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Verharmlosung und Verfälschung

Die menschliche Katastrophe, die mit der endgültigen Eroberung Aleppos durch die Truppen des syrischen Regimes der internationalen Gemeinschaft in diesen Tagen nochmals deutlich vor Augen geführt wird, führt in Sozialen Netzwerken seit Tagen zu zahlreichen Reaktionen. Besonders oft wird die Tragödie von Aleppo mit dem Massaker in Srebrenica verglichen.

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Auch Journalisten und Politiker fühlten sich teils an Srebrenica erinnert. Der konservative britische Abgeordnete Andrew Mitchell verglich in einer Parlamentsdebatte vor zwei Tagen die Situation in Aleppo mit Srebrenica.

Mehr als 8.000 ermordet

Dieser Vergleich ist allerdings in mehrfacher Hinsicht falsch und - egal, aus welchem Blickwinkel man es betrachtet - verharmlosend. Das Massaker in Srebrenica, bei dem 1995 mehr als 8.000 bosnische Muslime, darunter viele Kinder und Frauen, von bosnischen Serben ermordet wurden, ist einerseits das größte Massaker in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das Außergewöhnliche an diesem Massaker ist andererseits das totale Versagen der in unmittelbarer Nähe stationierten UNO-Friedenstruppen. Diese schauten dem Morden der Truppen von General Ratko Mladic tatenlos zu, weil sich die internationale Staatengemeinschaft nicht zu einem Eingreifen entschließen konnte.

Keine UNO-Friedenstruppen

In Aleppo dagegen gibt es keine UNO-Friedenstruppen. Auch ist, anders als in Srebrenica, die Lage viel komplexer: Die Zivilbevölkerung ist - so wie in jedem Krieg - ungeteilt das Opfer von Gewalt, aber in Aleppo ging seit Jahren die Gewalt von mehreren Seiten aus. Die Stadt war jahrelang zwischen Rebellen und Regimetruppen geteilt. Und „die Rebellen“ ist de facto eine vereinfachende Bezeichnung, da es sich um eine Vielzahl völlig unterschiedlicher, teils konkurrierender und einander bekämpfender Gruppen handelt.

Diese undurchsichtige Lage war - neben einer Reihe anderer Gründe - wohl auch ausschlaggebend dafür, dass sich die USA und der Westen nie stärker in den syrischen Bürgerkrieg einmischten, anders als etwa im Irak und in Libyen, wo zumindest die Ausgangslage klarer war.

Andere Dimension

Umgekehrt ist Aleppo - anders als die Kleinstadt Srebrenica in Bosnien - die zweitwichtigste Stadt Syriens: Die wichtigste Wirtschaftsmetropole des Landes wurde weitgehend zerstört und in der Entwicklung um Jahrzehnte zurückgebombt. Unklar ist bisher, wie viele Menschen in Aleppo in den jahrelangen Kämpfen ums Leben kamen.

Solidaritätsdemo in Sarajevo

Proteste gegen das anhaltende Morden und Solidaritätsdemos für die syrische Zivilbevölkerung waren und sind im Westen Mangelware. Trotz all der Unterschiede fühlen besonders die Bosnier mit den Menschen in Aleppo: Mittwochabend nahmen in Sarajevo, jener Stadt, die im Jugoslawien-Krieg jahrelang belagert wurde, rund tausend Menschen an einer Demonstration teil.

Vertreter der islamischen, katholischen, orthodoxen und jüdischen Gemeinde sprachen von einer „moralischen Verantwortung“, das internationale Versagen öffentlich anzuprangern. „Wir in Sarajevo müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um dem syrischen Volk zu zeigen, dass wir es verstehen, und an die Menschlichkeit zu appellieren und die Stimme gegen den Krieg zu erheben“, so der Leiter der kleinen jüdischen Gemeinde, Eli Tauber.

Teilnehmer an der Demonstration erinnerten sich an ihr eigenes Leiden. „Ich wurde während des Kriegs in Sarajevo geboren - in einem Spital, das zu dem Zeitpunkt unter Beschuss stand“, sagte die 22-jährige Studentin Smirna Kulenovic. Sie müsse gegen das Blutvergießen in Syrien aufstehen, so Kulenovic.

„Kollektives Versagen“

Aleppo wird - trotz aller Unterschiede zu Srebrenica - als Versagen der internationalen Staatengemeinschaft in die Geschichte eingehen. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon selbst sprach am Mittwoch von einem „kollektiven Versagen“ der Vereinten Nationen.

„Die Geschichte wird uns nicht leicht freisprechen“, sagt Ban in seinen letzten Tagen als Generalsekretär. „Wir alle haben die Menschen in Syrien bisher kollektiv hängen lassen.“ Es sei nicht gelungen, die „grauenhaften Gewalttaten in Syrien“ zu verhindern. Das werde „mit Blick auf das Ansehen der Vereinten Nationen und ihrer Mitgliedsstaaten eine schwere Last bleiben“, so Ban, der damit dieselben Worte verwendete wie bereits bei seiner Rede vor der UNO-Vollversammlung im September 2013.

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