Verschlechterung seit „arabischem Frühling“
Es verlangt Frauen viel Mut ab, öffentlich über ihre Erfahrungen mit Belästigung, Vergewaltigung und Erniedrigung zu sprechen. Ermutigt von der weltweiten „#MeToo“-Bewegung melden sich immer mehr Betroffene in der muslimischen Welt. Wie auch in anderen Ländern sind es einzelne couragierte Frauen, deren Gang an die Öffentlichkeit andere Frauen ermutigt, ebenfalls ihr Schweigen zu brechen. Die Aussagen zweier ägyptischer Frauen hatten im Februar erstmals auch politische Konsequenzen.
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Menschenrechtsanwalt Khaled Ali, einer der wenigen Gegenkandidaten von Präsident Abdel Fattah al-Sisi für die Wahl Ende März, wurde mit schweren Missbrauchsvorwürfen konfrontiert und zog sich daraufhin zurück. Khaled, der als Kämpfer gegen Korruption und die Unterdrückung der Meinungsfreiheit Popularität erlangt hatte, und ein weiterer beschuldigter Anwalt legten zudem ihre Ämter am Institut für Wirtschaft und Sozialrecht nieder, wie die „New York Times“ berichtete.
In den Sozialen Netzwerken häuften sich parallel zur internationalen „MeToo“-Bewegung vor allem Ende des Vorjahres Berichte über Belästigungen, Übergriffe und auch strafrechtliche relevante Vorfälle. Frauen beschreiben auf Twitter und Facebook ihren Alltag als Spießrutenlauf, erzählen davon, dass sie sich kaum trauen, öffentliche Verkehrsmittel zu benützen. Seit die in den USA lebende ägyptische Journalistin Mona Eltahawy über einen Übergriff während einer Pilgerreise nach Mekka berichtete, setzt sich auch der Hashtag „#MosqueMeToo“ zunehmend durch.
Täter-Opfer-Umkehr an der Tagesordnung
Das Tabu scheint langsam aufzubrechen - doch das Umdenken der Gesellschaft passiert in Minischritten. Und noch immer ist eine Täter-Opfer-Umkehr nicht selten, berichten Frauen in Sozialen Netzwerken. Ganz ähnlich passierte das auch nach der ersten Verurteilung wegen sexueller Belästigung 2008. Eine 27-Jährige hatte einen Mann angezeigt, der sie auf der Straße begrapscht hatte - die Polizei wollte die Anzeige erst aufnehmen, als ihr Vater auf der Wachstation eintraf. Der Mann wurde letztlich verurteilt - in der medialen Berichterstattung war der Tenor jedoch ein anderer: Die Frau habe das Leben des Mannes, der zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, ruiniert. Nicht selten sind es die Familien der Frauen, die Druck ausüben, zu schweigen.
Gewalt gegen Frauen weit verbreitet
In einer UNO-Studie aus dem Jahr 2013 hieß es, dass 99,3 Prozent der ägyptischen Frauen Opfer von sexuellen Übergriffen und Belästigungen werden. 82 Prozent der Ägypterinnen gaben an, dass sie regelmäßig in öffentlichen Verkehrsmitteln bedrängt werden. Eine Ende letzten Jahres veröffentlichte Studie der Thomson Reuters Foundation bestätigt die Zahlen. Kairo wird dort als die weltweit gefährlichste Megacity für Frauen geführt. Die Einschätzung basiert auf Experteninterviews, in denen unter anderem das Risiko von sexueller Gewalt, der Zugang zur Gesundheitsvorsorge und für Frauen diskriminierende Traditionen abgefragt wurden.
Eine Erkenntnis der Studie: Alle Werte haben sich in Ägypten - aber auch in anderen Ländern der Region - nach dem „arabischen Frühling“ 2011 deutlich verschlechtert. So befasste sich der erste Gesetzesentwurf der Regierung von Präsident Mohammed Mursi mit der Aufhebung des Verbots der Genitalverstümmelung von Frauen. Die islamistischen - und mittlerweile wieder als Terrororganisation verbotenen - Muslimbrüder planten auch, das Heiratsalter von Mädchen auf neun Jahre herabzusetzen.
Nationaler Frauenrat soll „Bewusstsein ändern“
Unter dem amtierenden Präsidenten Sisi wurde ein ihm direkt unterstellter Nationaler Frauenrat installiert. Dessen Vorsitzende, Maya Morsi, will „das Bewusstsein“ in der ägyptischen Gesellschaft ändern - sie aber dabei nicht völlig umkrempeln.
„Wir müssen Frauen vor Gewalt schützen, da darf es keine Diskriminierung geben.“ Ihre Behörde ermutige junge Frauen auch, von Übergriffen zu berichten. Das zeige bereits Wirkung, zeigte sich Morsi in einem Journalistengespräch erfreut. Es sei für Frauen nicht mehr völlig tabu, Vorfälle zur Anzeige zu bringen oder darüber in der Öffentlichkeit zu sprechen.
In Ägypten sind Frauen grundsätzlich auch in hohen beruflichen Positionen angekommen. Es gibt Gouverneurinnen, die Zentralbank hat eine Chefin, im Verfassungsgerichtshof sind mehrere Frauen vertreten. Für die Gesamtgesellschaft ist das dennoch längst nicht repräsentativ: Nur ein Viertel der arbeitenden Menschen sind Frauen.
Scheidung für Frauen oft Spießrutenlauf
Wie weit der Weg zur Gleichberechtigung noch ist, zeigt unter anderem auch das Scheidungsrecht. Während ein Mann die Scheidung nur verlangen und innerhalb von 30 Tagen registrieren lassen muss, ist die Prozedur für Frauen der reinste Spießrutenlauf und dauert bis zu einer richterlichen Entscheidung oft Jahre.
Die Frage, ob sich eine Frau verschleiert oder nicht, ist für Morsi keine, die im politischen Diskurs zu klären sei. „Das ist ihr persönliches Recht, eine persönliche Entscheidung.“ Auch wenn der Niqab den Frauen von ihren Männern aufgezwungen werde, wolle sie nicht einschreiten. Bei kleinen Mädchen sehe sie da ein Problem, bei einer erwachsenen Frau nicht. Diese könne selbst entscheiden, „ob sie sich das von ihrem Mann gefallen lässt“.
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