Schicksal Zehntausender völlig unklar
Im Zuge der am Donnerstag gestarteten Evakuierung Ostaleppos sollen laut türkischen Angaben fast 8.000 Menschen aus der Stadt gebracht worden sein. Sie verließen das Gebiet in mehreren Buskonvois. Die Fahrzeuge steuerten die Provinz Idlib an, hieß es. Wo genau die Menschen dort untergebracht werden und was mit ihnen geschieht, ist unklar.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Das Areal werde von Rebellen gehalten, die von der Türkei unterstützt werden, heißt es etwa. Das syrische Regime sprach von einem „sicheren Ort“ unter Kontrolle der Rebellengruppe Freie Syrische Armee (FSA). Aussagen des UNO-Sondergesandten für Syrien, Staffan de Mistura, geben jedoch Anlass zur Sorge - zumindest was die Aussichten für die Stadt Idlib betrifft: Gäbe es dort nicht bald eine Waffenruhe, werde die Stadt „das nächste Aleppo“.
50.000 warten noch
Seinen Schätzungen zufolge gibt es bis zu 50.000 weitere Menschen, die das ehemalige Rebellengebiet verlassen wollen. Auch betonte De Mistura, dass die UNO über viel zu wenige Beobachter in der Gegend verfüge, um die Evakuierung zu beobachten und zu bewerten. US-Außenminister John Kerry erklärte unterdessen, dass er gehört habe, dass Konvois mit Verletzten möglicherweise von Soldaten der syrischen Armee oder deren Alliierten beschossen worden sein sollen.
Die Evakuierungsmission könnte nach Ansicht von Helfern noch Tage dauern. Bis zum späten Donnerstagabend seien etwa 3.000 Zivilisten und einige Verletzte aus der Stadt herausgebracht worden, sagte die Leiterin der Mission des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Marianne Gasser. Trotz Dunkelheit sei die Mission zunächst weitergelaufen, die Busse seien erneut in die Rebellengebiete aufgebrochen. Bevor die ersten Menschen herausgebracht werden konnten, habe es Schüsse gegeben, so Gasser.
Zwei Konvois verließen Stadtteil
Laut Angaben mehrerer Seiten haben allein bis Donnerstagabend zwei Konvois Ostaleppo verlassen. Türkischen Angaben vom Donnerstag zufolge wurden so über 2.300 Menschen aus den Rebellengebieten gebracht. Der Arzt Ahmed al-Dbis bestätigte am Abend die Ankunft von Krankenwagen und Bussen an einem Transitposten nahe dem von Aufständischen kontrollierten Gebiet Chan al-Assal westlich von Aleppo.

APA/AFP/Karam Al-Masri
Kinder, Frauen und Verwundete haben laut syrischen Angaben Vorrang
Arzt: „Verletzte in Feldkrankenhäuser gebracht“
„Der Konvoi kommt an, die Verletzten werden aus den Rettungswagen in Feldkrankenhäuser gebracht, und die Zivilisten verlassen die Busse“, sagte Dbis der Nachrichtenagentur AFP. Auch die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in Großbritannien bestätigte die Ankunft.
Zuvor hatte bereits das staatliche syrische Fernsehen berichtet, ein zweiter Konvoi sei unterwegs. In einer Meldung hieß es, „Bewaffnete und ihre Familien“ würden die Stadt in 15 Bussen verlassen. Auf Bildern waren blinkende Lichter in der Dunkelheit zu sehen, als der Konvoi durch das von der Regierung kontrollierte Viertel Ramussa fuhr. Mit dem ersten Konvoi waren zuvor vor allem verletzte Zivilisten und ihre Angehörigen aus Ostaleppo weggebracht worden.

Reuters/Russisches Verteidigungsministerium
Ein Drohnenbild zeigt laut russischen Angaben einen Buskonvoi in Aleppo
Die aus der Stadt herausgebrachten Menschen würden nach russischen Angaben unversehrt bleiben, so UNO-Vertreter Jan Egeland am Donnerstag in Genf. Sollte die Aktion gelingen, wäre es der bisher wichtigste Sieg für den syrischen Staatschef Baschar al-Assad. Russland unterstützt seine Truppen seit eineinhalb Jahren mit Luftangriffen. Laut einem türkischen Beamten soll die Evakuierung in zwei, drei Tagen abgeschlossen werden. Mehr als 108.000 Zivilisten seien nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums seit August in sichere Bezirke von Aleppo geflüchtet, meldete die russische Nachrichtenagentur RIA.
Dieses Element ist nicht mehr verfügbar
Evakuierung läuft
Busse und Krankenwagen fahren in das komplett zerstörte Gebiet. Zuallererst werden Verletzte abgeholt.
Russland: Aleppo frei von Rebellen
Die syrischen Rebellen sind nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums aus ganz Aleppo verdrängt worden. Über 3.000 Rebellen hätten den Ostteil verlassen, berichtete die russische Nachrichtenagentur TASS am Donnerstag. Präsident Assad erklärte die Stadt für „befreit“. Mit der „Befreiung“ hätten die Regierungstruppen „Geschichte geschrieben“, sagte er in einem am Donnerstag im Internet veröffentlichten Video.

APA/AP/SANA
Ruinen in der einstigen Millionenmetropole
Raketenbeschuss?
Allerdings gibt es auch Berichte über gewaltsame Zwischenfälle: Der staatliche syrische TV-Sender al-Ichbarija berichtete, Rebellen hätten ein von Regierungstruppen gehaltenes Stadtviertel mit Raketenbeschuss belegt. Der Sender berief sich auf einen Reporter in der Stadt. Reuters konnte die Darstellung aus eigenen Quellen nicht verifizieren.

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA/liveuamap.com
„Als Erstes werden die Verwundeten, die Kranken und dann die Aktivisten und Journalisten abtransportiert“, sagte Fares al-Schahabi, ein Abgeordneter des syrischen Parlaments. Anschließend würden die „Terroristen“ folgen. Mit diesem Begriff bezeichnet das Regime alle Aufständischen. Der Politiker sagte weiter, die Aufständischen würden in die Provinz Idlib gebracht.
Erdogan: „Schande für die Menschheit“
Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan warf der syrischen Regierung erneut vor, Hilfe für die eingeschlossenen Menschen sabotieren zu wollen. „Das Regime und ihre Unterstützer versuchen, die Umsetzung des Waffenstillstands und die Evakuierung zu verhindern“, sagte Erdogan am Donnerstagabend in Ankara. „Dass sich im 21. Jahrhundert so eine Tragödie ereignet, ist eine Schande für die Menschheit.“
Erdogan fügte hinzu: „Die Massaker, die Brutalitäten und die Gräuel in Aleppo finden vor den Augen der ganzen Welt statt.“ In seinen Bemühungen um eine Lösung habe er mit US-Präsident Barack Obama, mit Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und mehrfach mit Russlands Präsident Wladimir Putin gesprochen.
Links: