FPÖ: „Nur das Bauernopfer“
Zwei Wochen vor der Nationalratswahl ist die SPÖ mit den bekanntgewordenen Dirty-Campaigning-Aktivitäten mit Fake-Sites auf Facebook schwer unter Druck geraten. Während SPÖ-Chef Kanzler Christian Kern Wahlkampfauftritte absolvierte, gab sein Wahlkampfmanager und Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler Samstagnachmittag den eigenen Rücktritt bekannt.
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Indem er die Verantwortung übernimmt, versucht Niedermühlbichler offenbar, noch ärgeren Schaden für die SPÖ zu verhindern. Doch für die anderen Parteien ist die Angelegenheit damit nicht erledigt. Sie forderten Samstagabend weitere Aufklärung, wer in der SPÖ was über die Vorgänge wusste, die offenbar vom vor Wochen entlassenen israelischen Wahlkampfberater Tal Silberstein organisiert waren, aber bis zuletzt weiterliefen. Die FPÖ rief Kern auf, zurückzutreten.
ÖVP: „Rote Linie überschritten“
Kritik nach den Enthüllungen kam von mehreren Seiten aus der ÖVP - nach Niedermühlbichlers Rücktrittsankündigung hielt sich die ÖVP allerdings zurück. Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) hatte aber vor der Rücktritsserklärung betont, mit den manipulierten Pro- und Kontra-Facebook-Seiten habe die SPÖ-Kampagne einen „neuen Tiefpunkt“ erreicht. Es sei „ganz klar“ eine rote Linie überschritten worden. Es handle sich nicht mehr nur um „Dirty oder Negative Campaigning, sondern schlichtweg Wählertäuschung“.
ÖVP-Generalsekretärin Elisabeth Köstinger sprach via Twitter ebenfalls von einem „Tiefpunkt im Wahlkampf“ und forderte eine Klarstellung von der SPÖ. Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) forderte Niedermühlbichlers Rücktritt. Es sei unglaubwürdig, dass dieser nichts von den Machenschaften Silbersteins gewusst habe.
FPÖ sieht Kern in der Verantwortung
Die FPÖ sieht vor allem Bundeskanzler Kern in der Verantwortung. FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl betonte, Niedermühlbichler sei nur das „Bauernopfer“, während sich „der Verantwortliche schweigend in seinem Kanzlerbüro verschanzt“.
Kickl forderte Kern offen zum Rücktritt auf. Denn dieser „vermeine, so eine unfassbare Geschichte durchtauchen zu können“. Damit habe er sich für jedes Amt disqualifiziert. Kickl kritisierte zudem, dass bei Niedermühlbichlers Erklärung „alle wesentlichen Fragen offengeblieben“ seien.

APA/Georg Hochmuth
Niedermühlbichler bei seiner Rücktrittserklärung
Karge Reaktion von Kern
SPÖ-Chef Kern selbst wollte am Rande eines Wahlkampfauftritts den Rücktritt seines Wahlkampfmanagers nicht kommentieren. Er betonte gegenüber der ZiB lediglich, dass ja wohl niemand glauben werde, die SPÖ würde Dirty Campaigning gegen sich selbst finanzieren. Kern spielte damit darauf an, dass auf den Facebook-Seiten auch Angriffe gegen Kern gepostet wurden.
Grüne sehen „unerträgliche Hetze“
Auch der grüne Bundesgeschäftsführer Robert Luschnik betonte, der Rücktritt sei ein folgerichtiger Schritt, die politische Verantwortung trage aber Kern. Er warf Kern und der SPÖ vor, Silberstein nicht schon im Jänner gefeuert zu haben. Kern habe damit, dass „im SPÖ-Umfeld um rund 500.000 Euro offenbar antisemitische und rassistische Hetze als Wahlkampfmittel eingesetzt wurden“, „Schaden an der österreichischen Demokratie angerichtet“. Viele „aufrechte SozialdemokratInnen“ würden diese „unerträgliche Hetze“ nicht mittragen.
NEOS: Kern „am eigenen System“ gescheitert
NEOS-Generalsekretär Nikola Donig sprach von „vorläufigen Höhepunkt eines komplett verunglückten Erneuerungskurses der SPÖ unter Parteichef Christian Kern“. Dieser sei mit seinem Anspruch an eine progressive Politik „am eigenen System“ gescheitert. Während thematisch der Zukunftskurs verlassen und gegen einen überholten Klassenkampf eingetauscht wurde, blieben beim Stil offensichtlich Transparenz, Verantwortung und Sachpolitik auf der Strecke.“
NEOS Wien beendete unterdessen die Zusammenarbeit mit dem laut „Presse“ von Silberstein für die operative Umsetzung der Facebook-Kampagne engagierten PR-Berater vorzeitig. Die Partei habe von den Tätigkeiten und Aufträgen nichts gewusst, man bedauere, über die Umstände aus den Medien erfahren zu haben.
Niedermühlbichler: „Übernehme Verantwortung“
Am späten Nachmittag hatte Niedermühlbichler in einem kurzfristig anberaumten Pressestatement betont, er trage als Wahlkampfleiter und Bundesgeschäftsführer die Gesamtverantwortung, ziehe daraus die Konsequenz und „trete daher zurück“. Der Bundesgeschäftsführer der SPÖ betonte allerdings erneut, er habe nichts von den Dirty-Campaigning-Aktionen auf Facebook gewusst. Es sei auch keinerlei Geld der SPÖ dorthin geflossen, so Niedermühlbichler. Allerdings habe ein Mitarbeiter von seinem Team davon gewusst, daher ziehe er als Gesamtverantwortlicher nun die Konsequenzen.
„Profil“ und „Presse“ hatten am Samstag berichtet, dass der in Israel verhaftete Berater Tal Silberstein sowohl hinter der rassistischen Facebook-Seite „Die Wahrheit über Sebastian Kurz“ als auch hinter „Wir für Sebastian Kurz“, die sich als Fanseite für den ÖVP-Chef gab, steht.
Silberstein „großer Fehler“
Niedermühlbichler bezeichnete es als „großen Fehler“, Silberstein engagiert zu haben. „Offenbar hat es dann Aktivitäten gegeben, die ich mir so, in dem Ausmaß nicht vorstellen konnte“, so der Bundesgeschäftsführer. Die auf der Seite befindlichen Inhalte seien „abscheulich und mit demokratischen und sozialdemokratischen Werten nicht vereinbar“. Schließlich liege der Antifaschismus in der DNA der SPÖ und: „Es gibt keinen größeren Gegner von Antisemitismus und schlechtem Stil als Christian Kern.“
„Wir haben diese Seiten weder beauftragt noch finanziert oder gar betrieben“, sagte Niedermühlbichler. „Ich frage mich, wes Geistes Kind so einen Irrsinn produziert.“ Am meisten geschadet habe die Causa ohnehin Parteichef Christian Kern, der, so betonte Niedermühlbichler, auf den Fake-Seiten ebenfalls angegriffen worden sei. Fragen beantwortete Niedermühlbichler nicht - etwa, wer die Facebook-Aktivitäten Silbersteins bezahlt haben soll. Unklar ist auch, wer in den verbleibenden zwei Wochen den SPÖ-Wahlkampf leitet, laut SPÖ-Angaben ist die Frage noch nicht entschieden.
Seit Längerem ÖVP-Vorwürfe
Die ÖVP wirft der SPÖ schon länger vor, verdecktes Dirty Campaigning gegen Kurz zu betreiben. Die Urheber der Seite „Die Wahrheit über Sebastian Kurz“ waren wegen ihrer rassistischen Schlagseite bisher allerdings eher im rechten Milieu vermutet worden. Und „Wir für Sebastian Kurz“ gab sich den Anstrich einer Fanseite für den ÖVP-Chef, die mit ihren Postings oft über das Ziel hinausschoss - etwa als sie die ÖVP mit einer Umfrage über die Schließung der Brenner-Grenze in Erklärungsnot brachte. Die ÖVP verlangte vergeblich die Löschung der Seite.
SPÖ bestritt bisher Verbindung zu Seiten
Die SPÖ hatte eine Verbindung zu diesen Seiten auch in der Vergangenheit stets geleugnet. Bundesgeschäftsführer Niedermühlbichler wies im August darauf hin, dass auf „Wir für Sebastian Kurz“ auch scharf gegen Kern geschossen werde: „Die Höhe ist, dass die ÖVP dann auch noch die Chuzpe hat, uns für diese Seiten verantwortlich zu machen. Das ist Dirty Campaigning, wie es im Lehrbuch steht.“ „Presse“ und „profil“ berichten nun allerdings, dass beide Seiten von einem Team des früheren SPÖ-Beraters Silberstein organisiert wurden.
In einer Aussendung betonte die SPÖ, dass die Facebook-Auftritte ohne Wissen der Parteiführung organisiert wurden: „Silberstein hat hier ohne Auftrag und ohne Wissen des Bundesgeschäftsführers gehandelt.“ Niedermühlbichler zeigt sich „bestürzt“ und spricht von einer „Parallelstruktur“ Silbersteins. Er betont zwar, selbst nichts von derartigen Aufträgen gewusst zu haben, bestätigt aber, dass zumindest ein Mitarbeiter der Parteizentrale informiert war.
Keine genaueren Informationen zu SPÖ-Mitarbeiter
Man habe den Fall hausintern „genauestens prüfen lassen“, so der SPÖ-Bundesgeschäftsführer: „Es gab tatsächlich einen Mitarbeiter, der um diese Facebook-Seiten wusste. Da er nach einem schweren Unfall im Krankenstand ist, können wir genauere Informationen dazu nicht erheben.“ Es werde aber ein „klärendes Gespräch“ geben.
Betrieben wurden die Facebook-Seiten den Berichten zufolge von einem PR-Berater, der früher auch für ÖVP und NEOS gearbeitet hatte. Er bestreitet in der „Presse“, mit Silberstein für die SPÖ gearbeitet zu haben. Die beiden Seiten „Wir für Sebastian Kurz“ und „Die Wahrheit über Sebastian Kurz“ gingen am Freitag vom Netz. Von Silberstein hatte sich die SPÖ nach seiner Verhaftung in Israel getrennt.
500.000 soll die komplette Kampagne laut „profil“ gekostet haben. Bei dieser Budgethöhe erscheint es eigentlich unwahrscheinlich, dass tatsächlich nur eine Person bei der SPÖ davon gewusst haben soll - und auch nicht der Bundesgeschäftsführer, also Niedermühlbicher.
Silberstein vermutet „Maulwurf“
Auch der umstrittene ehemalige SPÖ-Berater Tal Silberstein meldete sich am Samstag übrigens zu Wort. Laut einem Interview mit der Tageszeitung „Österreich“ wollte Silberstein zwar nichts zum Wahlkampf und zu den Dirty-Campaigning-Vorwürfen sagen, ansonsten geizte der Experte für Negativ-Kampagnen aber nicht mit launigen Sagern. Dass er von der SPÖ rausgeworfen wurde, findet Silberstein demnach völlig richtig.
Der Politberater vermutet, dass Mitarbeiter von ihm von politischen Gegnern eingeschleust worden wären. „Dieser ganze Leak wurde durch einen Maulwurf, der offenbar von der anderen Seite rekrutiert wurde, gemacht.“ Und Silberstein erzählt auch von einem zufälligen Treffen mit Außenminister Kurz in einem Flieger im Jahr 2014.
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