„Das größte Publikum, das es je gab“
Das ohnehin schon angespannte Verhältnis des frisch gekürten US-Präsidenten Donald Trump zu den Medien hat sich am Samstag weiter verschlechtert. Just am selben Tag, als weltweit geschätzte 2,5 Millionen Menschen gegen Trump auf die Straße gingen, warf sein Sprecher den Medien eine falsche Berichterstattung hinsichtlich der Zuschauerzahl bei der Vereidigung Trumps als Präsident vor.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Trump äußerte diese Anschuldigung zunächst bei einem Besuch im CIA-Hauptquartier und löste damit bereits Stirnrunzeln aus. Danach schickte er seinen Sprecher Sean Spicer am Samstagabend in den Pressekonferenzraum des Weißen Hauses. Die Presse habe den Eindruck erwecken wollen, dass deutlich weniger Menschen zur Amtseinführung in Washington gekommen seien, als dies der Fall gewesen sei, sagte Spicer.
„Das war das größte Publikum, das je bei einer Vereidigung dabei war. Punkt.“ Spicer kritisierte insbesondere, dass Fotos auf dem Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet worden seien, die große leere Flächen auf dem Parkstreifen vor dem Kapitol zeigten, wo Trump am Freitag den Amtseid ablegte.
„Werden die Medien zur Rechenschaft ziehen“
In den Medien werde viel darüber geredet, dass es eine Pflicht gebe, Trump zur Rechenschaft zu ziehen. „Ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass das für beide Seiten gilt. Wir werden die Medien ebenso zur Rechenschaft ziehen.“ Spicer ließ keine Fragen der Journalisten zu.

Reuters/Lucas Jackson, Stelios Varias
20. Jänner 2017 versus 20. Jänner 2009, 12.00 Uhr: ein Bild vom Publikumsandrang bei Trumps Amtseinführung neben einer Aufnahme von den Zuschauern bei der Vereidigung seines Vorgängers Barack Obama
Hintergrund des Disputs sind anscheinend zum Teil in einem Tweet verbreitete Fotos, die den Publikumsandrang bei der Vereidigung Trumps und der seines Vorgängers Barack Obama vor acht Jahren zeigen - mit einer Fläche, die im Fall Obama dicht bevölkert, bei Trump dagegen fast menschenleer ist. Das Foto sei absichtlich in einem bestimmten Ausschnitt aufgenommen worden, um die „enorme“ für Trump am Freitag gezeigte Begeisterung zu „minimieren“, sagte Spice. Derartige Versuche seien „beschämend“ und „falsch“.
Zahlen liegen nur bedingt vor
Nach Behördenschätzungen kamen vor acht Jahren 1,8 Millionen Zuschauer, so viele wie noch nie. Zu den Teilnehmerzahlen in diesem Jahr lägen keine Zahlen vor, sagte Spicer. Der für 720.000 Menschen vorgesehene Platz sei aber voll gewesen, als Trump seinen Eid abgelegt habe.
Laut Statistiken der Washingtoner Verkehrsbetriebe nutzten 2017 eine Stunde, bevor der Amtseid abgenommen wurde, allerdings deutlich weniger Menschen die U-Bahn als 2009: Während dieses Jahr um 11.00 Uhr 193.000 Fahrgäste in die Bahnen der Hauptstadt strömten, waren es 2009 zur gleichen Uhrzeit 513.000. Am Samstag zum Zeitpunkt des „Marschs der Frauen“ seien es um 11.00 Uhr 275.000 Fahrgäste gewesen.
„Kein Pressesprecher, sondern Propagandaminister“
Auf Twitter lösten die Aussagen Spicers vielfach empörte Reaktionen aus. Er mache sich lächerlich und sei kein Pressesprecher, sondern ein Propagandaminister, monierten Nutzer. Spicer äußerte sich, nachdem am Samstag die Teilnehmerzahl am „Marsch der Frauen“ gegen Trump sämtliche Erwartungen übertroffen hatten. Rund eine halbe Million nahm daran in Washington teil. Der Verkehr im Herzen der US-Hauptstadt war fast den ganzen Tag über lahmgelegt.

APA/AFP/Andrew Caballero-Reynolds
„Marsch der Frauen“ mit vielen Männern
Neben der Massenkundgebung gegen Trump in Washington gab es „Schwesternmärsche“ in mehreren hundert Städten der USA und im Ausland - von London über Paris bis nach Mexiko-Stadt und Sydney in Australien. Auch in Wien versammelten sich laut Polizei rund 2.500 Menschen vor der Karlskirche und zogen zum Platz der Menschenrechte vor dem MuseumsQuartier. Weltweit waren es Schätzungen zufolge 2,5 Millionen Demonstranten. Offiziell bestätigt wurden die Zahlen aber zunächst nicht.
Zahlreiche Prominente dabei
Die Proteste richteten sich unter anderem gegen Frauenfeindlichkeit, Gewalt, Rassismus, Homophobie und religiöse Intoleranz. Die Demonstrationen waren schon seit Längerem geplant gewesen, aber Trumps unversöhnliche, düster-aggressive Antrittsrede im Stil seines Wahlkampfs mobilisierte anscheinend die Menschen zusätzlich. Vielerorts wurden die Erwartungen der Veranstalter bei Weitem übertroffen, so in Washington, wo zunächst mit 200.000 Demonstranten gerechnet worden war.
Prominente wie die Schauspielerinnen Emma Watson, Ashley Judd und Scarlett Johansson sowie die Sängerinnen Madonna und Alicia Keys feuerten hier die Menge an. Madonna trat vor den Demonstranten auf die Bühne und hielt eine Rede, in der sie heftig über den neuen Präsidenten herzog. Madonna rief die Frauen auf, ihre Weigerung deutlich zu machen, „dieses neue Zeitalter der Tyrannei zu akzeptieren“. Alle Minderheiten im Land seien „in Gefahr“, warnte Madonna.

Reuters/Shannon Stapleton
Madonna will eine „Revolution der Liebe“
Große Demonstrationen mit schätzungsweise mehr als 100.000 Teilnehmern gab es auch in New York, Chicago, Boston, Denver und Seattle. In Los Angeles waren es nach Polizeiangaben sogar 500.000 Teilnehmer, unter ihnen waren auch Jane Fonda, Miley Cyrus und Marcia Gay Harden. Bis zum Abend blieben die Demonstrationen zumeist friedlich, es gab lediglich Berichte über kleinere Ausschreitungen.
Streit mit CIA „Erfindung der Medien“
Trump selbst hatte den Samstag mit einer Andacht in der National Cathedral begonnen. Am Nachmittag dankte er den Mitarbeitern der Geheimdienste bei einem Besuch im CIA-Hauptquartier in Langely (Virginia) für ihre Arbeit und versicherte: „Ich stehe tausendprozentig hinter euch.“ Es war ein offensichtlicher Versuch der Versöhnung, nachdem er sich in den vergangenen Wochen wiederholt mit der Geheimdienstgemeinde angelegt hatte.
Bei seinem Besuch in Langley behauptete Trump auch, seine Auseinandersetzung mit den Geheimdiensten sei eine Erfindung der Medien. Diese hätten den Eindruck erweckt, er habe eine „laufende Fehde“ mit den Geheimdiensten. Dabei sei „genau das Gegenteil der Fall“. Journalisten gehörten zu „den unehrlichsten Menschen auf der Erde“, sagte er weiter.
Links: