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Komponisten als Gefühlsforscher

Filmmusik inszeniert, dramatisiert und manipuliert visuelle Inhalte. Längst ist sie zur Königsdisziplin des Komponierens geworden, mit ihr lassen sich Umsätze in Milliardenhöhe erzielen. Matt Schraders Doku „Score – Eine Geschichte der Filmmusik“ gibt Einblicke in eine Branche, in der es darum geht, mit Hilfe der richtigen Töne Emotionen zu erzeugen.

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Schrader hat für „Score“ den Ansatz „Viel hilft viel“ gewählt und bringt es auf fast 60 Komponisten, Arrangeure, Musiker, Regisseure und diverses Fachpersonal wie Psychologen, die im Lauf von eineinhalb Stunden zu Wort kommen. Nicht nur personell ist „Score“ bemüht, das ganz große Bild zu zeichnen.

Die Doku geht zurück bis zu den Anfängen der Filmvertonung und markiert die großen stilprägenden Werke, die große Umbrüche in der Ästhetik verursacht haben. Dass der Regisseur von der Begeisterung für das Thema geleitet wird, ist spürbar; den gemeinen Filmkomponisten versucht er zum Wunderwuzzi zu stilisieren. Insgesamt liefert Schrader bemerkenswerte Geschichten und Zusammenhänge, was die Wahrnehmung und Wirkweisen, aber auch die Entstehung von Filmmusik betrifft.

Von Tüftlern und Bastlern

Die Dokumentation verdeutlicht gleich zu Beginn, dass sie auch eine Hommage an die mechanische Klangerzeugung ist, und begleitet den preisgekrönten Hollywood-Komponisten Marco Beltrami in die Hügel rund um Malibu, wo er sich inmitten der kargen Landschaft ein riesiges Instrument gebaut hat.

Aufnahme von Filmmusik

Polyfilm

Orchesteraufnahmen in den Londoner Abbey Road Studios

Beltrami hat Hunderte Meter Stahlseil zwischen einem Piano und zwei weit davon entfernt stehenden großen Metallkesseln gespannt, die er mit dem Piano anspielt. Die weitläufige Open-Air-Klanginstallation gibt gar schaurige Töne von sich, die für die Filmmusik des Dramas „The Homesman“ (2014) verwendet wurden – der Komponist als Tüftler und Bastler, dessen Arbeit nahezu in die Nähe des Schamanischen gerückt wird. Schrader macht es wie die Filmmusik - er neigt zur Überhöhung.

Ein Großauflauf ohne Frauen

Das ist kurzweilig und spannend, doch der Regisseur hat es eilig, seine Geschichte der Filmmusik zu erzählen - schließlich sollen gefühlterweise alle zu Wort kommen, die in den vergangenen Jahrzehnten einen Oscar in der Kategorie Filmmusik gewonnen haben oder zumindest für einen nominiert waren.

Aufnahme von Filmmusik

Polyfilm

Eine der wenigen Frauen in der Männerdomäne: Komponistin Rachel Portman

Damit fördert Schrader auf unfreiwillige Weise zutage, dass Frauen in diesem Kreativzweig mit der Lupe zu suchen sind. In der Geschichte der Oscars haben es lediglich fünf Frauen zu einer Nominierung gebracht. Drei haben ihn gewonnen. Unter knapp 50 für den Film interviewten Komponisten befindet sich mit Oscar-Preisträgerin Rachel Portman eine einzige Frau. Geschlechterverhältnisse sind im Film kein Thema.

Kinohinweis

Matt Schraders Film „Score – Eine Geschichte der Filmmusik“ ist ab Freitag in ausgewählten österreichischen Kinos zu sehen.

Am Dienstag ist „Score – Eine Geschichte der Filmmusik“ um 20.15 Uhr im Rahmen der Poolinale Nights im Wiener Filmcasino zu sehen. Im Anschluss diskutieren die Musiker Paul Gallister (Wanda, Nino aus Wien), Thomas Jarmer (Garish) und Wolfgang Frisch (Sofa Surfers) mit Hannes Tschürtz (Ink Music) über ihre Tätigkeit als Filmmusikkomponisten.

Die Schokoladenseite der Musik

Das macht die Doku zum Schaulauf etablierter männlicher Branchengrößen. Mit Legende John Williams („Star Wars“), dem omnipräsenten Hans Zimmer („Dunkirk“) und Komponistendandy Alexandre Desplat („Das Flüstern des Wassers“) sind auch die diesjährigen Oscar-Nominierten stark vertreten. Es wird aus dem Nähkästchen geplaudert und im Regieraum über die Schulter geblickt – kreative Männer unter sich.

Sobald es in die Tiefe zu gehen droht, ist mit einem schnellen Schnitt der nächste Kapazunder zur Stelle. Was insbesondere hinsichtlich der Interviews mit Fachleuten schlagend wird, die wissenschaftliche Inhalte zwischen die Worthäppchen der Komponisten und Musiker einstreuen. Der vor knapp zehn Jahren um die Welt gegangene wissenschaftliche Beweis der Dopamin-Ausschüttung im Zusammenhang mit entsprechender Musik gipfelt in der Doku lediglich in der Erkenntnis, dass Filmmusik im Grunde wie Schokoladeessen sei.

Beethoven und die Filmmusik

Viele spannende Themen wie die Verwendung von Hollywood-Blockbuster-Musik zur Politinszenierung in den USA werden nur im Vorbeigehen gestreift. Umso eifriger betreibt Schrader seine Kanonisierung; er erzählt von Max Steiner ebenso wie von Bernard Herrmann und Ennio Morricone, und er rückt Ludwig van Beethoven in die Nähe von Filmmusik, um den Genieverdacht hinsichtlich zeitgenössischer Filmmusikkomponisten cineastisch zu verstärken.

Aufnahme von Filmmusik

Polyfilm

Komponistenlegende Hans Zimmer

„Score“ bringt damit auch einen gewissen Fanzugang zum Ausdruck, der sich insbesondere in der plakativen Erläuterung klassischer Filmszenen zeigt. Ein Wiedersehen in Form von „Rocky“, „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Weißer Hai“ vollbringt immerhin den Beweis, dass die gefälligen Sequenzen beim Zuseher durchaus für gesteigertes Dopamin sorgen - der Film weiß zu schmeicheln, hinterlässt aber geringen Eindruck. Bis zu jenem späten Moment, in dem Zimmer zum Ausdruck bringt, dass es um die Orchesterkultur ohne die Aufträge aus Hollywood mittlerweile äußerst schlecht bestellt wäre.

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