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Verunsicherung und Ärger bei Anrainern

Viele Bewohner haben mit Verärgerung auf die plötzliche Evakuierung von Hunderten Wohnungen in London reagiert. In den betroffenen Hochhäusern wurden nach dem verheerenden Brand in der vergangenen Woche gravierende Sicherheitsmängel festgestellt. 83 Menschen wehrten sich gegen die kurzfristig angekündigte Räumung.

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Die in der Nacht auf Samstag angelaufene Räumung von mehreren Hochhäusern wurde von der Stadtregierung angeordnet, weil sie ähnliche Sicherheitsmängel aufweisen wie der Grenfell Tower. Bei dessen Brand in der Vorwoche kamen mindestens 79 Menschen ums Leben. Nach neuesten Angaben sind rund 650 Wohnungen von der Räumung betroffen, ein ursprünglich als gefährdet eingestuftes Gebäude wurde am Samstag letztlich doch nicht evakuiert.

Bewohner verlassen ihr Wohnhaus in London

Reuters/Hannah Mckay

Die Räumung der Gebäude begann noch in der Nacht, nicht alle Bewohner verließen ihre Häuser

Mehr als 80 Personen weigerten sich jedoch, die Wohnhäuser im Stadtteil Camden zu verlassen, berichteten die Behörden. Es herrschte großer Ärger und auch Verunsicherung über die Handhabung der Evakuierung. Eine Lehrerin, die in einem der Häuser wohnte, gab gegenüber Medien an, dass bis zum späten Nachmittag davon die Rede war, dass es für die Bewohner sicher sei, zu bleiben.

Keine Klarheit über Sicherheit der Häuser

„Ich weiß nicht, was ich machen soll, ich bin so verunsichert. Die Nachrichten haben gesagt ‚Verlasse dein Haus auf der Stelle‘, aber die Behörden sagten weiter ‚Bleib hier‘“, so die Betroffene. Am Abend musste sie dann doch plötzlich ihre Wohnung verlassen. Ein weiterer Bewohner kritisierte gegenüber der BBC die Entscheidung als völlige „Überreaktion“, zwei Feuer in der Vergangenheit sollen leicht löschbar gewesen sein.

Ein Mitglied der Stadtverwaltung betonte, dass man „kein Risiko für die Bewohner eingehen“ möchte, Sicherheit gehe vor. „Wir wollten ursprünglich Feuerwehren um die Häuser stationieren, um die Sicherheit für einige Tage zu gewährleisten, doch es war klar, dass die Sicherheit selbst für eine Nacht nicht gegeben ist“, so die Labour-Politikerin Georgia Gould.

Verkleidung nicht alleine ausschlaggebend

Ausschlaggebend für die angeordnete Evakuierung war unter anderem eine Verkleidung an den Mauern, wie es am späten Freitagabend hieß. Bis die notwendigen Sanierungsarbeiten abgeschlossen sind und die Bewohner wieder in ihre Wohnungen zurückkönnen, dürften bis zu vier Wochen vergehen.

Geöffnete Verkleidung des Bray Towers

APA/AFP/Niklas Halle'n

Fassadenverkleidung als Risiko

Neben der Verkleidung an den Mauern gebe es Bedenken wegen der Isolierung an den Erdgasleitungen, hieß es weiter. Die Bewohner wurden aufgerufen, sich wegen einer Wohnmöglichkeit an Verwandte oder Freunde zu wenden, andernfalls wurden Hotelzimmer zur Verfügung gestellt, berichtete der „Guardian“ am Samstag. Londons Bürgermeister Sadiq Khan schrieb auf Facebook von einer „Vorsichtsmaßnahme“ und bezeichnete die Räumung als den besten Weg, um die Bewohner zu schützen. Eine „Reihe bestimmter Umstände“ mache das in diesem Fall notwendig.

Weitere Evakuierungen möglich

Am Samstag gab die Regierung bekannt, dass an bereits insgesamt 27 Hochhäusern in London die leicht entflammbare Außenverkleidung gefunden wurde. Die britische Premierministerin Theresa May hatte zuletzt angekündigt, dass täglich etwa 100 Hochhäuser überprüft werden. Der Stadtteil Camden war der erste von insgesamt 15 möglicherweise betroffenen Gebieten, der eine Evakuierung von Häusern anordnete.

Kühlschrank löste Inferno in Grenfell Tower aus

Bei der Brandkatastrophe im Grenfell Tower am 14. Juni waren mindestens 79 Menschen ums Leben gekommen. Nach Erkenntnissen der Brandermittler hatte ein defekter Kühlschrank die Feuerkatastrophe ausgelöst.

Blick in eine abgebrannte Wohnung im Grenfell-Tower in London

AP/Metropolitan Police

Im Inneren des Grenfell Tower

Weiteren Berichten zufolge hatte die brennbare Gebäudeverkleidung erheblich zur schnellen Ausbreitung des Feuers beigetragen. Das Hochhaus war erst vor Kurzem renoviert worden. Die Behörden untersuchen mögliche allgemeine Sicherheitsverstöße und Verstöße gegen den Brandschutz, berichtete die Polizei am Freitag. Brandstiftung schließt Scotland Yard mittlerweile aus.

Tatsächliche Opferzahl immer noch unklar

Unklar ist weiterhin, wie viele Menschen sich zum Zeitpunkt des Brandes tatsächlich im Grenfell Tower befunden hatten. Die gefundenen Leichen seien inzwischen aus dem Gebäude gebracht worden, heißt es von den Behörden. Die Ermittler befürchten jedoch, dass sich weitere Menschen in dem Haus aufgehalten haben könnten, über die nichts bekannt sei. Britischen Medienberichten zufolge sollen möglicherweise zahlreiche Menschen illegal in dem Hochhaus gelebt haben.

Grenfell-Tower in Flammen

APA/AFP/Natalie Oxford

Das Feuer breitete sich rasant aus

Am Mittwoch hatte sich die britische Premierministerin zum ersten Mal öffentlich für die unzureichende Hilfe nach der Brandkatastrophe in London entschuldigt. Verantwortliche hätten zu spät darauf reagiert. Der Chef der oppositionellen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, sprach vor den Abgeordneten von einem „Verbrechen“. Jeder einzelne Todesfall in dem Hochhaus hätte vermieden werden können.

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