreicher in die Knie gezwungen. Rund 65 Prozent der Grippeerkrankungen waren auf diese Linie vom Typ B zurückzuführen. Und Yamagata hatte es in sich: Sowohl die Dauer der Influenzawelle als auch die Zahl der Erkrankungen verdoppelten sich im Vorjahresvergleich. Geschützt war nur, wem ein Vierfachimpfstoff injiziert wurde - eine verschwindende Minderheit.

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Denn dieser heuer alleinig wirksame Impfstoff war in Österreich bereits vergriffen, als die Grippewelle am 9. Jänner offiziell ausgerufen wurde. Die danach noch verfügbaren Dreifachvakzine konnten nur A(H1N1)- und A(H3N2)-Erreger und solche der Victoria-Linie vom Typ B in Schach halten.

Grafik zu Grippeerkrankungen

Grafik: ORF.at; Quelle: AGES

Krank machende Festivitäten

Die diesjährige Verlaufskurve ähnelt stark jener der Grippesaison 2015/2016. Damals erfolgte der sprunghafte Anstieg der Zahl der Erkrankungen allerdings etwas später und von einem niedrigeren Niveau aus. Steil bergauf ging es heuer nach den Weihnachtsferien: Allein in Wien gab es in der zweiten Jänner-Woche rund 8.400 Neuerkrankungen an Grippe und grippalen Infekten - um die 5.000 waren es Ende 2017 gewesen.

Grafik zu Grippeerkrankungen

Grafik: ORF.at; Quelle: AGES

Familientreffen anlässlich der Feiertage und Neujahrsfeste machen den Viren eine Verbreitung leicht. Wissenschaftlichen Studien zufolge steckt ein an Influenza erkrankter Mensch im Durchschnitt zwischen 1,4 und vier weitere an.

Variationen im Verlauf

Im Vorjahr setzte die Grippewelle früher und stärker als in den Jahren davor ein, der Höhepunkt war in der ersten Jänner-Woche erreicht, Ende Februar konnte bereits Entwarnung gegeben werden. Das stellt sich heuer anders da: Zwar ist die Anzahl nachgewiesener Influenzaviren mittlerweile rückläufig, die Virusaktivität in Österreich liegt aber weiterhin über dem epidemischen Niveau, wie das Diagnostische Influenzanetzwerk Österreich (DINÖ) diese Woche mitteilte. Die Verteilung der Virussubtypen hat sich allerdings gewandelt: 40 Prozent der Erkrankungen waren auf A(H1N1)-Viren zurückzuführen, 55 Prozent auf Influenza-B-Viren.

Ständige Mutation der Viren

Vier Grippeviren stellen für das menschliche Immunsystem eine Gefahr dar, zwei vom Typ A, zwei vom Typ B. Diese entwickeln sich ständig weiter, ihr Erbgut verändert sich fortwährend, folglich müssen jedes Jahr neue Impfstoffe entwickelt werden. „Die Viren, die dieses Jahr zirkulieren, sind nicht unbedingt die, die kommendes Jahr zirkulieren“, sagte Wenqing Zhang, die bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Programm zur weltweiten Grippebekämpfung leitet.

Alljährlich müssen die WHO-Experten daher entscheiden, gegen welche Viren in der kommenden Saison geimpft werden sollte. Dabei stützen sie sich auf Daten eines Netzwerks aus nationalen Grippezentren in 114 Ländern, die die Verbreitung der Viren beobachten und Proben von Patienten sammeln. Zweimal im Jahr gibt die WHO ihre Empfehlungen heraus: im Februar für die Nordhalbkugel, im September für die Südhalbkugel.

Hühnereier als Testvehikel

Auf Grundlage der WHO-Empfehlungen entwickeln Pharmakonzerne den neuen Impfstoff - zumeist indem sie Grippeviren in Hühnereiern züchten und die Viren in abgeschwächter Form in die Impfdosen packen. Dabei werden drei oder vier Viren kombiniert, zwei der Gattung A und mindestens eines der Gattung B. Wegen dieses langwierigen Prozesses dauert es acht bis zehn Monate, bis ein neuer Impfstoff fertig ist.

Die einzelnen Staaten bekommen von den Produzenten jeweils Mengen zugeteilt, die sich an den Umsätzen des vorangegangenen Jahres grob orientieren. Österreich steigt dabei verhältnismäßig schlecht aus - die Influenzadurchimpfungsraten gehen seit Jahren zurück. Basierend auf einer Hochrechnung der verkauften Dosen ergab sich für die Influenzasaison 2016/2017 nur eine Durchimpfungsrate von 5,3 Prozent. Das Jahr zuvor ließen sich knapp sieben Prozent impfen, der Rekord lag bei 15,36 Prozent in der Saison 2006/07.

Volkswirtschaft leidet mit

Dabei lösen neue Virenstämme alle paar Jahre oder Jahrzehnte eine Pandemie aus. Die Grippeepidemien mit den meisten Todesopfern nach der Spanischen Grippe 1918 waren die Asiatische Grippe 1957, die Hongkong-Grippe 1968 und die Schweinegrippe 2009. Auch ohne Pandemie sterben nach Schätzungen der WHO pro Jahr zwischen 290.000 und 650.000 Menschen an der Grippe, in drei bis fünf Millionen Fällen gibt es einen schweren Krankheitsverlauf. Die volkswirtschaftlichen Folgen in Form von medizinischen Versorgungskosten und Krankheitsausfällen sind enorm.

Grafik zu Grippeerkrankungen

Grafik: ORF.at; Quelle: WGKK

Verdoppelung bei Erkrankungen

In Deutschland etwa wuchs die Wirtschaft im März auch wegen der anhaltenden Grippeperiode so langsam wie seit acht Monaten nicht mehr. Auch in Österreich dürfte der Schaden dieses Jahr besonders hoch sein: Die Influenzawelle dauerte deutlich länger als im Schnitt, die Erkrankungen waren gravierender. Erst vergangene Woche lag etwa in Wien die Zahl an Neuerkrankungen nach zwei Monaten nur noch im vierstelligen Bereich.

In Niederösterreich mussten Mitte März 414 Patienten wegen der echten Grippe der Arbeit fernbleiben – im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es nur 25. Ähnlich das Bild in Oberösterreich: 500 Grippekranke wurden Mitte Februar registriert, im Vorjahr waren auf dem Höhepunkt der Grippewelle rund 190 Versicherte der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse (OÖGKK) an Influenza erkrankt. In Salzburg wurden in der Woche der Semesterferien 236 echte Influenzafälle registriert - mehr als das Zehnfache als in der stärksten Grippewoche des Vorjahres (mit 20 Fällen). Auch in Salzburg und Kärnten verdoppelte sich die Zahl der Erkrankungen im Vorjahresvergleich.

Welle weicht nicht

Eine Grippewelle ziehe sich meist über neun bis zwölf Wochen, sagte Monika Redlberger-Fritz vom Klinischen Institut für Virologie in Wien. „Ein Höhepunkt ist meist drei bis fünf Wochen nach Beginn erreicht, dann klingt sie wieder ab.“ Dieses Jahr dauert es zumindest doppelt so lange - eine hohe Aktivität von Influenzaviren ist seit nunmehr zehn Wochen zu verzeichnen.

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