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Kunst im Gedenken an 1938

Auf den ersten Blick wie ein Edeltrödelmarkt, auf den zweiten ganz und gar zeitgenössisch: Ydessa Hendeles’ Ausstellung „Death to Pigs“ in der Wiener Kunsthalle hat die Botschaft der berüchtigten Manson-Sekte zum Titel gemacht, die diese 1969 stets an den Orten ihrer Morde zurückließ. Vor allem aber geht es um Ausschluss, Diskriminierung und Zugehörigkeit. Eine Ausstellung als wichtiges Statement im Gedenkjahr.

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In einer elliptischen Mahagonivitrine sieht man ein Arrangement, dessen erzählerisches Herzstück eine Kindpuppe aus Porzellan bildet, Aug in Aug mit einer Mutter-Gans-Figur. „Das sieht vielleicht süß aus, meine Kunst hat aber immer einen Abgrund“, meint Ydessa Hendeles beiläufig im Vorbeigehen. Blickt man genauer hin, versteht man, was Hendeles meint: Das Kind hat einen Vogelkäfig in der Hand, und man könnte meinen, es wolle der Gans bedeuten, das darin ihr eigentlicher Platz sei.

Kunstwerk von Ydessa Hendeles

Ydessa Hendeles/Foto: Robert Kezeire

Hendeles Werke haben immer auch eine Botschaft auf der Metaebene

So und so ähnlich funktioniert Hendeles’ Kunst. Die Form ist ungewöhnlich, eigenwillig und auch ein wenig befremdlich – anstelle einer reduzierten Coolness sieht man in den Räumlichkeiten der Wiener Kunsthalle Objekte, die wie aus der Zeit gefallen scheinen: Kunsthandwerk, Spielzeug und Kuriositäten. Nichts aber ist hier verstaubt und schon gar nicht im übertragenen Sinn. Zu sehen sind in „Death to Pigs“ sorgfältige Arrangements, die von Dominanzkultur und Ausgrenzung erzählen – und nicht zuletzt davon, was es heißt, zu überleben.

„Die Vergangenheit scheint nie vergangen“

Hendeles ist Künstlerin und zugleich Kunsthistorikerin, Kunsttherapeutin, Kuratorin und Kunstsammlerin. Und sie ist die Tochter von polnischen Juden, die Auschwitz überlebt haben. 1948 wurde sie in Deutschland geboren, als sie zwei war, übersiedelte die Familie nach Kanada. „Die Vergangenheit scheint nie vergangen zu sein. Sie ist immer in unserem Unbewussten“, meint Hendeles auch in Bezug auf ihre Arbeiten. Und weiter: „Meiner Meinung nach ist der beste Künstler der, der den besten Zugang zu diesem Unbewussten hat.“

Ebendieses Unbewusste hat Hendeles zu ihrem Werkzeug erkoren. Sie kombiniert erworbene Objekte zu aufwendigen Installationen, um daraus assoziativ Erzählungen zu entwickeln – die jedoch beim Privaten, höchst emotional Besetzten nicht stehen bleiben, sondern allgemein gesellschaftliche Relevanz haben. Mit engem Bezug zur europäischen Geschichte, und, wie sie sagt, „zur Zukunft“, mit „Platz für was auch immer man darin lesen mag“.

Wer nicht ausschließlich selbst auf Entdeckungsreise gehen will, kann neben dem Booklet auf den detailliert ausgearbeiteten Katalog zurückgreifen, abrufbar über QR-Codes, mit millimetergenauen Vermessungen der Figuren. Zur aufwendigsten Installation gibt es ganze 40 Seiten Text.

Ein unheimliches Tableau vivant

Diese, die wohl beeindruckendste Arbeit, trifft man im hinteren Raum des Untergeschoßes. Auch wenn man sie schon zuvor auf Bildern oder auf dem Plakat der Ausstellung gesehen hat, die Inszenierung bleibt effektvoll: Eine geheimnisvolle, bizarre Gemeinschaft von 150 Puppen hat sich hier versammelt, heimelig und unheimlich zugleich, der Großteil auf Schulbänken gruppiert, die anderen auf den umliegenden Tischen und Vitrinen.

Kunstwerk von Ydessa Hendeles

Ydessa Hendeles

150 Puppen in einem unheimlichen Tableau vivant

Die ältesten stammen aus dem Jahr 1520, viele aus dem 18. und 19. Jahrhundert. An der Wand hängen Zerrspiegel, in denen man sich selbst erkennt: Ist man hier Außenseiter? Oder doch Beobachterin?

Puppe als NS-Arzt Mengele

In der Mitte der Versammlung steht herausgelöst eine Gliederpuppe, daneben ein einziger Stuhl, auf dem eine weitere Figur sitzt. „Manchmal scherze ich und sage, das ist Doktor Mengele“, sagt Hendeles. „Aber es könnte bei der Gruppe auch um eine Versteigerung von Sklaven gehen. Oder um eine Schulklasse.“

Ausstellungshinweis

Ydessa Hendeles: Death to Pigs, 28. Februar bis 27. Mai 2018, Kunsthalle Wien im MuseumsQuartier, täglich von 11.00 bis 19.00 Uhr, donnerstags von 11.00 bis 21.00 Uhr.

Die Geschichte ist kompliziert, sie ist vielschichtig, detailreich, lässt sich nicht auf eine einzige reduzieren. Über den Titel der Arbeit („From her wooden sleep...“) und die Hintergrundmusik wird auch auf die Figur des „Golliwoggs“ verwiesen, einer schwarzen Puppe, die spätestens ab den 1940er und 1950er Jahren durch Enid Blytons Kinderbücher zu einem der übelsten Beispiele des Waren- und Kinderzimmer-Rassismus wurde. Der Name „Golliwogg“ ist im Englischen mittlerweile fast nicht auszusprechen, so rassistisch ist er.

Hendeles hat keine Scheu, die Figur trotzdem zu zeigen – vielleicht der einzige Schwachpunkt ihrer Arbeit. Die Künstlerin betont aber, dass sie niemanden verletzen will, nur manchmal müsse man sich, so sagt sie, „an schwierige Orte begeben“, wolle man zeitgenössische Kunst machen.

Teddybären von Nazi-Familien und jüdischen Kindern

Sammeln und Arrangieren: Hendeles Kunstschaffen steht in engem Bezug zu ihrer 25jährigen kuratorischen Praxis, mit der sie eine gewisse Berühmtheit erlangte – 1993 wurde sie vom „ArtNews Magazine“ zu einer der 50 wichtigsten Personen der Kunstwelt gekürt. 2003 machte ihre Ausstellung im Münchner Haus der Kunst Furore, eine Schau, bei der sie nicht nur Objekte ihrer Sammlung, sondern auch ihr „Teddybären-Projekt“ ausstellte: Über 3.000 private Fotografien von Teddys, aufgenommen zwischen 1900 und 1940. Nazi-Familien beim Sonntagsspaziergang sind da ebenso zu sehen wie jüdische Mädchen auf dem Weg ins KZ.

Es war der Beginn eines Rollenwechsels, den die damals bereits über 50-jährige Hendeles in den letzten Jahren sukzessive vollzog. 2012 schloss sie ihre in Toronto angesiedelte Ydessa Hendeles Art Foundation endgültig, um sich ganz dem Künstlerinnendasein zu verschreiben. Dieses biografische Wagnis sei „schon sehr außergewöhnlich“, sagt Kunsthallen-Direktor Nicolaus Schafhausen im Interview mit ORF.at. „Man wird ja schnell mal in eine Ecke gedrängt, im Sinne von ‚Schuster, bleib bei deinen Leisten‘.“

Statement im Gedenkjahr

„Für mich handelt Hendeles’ Ausstellung von der Beziehung zwischen der Vergangenheit und der Zukunft“, meint Schafhausen weiters über die Schau. „Death to Pigs“ verstehe er damit auch als ein Statement zum Gedenkjahr. - Es ist ein gelungenes Statement, und ein wohltuendes obendrein. In unmittelbarer Nachbarschaft, im Leopold Museum, läuft gerade die Ausstellung der Heidi-Horton-Sammlung – eine Sammlung, die erst durch das Vermögen entstand, das durch NS-Arisierungen zusammengetragen wurde. Was dort kein Thema ist. Ja, auch 2018 ist das möglich.

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