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Sie kommen da einfach nicht mehr raus

Wer sind denn die Menschen, die „Fake News“ verbreiten? Wer lässt sich Verschwörungstheorien einfallen? Von Chemtrails bis 9/11, von den Illuminaten bis zur Umdeutung von aktuellen Ereignissen reicht die Palette an falschen Fakten, die momentan kursieren.

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Am Sonntagabend zeigt ORF2 um 23.05 Uhr die Koproduktion mit Arte, dem Schweizer Rundfunk SRF und dem Bayerischen Rundfunk „Die Weltherrschaft“ - eine Doku über Verschwörungstheorien, die genau das Gegenteil dessen bietet, worüber sie berichtet: Fakten und Hintergründe. Verschwörungstheorien leben ja von nebulösen Behauptungen - ähnlich nebulös ist aber auch oft der Umgang mit ihnen. Jammern hilft nichts, es braucht Recherchen in die Tiefe.

Sich online verschwören

Im Rahmen des transmedialen Projekts „Die Weltherrschaft“ ist ein Onlinebaukasten für Verschwörungstheorien abrufbar, der einen spielerisch-satirischen Zugang zum Thema bietet und das Ziel hat, ihre Methoden, ihren Nutzen und ihre Nutznießer leichter durchschaubar zu machen. Jedem seine Verschwörungstheorie!

Genau solche Nachforschungen hat das Team hinter Regisseur Fritz Ofner angestellt. Anstatt Theorien aus dem Netz zu referieren, wurden einzelne Themen herausgegriffen - etwa der Angriff auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ am 7. Jänner 2015. Zwei maskierte Terroristen, die sich später zur Al-Kaida im Jemen bekannt hatten, waren in die Redaktionsräume eingedrungen, töteten elf Menschen, verletzten mehrere und ermordeten schließlich auf der Flucht noch einen Polizisten, bevor sie selbst zwei Tage später von Sicherheitskräften erschossen wurden.

Demonstranten mit Charlie Hebdo-Karikaturen

Reuters/Fabrizio Bensch

Eine Demonstration als solidarischer Akt mit den Mitarbeitern von „Charlie Hebdo“

„Woher wussten sie das?“

Thierry Leveque, Journalist und Koautor des Buches „Et soudain ils ne riaient plus“ (auf Deutsch: „Und plötzlich lachten sie nicht mehr“), erklärt, worauf sich Verschwörungstheoretiker sofort gestürzt hatten: „Woher wussten sie, dass die Redaktion genau um 11.00 Uhr dort versammelt ist? Ein Ausweis sei im schwarzen Citroen gefunden worden. Seltsam! Wie damals, als der Pass eines der Terroristen in den Straßen von Manhattan gefunden wurde.“

Punkt eins: Zweifel säen und fehlende - oder vermeintlich fehlende - Informationen monieren. Dann kommt als Punkt zwei die Verschwörung selbst, wie Rudy Reichstadt, Gründer von Conspiracy Watch, erklärt: „Besonders auffällig war, dass schon wenige Stunden nach dem Attentat eine konspirative Umdeutung stattfand, quasi in Echtzeit, ein pawlowscher Reflex, um zu erklären, dass die Ereignisse in Wirklichkeit ganz anders abgelaufen seien.“

Die angeblichen Motive

Und wie? Reichstadt sagt, dass behauptet worden sei, dass es sich um kein Dschihadistenattentat handelte, sondern dass Israel und die USA dahintersteckten und „unsere eigenen Geheimdienste“ darüber Lügen verbreiteten. Verschiedene Motive wurden unterstellt: „Um Francois Hollandes Ansehen in den Umfragen zu steigern, um freiheitsraubende Gesetze in Frankreich zu verabschieden, um eine autoritäre Diktatur in Frankreich einzurichten, aber auch um den Kampf der Kulturen zu verschärfen, um einen Teil der Bevölkerung zu stigmatisieren, nämlich die Muslime.“


Französische Polizei

Reuters/Christian Hartmann

Das Attentat erschütterte im Jänner 2015 Frankreich

Die Geister der Verschwörung vertreiben

Die Reaktion der Politik nährte dann den Verdacht, dass es sich um eine „false flag“, also um einen inszenierten Anschlag zum Zwecke des „entschlossenen Handelns“ als Reaktion handelte, wie Bertrand Badie, Politikwissenschaftler des Institut d’etudes politiques (IEP) Paris, sagt: „Die französische Regierung war sofort versucht, dieses Ereignis, das sehr komplexe Gründe und Ziele hatte, als Rechtfertigung zu nutzen für eine Verstärkung der militärischen Interventionen Frankreichs gegen das, was als harter Kern gilt, also gegen die Ausgangsbasis der sogenannten islamistischen Terrorbewegungen. Die Reaktionen vor allem der Regierung trugen der Komplexität nicht wirklich Rechnung. Im Gegenteil, es wurde vereinfacht.“

Man habe, so Badie, einen Feind benannt und dazu aufgerufen, ihn zu zerstören: „Ich würde sogar sagen, dass automatisch Verschwörungstheorien entstehen, wenn die Erklärungen fehlen. Wenn sie jemandem einen Sachverhalt präzise erläutern, sollten sich die Dinge aufklären. Es ist diese Unfähigkeit, der Öffentlichkeit zu erklären, was geschah und welches Unglück sie erlebte. Tragödien kann man genauso erklären wie positive und günstige Ereignisse. Und wenn man eine Tragödie erklärt, vertreibt man die Geister der Verschwörung.“

Was der Verschwörer sagt

Einer, der die Geister der Verschwörung beschwört, anstatt sie zu vertreiben, ist Jacob Cohen, Autor des Buches „Frühling der Sayanim: Die Helfer des Mossad auf der ganzen Welt“. Der freundliche, intelligent wirkende ältere Herr überrascht mit seinen Überzeugungen. Für ihn sind neun von zehn Anschlägen von den Geheimdiensten manipuliert: „Es ist schon erstaunlich: Jedes Mal, wenn solche Attentate geschehen, findet man heraus, dass die Täter den Geheimdiensten bekannt waren. So fragt man sich doch, warum man sie nicht daran gehindert hat. Ich glaube, dass dieses System zu allem fähig ist. Wer 9/11 schafft, ist zu allem fähig und kann auch den Staat im Staat aufrechterhalten.“

Feuerwehr und Polizei vor dem Charlie Hebdo Hauptquartier

Reuters/Philippe Wojazer

Bereits direkt nach dem Anschlag entstanden die ersten Verschwörungstheorien

Der „dark state“, das seien all jene, die den Staat tatsächlich regieren, die hinter den Politikern die Fäden ziehen: „Die haben ein grundlegendes Interesse daran, dieses oligarchische System aufrechtzuerhalten. Menschen so zu manipulieren, dass sie Anschläge verüben, ist für sie kein Problem.“ Dann kommt der zentrale, typische Satz für Verschwörungstheoretiker - der zeigt, dass wenig Inhalt in ihren Theorien steckt:

„Ich kann nicht genau sagen, warum und so weiter, aber ich denke, dass bei ‚Charlie Hebdo‘ wie bei anderen Attentaten und Anschlägen in Frankreich und anderswo die Geheimdienste viele Dinge wussten, viel manipulierten, weil es ihnen gut in den Kram passte. Darum ging es. Notstandsgesetze zu schaffen und zu verabschieden, die Gesellschaft zu kontrollieren und Angst zu schüren, nicht darum, über die eigentlichen Probleme zu sprechen.“

Gefangen im eigenen Gedankenuniversum

Reichstadt von Conspiracy Watch nennt die Argumentation von Cohen ein Beispiel für eine verschwörerische Umdeutung des Attentats auf „Charlie Hebdo“ mit dem Begriff „false flag“, also „verdeckte Operation“. Seit 9/11 werden alle Terroranschläge als „false flag“ umgedeutet - was zur Folge hat, dass kein weiterer Anschlag anders gedeutet werden kann. Weil, natürlich: Wenn morgen Verschwörer ein Attentat für echt erklären, stürzt alles ein, das gesamte verschwörerische Narrativ, das sie so sorgfältig konstruiert haben.

Reichstadt: „Damit sind sie in ihrer eigenen verschwörerischen Vision eingemauert und gefangen. Sie können da de facto nicht mehr heraus - trotz der Häufung der Anschläge in Frankreich und Europa in den vergangenen Jahren.“ Mehrere Autoren haben versucht, Merkmale zu definieren, die man in allen Verschwörungstheorien findet. Da ist, erzählt Reichstadt, zunächst einmal die Vorstellung, dass nichts zufällig geschieht. Die Vorstellung, dass alles von Anfang an auf eine verborgene und geheime Weise miteinander verbunden ist.

Die Vorstellung, dass die Realität und die Wahrheit hinter einer Fassade verborgen sind und man sich nicht mit dem bloßen Schein zufriedengeben darf. Auch die Vorstellung, dass hinter allem, was geschieht, eine Absicht steckt, organisiert von Leuten, die davon profitieren. Und dann gibt es da die Vorstellung, dass alles, was offiziell ist, grundsätzlich eine Lüge ist, erklärt Reichstadt.

„Dein Glaube - ihr Kapital“

Im Grunde scheint die Welt immer am Abgrund zu stehen. Es hat jeder etwas davon, heißt es in der Doku: die Verleger, die Politiker, die Lobbyisten und die Experten, die dann bereitwillig die Welt erklären. „Dein Zweifel, dein Glaube - ihr Kapital.“ Verschwörungstheorien und „Fake News“ sind zwei Seiten derselben Medaille. Beide werden hergestellt, um unsere Vorurteile zu bestätigen und noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Sie nehmen unsere inneren Ängste und erklären sie zur äußeren Realität.

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