Themenüberblick

Weniger Stromverbrauch, bessere Qualität

Auch wenn die Temperaturen derzeit für Erleichterung in den Skigebieten sorgen - die mangelnde Schneesicherheit auch auf den heimischen Pisten ist ein jährlich wiederkehrendes Thema. Die Lösung lautet oft Kunstschnee. Damit dieser nicht allzu stark auf Kosten der Umwelt geht, arbeiten Forscher an schonenden Beschneiungssystemen.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Rund 70 Prozent der 23.700 österreichischen Pistenhektar sind laut Fachverband der Österreichischen Seilbahnen bereits technisch beschneibar. Im vergangenen Jahr wurden 154 Millionen Euro in das erzeugte „weiße Gold“ investiert. Im Moment sind viele der heimischen Skipisten bestens schneeversorgt, die Behörden warnen vielerorts auch vor Lawinengefahr.

Dennoch scheint die Beschneiung nötig: Vor allem in tieferen Lagen ist der Schnee in den letzten Jahrzehnten weniger geworden, so die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG).

Wasserdruck statt Kompressor

Doch die Erzeugung von Kunstschnee hat schädliche Folgen für die Umwelt, ist teuer und sehr stromintensiv. Bei Plusgraden ist er zudem oft nicht herstellbar. Um den Schnee aus der Kanone ressourcenschonender zu machen, arbeiten etwa Schweizer Forscher an neuen Beschneiungssystemen. Das Team um Hansueli Rhyner vom Institut Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos entwickelte in den letzten Jahren eine Anlage, die fast ohne Strom auskommt.

Das System nutzt anstelle eines elektrischen Kompressors den natürlichen Wasserdruck zum Versprühen. So könne man bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt mehr Schnee mit besserer Qualität erzeugen. Bis zu 80 Prozent des Energieverbrauchs können nach Angaben des SLF eingespart werden - etwa indem Wasser aus einem höher gelegenen Stausee genutzt wird.

Genaue Analyse der Schneedicke

Die Skigebiete wollen aber auch das Wasser selbst sparen. „Für einen Kubikmeter Schnee braucht man einen halben Kubikmeter Wasser - dieses Verhältnis ist nicht veränderbar“, so Rhyner laut der Schweizerischen Depeschenagentur (sda). Sparen lasse sich daher nur durch zielgerichtete Beschneiung.

Diese kann durch modernste Pistenfahrzeuge erfolgen. Viele sind mit einem GPS-System ausgestattet, das ihnen erlaubt, an jedem Standort die Schneedicke in Echtzeit zu bestimmen. Das gelingt durch Abgleich mit GPS-Daten vor dem ersten Schneefall. Die Skigebietsbetreiber wissen daher genau, wo sie mit Schneekanonen nachhelfen müssen - auch in Österreich wird die Methode längst angewandt.

Das Wasser bleibe dem natürlichen Kreislauf erhalten, auch wenn es als Schnee erst verzögert wieder in den Boden gelange. Problematisch bleibe aber nach wie vor, dass für die Beschneiungsanlagen Leitungen verlegt werden müssen. Dafür müssen tiefe Schneisen gegraben werden.

„Patent des Jahres“ für künstliche Wolke

Fortschritte bei der Schneeerzeugung gab es zuletzt auch in Wien: Im November 2016 ging sogar das „Patent des Jahres“ an ein Erfinderteam der Technischen Universität und der Universität für Bodenkultur. Die Forscher ließen „auf Knopfdruck Pulverschnee aus einer künstlichen Wolke rieseln“, erklärte damals Patentamtspräsidentin Mariana Karepova. Das neue Verfahren verbrauche dabei wesentlich weniger Wasser und Energie als herkömmliche Schneekanonen.

Auch bei 15 Grad plus

Auch andere Initiativen arbeiten an umweltfreundlicherer Beschneiung. So entwickelten zwei italienische Ingenieure bereits 2015 ihre Schneemaschine „Neve Perenne“ („beständiger Schnee“). Auch hier spielt hoher Wasserdruck eine Rolle: Er produziert ein Vakuum, das Wasser in eine Art Schneematsch verwandelt. Draußen an der Luft wird dieses zu Schneeflocken, sogar bei Temperaturen bis zu 15 Grad plus - so die Herstellerangaben.

„Es gibt zwei wesentliche Unterschiede zwischen unserer Maschine und einer Schneekanone“, so der Erfinder Francesco Besana gegenüber Euronews. „Erstens braucht sie nur ein Zehntel des Stroms. Zweitens kann unsere Maschine eine konstante Menge Schnee produzieren, egal, wie die Temperaturen sind.“ Im November 2016 stellte die italienische Firma zwei Millionen Euro an Finanzierungsmitteln auf - die flächendeckende Umsetzung dürfte also noch auf sich warten lassen.

Propeller und Lanze derzeit im Einsatz

Die zwei wesentlichen Schneeerzeugungstypen auf traditionellen Skipisten sind die Propellerkanone sowie die Schneelanze, so Martin Eppacher, Geschäftsführer von Technoalpin Austria, einem der weltweit größten Anbieter von Beschneiungslösungen, im Gespräch mit der APA. Propellerkanonen kommen schon seit 1961 zum Einsatz. Ein Propeller erzeugt einen Luftstrom, in den mit Druckluft fein zerstäubtes Wasser gespritzt wird. Die Tropfen verdunsten und kühlen ab, am Gefrierpunkt werden sie zu Schneekristallen. Durch den Propeller werden sie über die Piste verteilt. Die Maschine ist mobil und daher beliebt, aber sehr laut.

Eine andere Möglichkeit sind Schneelanzen, die fest an der Piste installiert sind. Wasser und zusammengepresste Luft werden von oben ausgeblasen, die Luft dehnt sich aus und kühlt ab. Die Wassertropfen werden zu Schnee und fallen herab. Die Druckluft wird aber über einen Kompressor hergestellt, wofür viel Strom aufgewendet wird.

Schneelanze

ORF.at/Christian Öser

Schneelanze im Einsatz: Sie kostet zwischen 8.000 und 12.000 Euro. Propellerkanonen liegen bei bis zu 40.000 Euro

Kritik von Umweltschützern

Zusatzstoffe wie etwa Bakterien, die den Gefrierpunkt beeinflussen, sind dabei verboten. Für diese herkömmlichen Beschneiungsanlagen braucht man jedoch viel Strom und Wasser. In Österreich kommt das Wasser aus insgesamt 420 Speicherbecken. Der größte liegt in Sölden und hat eine Wasseroberfläche von dreieinhalb Hektar.

Dazu kommt, dass die technische Beschneiung Einfluss auf die Pflanzenwelt im Sommer hat. Künstlich erzeugter Schnee bleibt wegen seiner hohen Dichte länger liegen. Die Pisten sind im Sommer daher oft braun statt grün. Umweltschützer sagen, es entstünden tote Landstriche rund um die Pistenflächen.

Wirtschaftsfaktor Skizirkus

Die Touristiker führen hingegen gern an, wie bedeutsam weiße Pisten für Branche und Wirtschaft seien. „Würde allein die Zeit um Weihnachten und Silvester aufgrund Schneemangels ausfallen, hätte dies für die Tourismusbranche in Österreich ein Minus von rund 900 Mio. Euro zur Folge“, so der Zillertaler Hotelier und Seilbahner Franz Hörl.

Hoteliers und Seilbahner verweisen hingegen gern auf die ohnehin schon verbesserten Umweltbedingungen. So stammten 85 Prozent der verwendeten Energie aus erneuerbaren Quellen, gibt der Fachverband der Seilbahnen an. Zudem sei die Natur das Vorbild für die Anlagen: „Wasser und Luft - sonst nichts“ sei im technisch erzeugten Schnee - der Ausdruck „Kunstschnee“ wird abgelehnt, da er „oft fälschlicherweise die Assoziation zu Chemikalien“ auslöse. Die Beschneiung nehme auch niemandem Wasser weg, das Schmelzwasser laufe wieder in den natürlichen Kreislauf zurück.

Links: