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Chancengleichheit nur ein Mythos?

Jedes dritte Kind ihrer Klasse könne dem Unterricht wenig bis gar nicht folgen, erzählt eine Wiener Volksschullehrerin. Sie kritisiert im Interview mit ORF.at fehlende Unterstützung. Trotz der schwierigen Situation ist die Lehrerin, die aus beruflichen Gründen anonym bleiben möchte, die meiste Zeit alleine mit 25 Kindern.

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Nur für fünf Stunden in der Woche wird sie von einer Begleitlehrerin unterstützt. Fällt diese aus, kommt kein Ersatz: „Uns wird gesagt, es gibt niemanden, der vertreten kann, wir haben zu wenige Leute.“ Auch Förderkurse würden häufig ausfallen.

Ein Drittel in Risikogruppe

Theoretisch sollten jedem Kind im Volksschulalter noch alle Chancen offenstehen. Doch die Klassenlehrerin der 3c kann nicht im Alleingang alle Benachteiligungen ausgleichen, mit denen die Kinder bereits eingeschult werden. Für zumindest ein Viertel der Kinder ihrer Klasse sieht sie den weiteren Weg jetzt schon vorgezeichnet: Sie werden den Bildungsaufstieg nicht schaffen.

Ist die 3c eine Ausnahme? Nicht, wenn man sich den letzten, vom Bildungsministerium beauftragten Nationalen Bildungsbericht ansieht. Darin heißt es: „Ein Drittel der Volksschulkinder gehört zu mindestens einer der drei sozialen Gruppen mit erhöhtem Risiko, Bildungspotenziale nicht zu realisieren: nicht-deutsche Alltagssprache, bildungsferner Haushalt und/oder niedriger Berufsstatus der Eltern.“

„Es gibt viel zu wenig Unterstützung“

Um den Kreislauf zu durchbrechen, ist vielfältige Unterstützung notwendig: Begleitlehrer, Förderkurse und oft auch die Hilfe von Psychologinnen und Sozialarbeitern. Diese Hilfe kommt laut der Lehrerin allerdings kaum im Klassenzimmer an: „Es gibt viel zu wenig Unterstützung.“ So würde es etwa an Plätzen im Sprachförderkurs für Deutsch fehlen. Laut Schulorganisationsgesetz soll jedes außerordentlich eingestuftes Kind die Möglichkeit haben, an einem Sprachförderkurs teilzunehmen.

In der 3c gibt es mehrere Kinder, die als außerordentlich eingestuft sind, aber „nur die, die gar kein Deutsch verstehen, dürfen in den Förderkurs, weil wir so viele Kinder haben, die kaum Deutsch sprechen“. Zwei Kinder der 3c, die erst im letzten Schuljahr nach Österreich kamen, mussten daher in diesem Jahr ihre Plätze im Förderkurs an zwei neue Mitschüler abtreten.

„Endlich ,Brennpunktschule‘“

Gerade für geflüchtete Kinder wurden im Herbst 2015 zahlreiche Maßnahmen angekündigt. So sei die Zusammenarbeit mit Schulpsychologen, Schulsozialarbeitern und Dolmetscherinnen erforderlich, heißt es in der vom Bildungsministerium herausgegebenen Broschüre „Flüchtlingskinder und -jugendliche an österreichischen Schulen“. Die Begründung lautet: Von den Lehrkräften alleine könne nicht erwartet werden, alle Probleme „adäquat zu bearbeiten“.

Doch in der 3c wartete man fast eineinhalb Jahre auf Hilfe. „Ich habe ein Flüchtlingskind, das stark traumatisiert ist“, erzählt die Lehrerin. Sie sei Sturm gelaufen und habe immer wieder gemeldet, dass das Kind eine Behandlung brauche und dass auch sie selbst Hilfe benötige.

Erst vor wenigen Wochen sei ein Sozialarbeiter geschickt worden, weil „wir jetzt endlich als ,Brennpunktschule‘ eingestuft worden sind“. Dieser sei nun zwei Stunden in der Woche an der Schule, in dieser Zeit allerdings für alle Klassen zuständig. „Er schaut sich das Kind jetzt aber einmal in der Woche an und hat versprochen, dass da irgendwas passiert.“

Stadtschulrat: Mehr Sozialarbeiter „wünschenswert“

Im Wiener Stadtschulrat betont man auf Nachfrage von ORF.at, dass Wien als einziges Bundesland gleich zu Beginn der „Flüchtlingsbewegung“ dafür gesorgt habe, „dass Kinder mit Fluchterfahrung sofort beschult und sofort in Sprachförderkurse eingeteilt werden“. Der daraus resultierende Lernfortschritt in Deutsch sei „signifikant und ob der großen Herausforderung ein großer Erfolg“.

Doppelbesetzungen seien in Volksschulen eher selten, so der Stadtschulrat. Daher sei es „in sehr seltenen Fällen“ möglich, dass bei Krankenständen Förderangebote vorübergehend entfallen. Mehr Sozialarbeiter wären „freilich wünschenswert“, heißt es zudem – die vorhandenen Schulsozialarbeiter bestmöglich aufzuteilen, gelinge aber im Regelfall gut.

Der Chancenindex

Schulfinanzierung auf Basis eines Chancenindex wird in unterschiedlichen Varianten seit geraumer Zeit diskutiert. Anhand einer Formel, die soziale Merkmale berücksichtigt, sollen Ressourcen wie Budget und Personal dabei in unterschiedlichem Ausmaß an die Schulen verteilt werden. Teilweise sind solche Maßnahmen bereits umgesetzt.

In Bezug auf die Situation an Schulen „mit erhöhten sozialen Herausforderungen“ prüfe man an jedem Standort die Möglichkeiten, um konkrete Fortschritte zu erzielen. Grenzen gibt es laut Stadtschulrat aber in den gesetzlichen Rahmenbedingungen und durch die vom Bund vorgegebenen Stellenplanrichtlinien und Ressourcenzuteilungen. Der Stadtschulrat für Wien setze sich daher „massiv“ für einen Chancenindex ein, der österreichweit gelten soll und die Zuteilung von Lehrerressourcen stärker von den tatsächlichen, auch sozial bedingten Voraussetzungen abhängig machen soll.

„Ein paar Stunden Schule reichen nicht“

Zu jenen Kindern, um deren Zukunft sich die Lehrerin besonders sorgt, zählen die im Herbst 2015 in die Klasse gekommenen Flüchtlingskinder allerdings gar nicht so sehr. Sie nehmen mittlerweile großteils gut am Unterricht teil. Ihre wirklichen Sorgenkinder sind in Österreich geboren – „alle aus türkischen Familien“ – und machen etwa ein Viertel der 3c aus. Sie können der Unterrichtssprache kaum folgen.

Wie das bei einem Volksschulkind, das seit seiner Geburt in Österreich lebt, passieren kann, erklärt die Lehrerin so: „Bis zum verpflichtenden Kindergartenjahr kommen sie mit Deutsch kaum in Kontakt, und den Kindergarten besuchen viele dann sehr unregelmäßig oder nur für zwei oder drei Stunden am Tag. Ein paar Stunden Schule am Vormittag reichen nicht aus, um eine Sprache zu lernen.“

Deutschkenntnisse sind nicht alles

Meist kommen bei diesen Kindern alle drei Risikofaktoren zusammen: nicht-deutsche Alltagssprache, bildungsferner Haushalt und niedriger Berufsstatus der Eltern. Denn dass Deutschkenntnisse nicht alles sind, sieht die Lehrerin beispielsweise an den syrischen Kindern der Klasse, die mittlerweile großteils gut am Unterricht teilnehmen.

Viele Kinder sind durch Dinge benachteiligt, die nichts mit Deutschkenntnissen oder mit dem Herkunftsland zu tun haben: „Ich sehe viele Kinder, die nicht mit einer Schere schneiden können, die nicht kleben können.“ Viele hätten noch nie ein Gesellschaftsspiel gespielt. Von vielen wisse sie zudem, dass die Eltern kaum etwas mit ihnen unternehmen und nur wenig nach draußen gehen: „Ich habe Kinder in der Klasse, die haben noch nie eine Schnecke gesehen.“

„Die Mama ist nicht aufgestanden“

Manche würden zudem oft tagelang unentschuldigt fehlen. Fragt die Lehrerin bei ihrer Rückkehr, was denn los gewesen sei, sagen die Kinder: „Die Mama ist nicht aufgestanden“ oder „Die Mama wollte nicht“. Es sind Situationen wie diese, die die Lehrerin daran zweifeln lassen, dass jedes Kind ihrer Klasse die gleichen Chancen hat.

Und die sie am Bildungssystem zweifeln lassen: Die meisten Politiker und Bildungsexperten wüssten kaum etwas über die Realität an den Schulen. Man bewege sich in seinem eigenen sozialen Umfeld und könne sich gar nicht vorstellen, wie es in manchen Familien aussieht: „In meiner Klasse gibt es sehr viele Kinder, die kein einziges Buch zu Hause haben. Deren Eltern nicht lesen. Das ist keine Ausnahme, das ist die Realität.“

Zeitaufwand geht auf Kosten aller Kinder

Als größte Herausforderung bezeichnet die Lehrerin der 3c, den Spagat zwischen allen Kindern zu machen. Denn um allen gerecht zu werden, müsse sie den Unterricht stark an jedes einzelne Kind anpassen und gleichzeitig „alles so herunterschrauben, dass es selbst die schwächsten Schüler verstehen“. Ein Zeitaufwand, der zwangsläufig auf Kosten aller Kinder geht.

„Die guten Schüler und die, die auch von zu Hause gefördert werden, bleiben auf der Strecke“, sagt die Lehrerin. Deren Eltern rät sie schweren Herzens zum Wechsel in eine Privatschule, „weil für diese Kinder wesentlich mehr möglich wäre“, als sie selbst ihnen unter den gegebenen Umständen bieten kann.

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