Angst vor Zinswende ließ Kurse absacken
Die Vorzeichen für die globale Wirtschaft könnten schlechter sein - die Konjunkturdaten in den USA und Europa zeigen nach oben. Doch die Anleger sind nun in großem Stil aus Aktien geflohen. In den USA sah man schon einen Crash lauern. Heimische Analysten hingegen gehen von einer Normalisierung aus. Über die Ursachen des Absturzes sind sie sich aber nicht einig.
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Am Montag legte der Dow Jones mit einem Minus von mehr als 800 Punkten innerhalb einer Viertelstunde eine enorme Talfahrt hin. An der New Yorker Wall Street herrschte Ausnahmezustand - die Ersten sprachen bereits von einem Börsencrash. Auch an den asiatischen und europäischen Börsen zeigten die Pfeile in der Folge bergab.
Berg- und Talfahrt in New York
Am Dienstag erholten sich die US-Börsen vorerst. Nach einem schwachen Start drehten die wichtigsten US-Indizes ins Plus und legten zu. Insgesamt verlief der Handel an der Wall Street aber immer noch schwankungsreich, die Nervosität blieb bestehen.
US-Präsident Donald Trump hatte sich zuvor die bisher steten Kursanstiege auf die Fahnen geheftet. „Der Aktienmarkt hat einen Rekord nach dem anderen geknackt“, zog Trump jüngst eine Zwischenbilanz seiner Amtszeit. Sein erstes Jahr habe einen Börsenwert geschaffen, von dem alle Amerikaner profitierten. Nun reagierte das Weiße Haus hingegen zurückhaltend. Der Fokus liege auf den langfristigen wirtschaftlichen Fundamentaldaten, die weiterhin „außergewöhnlich stark“ seien, sagte Trumps Sprecherin Sarah Sanders.
Negativspirale befürchtet
Die Stimmung auf den Märkten hatte sich schon vor Montag gedreht. Der US-Arbeitsmarktbericht hatte gezeigt, dass das Lohnwachstum stärker ausfällt als erwartet. Das löste Sorgen wegen steigender Inflation aus, was wiederum die Notenbank zwingen würde, die Leitzinsen schneller als bisher geplant zu erhöhen. Und steigende Zinsen veranlassen Investoren dazu, Kredite zu verteuern - ein Negativspirale könnte sich in Gang setzen. Die US-Notenbank Fed erhöht seit geraumer Zeit schrittweise die Zinsen. Mit weiteren Schritten unter dem neuen Notenbankchef Jerome Powell wird in diesem Jahr gerechnet.
„Flash-Crash“ ohne eigenes Zutun
Die Folge dieser Angst vor einer Zinswende war am Montag ein „Flash-Crash“: Ein Großteil der Finanzmärkte wird inzwischen durch Computerprogramme gesteuert. Werden bestimmte Kursmarken nach unten durchbrochen, werden automatisch und blitzschnell weitere Papiere auf den Markt geworfen. Das verstärkt den Kurssturz.
„Viele Anleger sind regelrecht in Panik verfallen“, sagte Portfoliomanager Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners. Marktbeobachter Daniel Saurenz von Feingold Research sah im freien Fall des Dow Jones „den schwärzesten Tag für die Aktienmärkte seit Jahren“. Auch in China und Australien breitete sich Panik aus. In Sydney beschrieb ein Marktanalytiker die Situation als „echtes Blutbad“.
„Noch keine Alarmglocken“
Die heimischen Experten sahen im Kursabfall vom Montag weit weniger Dramatisches. Hier von einem Crash zu sprechen sei „übertrieben, wenn vorher der Börsenindex Dow Jones 40 Prozent nach oben rennt“, sagte RBI-Chefanalyst Peter Brezinschek. „Die höchsten Tagesverluste sind in Korrekturphasen, nicht bei Abwärtstrends“, so Brezinschek. Er will lieber vom „Beginn einer volatilen Seitwärtsbewegung“ sprechen. „Noch muss man nicht die Alarmglocken läuten, dass man sich am Aktienmarkt warm anziehen muss.“ Kurseinbrüche von zehn bis 15 Prozent werde man in diesem Jahr aber wohl öfter sehen.
Auch Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Group, sprach von einer notwendigen Korrektur". Aber: „Es könnte jetzt schon noch eine Zeit lang nach unten gehen.“ Günstiger schätzte Mostböck die Aktienmarktentwicklung in Europa ein. Europa habe einen anderen Konjunktur- und Zinszyklus, die Unternehmensbewertungen seien weniger hoch als in den USA. „Europa sollte sich relativ eigentlich besser entwickeln und in Summe gesehen weniger verlieren“, so Mostböck.
Teilnehmer waren lange „verwöhnt“
Bank-Austria-Chefanalystin Monika Rosen war überrascht von Ausmaß und Geschwindigkeit der Abwärtsbewegung, „ein auslösender Grund ist nicht wirklich greifbar“, meinte sie am Dienstag im Ö1-Mittagsjournal. Von einer galoppierenden Inflation sei man in beiden Wirtschaftsräumen - den USA und der Euro-Zone - „weit entfernt“, wie die jüngsten Inflationszahlen gezeigt hätten, die sogar leicht unter den Erwartungen gelegen seien. Auch eine überhitzte Wirtschaft, wie sie vereinzelt als Grund für den Kurseinbruch genannt wurde, sah Rosen nicht.
Der Aktienstratege der Erste Asset Management (EAM), Peter Szopo, rechnete damit, dass der Kursrückgang an den internationalen Börsen bald zu Ende gehen wird. Dennoch werde es eine Zeit lang dauern, bis wieder die alten Höchststände erreicht werden. Die Marktteilnehmer seien lange Zeit von einer geringen Volatilität „verwöhnt“ gewesen. Das wirtschaftliche Umfeld habe sich aber nicht wirklich geändert, die fundamentale Verfassung der globalen Wirtschaft sei nach wie vor gut. Was zu Ende gehe, sei die Kombination einer Wachstumsbeschleunigung mit geringer Inflation und ultraniedrigen Zinsen. „Das gesamtwirtschaftliche und wirtschaftspolitische Umfeld geht in Richtung Normalisierung“, so Szopo.
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