„Kriegerin, Spirituelle, Jammertante“
Am Mittwoch feiert Marina Abramovic ihren 70. Geburtstag. Die in Belgrad geborene Künstlerin gehört bereits seit mehr als vier Jahrzehnten zu den Größen der Performanceszene. Anlässlich ihres Geburtstags legte Abramovic eine Autobiografie vor, in der sie über ihre Kindheit, ihr Privatleben und die Hintergründe ihrer Kunst berichtet.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Venedig Biennale, 1997: Vier Tage lang, sieben Stunden am Tag ,saß sie auf einem Berg aus 2.000 blutigen Rinderknochen, schrubbte die Knochen sauber und sang dazu jugoslawische Volkslieder. Im Raum roch es bestialisch, die Fleisch- und Knorpelreste hatten in der schwülheißen Sommerluft zu verwesen begonnen: „Die Ausstellungsbesucher, die hereinkamen, waren angewidert von dem Gestank, zugleich aber hypnotisiert von dem Schauspiel“, so Abramovic später.
„Ich tue es einfach“
„Balkan Baroque“ hieß diese Performance, für die Abramovic schließlich mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Es ging ihr um die Gräuel der Jugoslawien-Kriege, die „Essenz des Balkan-Wahnsinns“, „ein entsetzliches Gemetzel und eine zutiefst verstörende Geschichte“.

AP/Mary Altaffer
In ihrer MoMA-Retrospektive 2010 zeigte Abramovic eine cleane Variation von „Balkan Baroque“: mit gesäuberten Knochen, ohne ihre Anwesenheit
Dass ihre Kunst radikal, schonungslos und voller Körpereinsatz ist, war zu diesem Zeitpunkt nichts Neues mehr. Seit Beginn ihrer Karriere fühlte sich Abramovic, wie sie in ihrer kürzlich erschienenen Autobiografie „Durch die Mauern gehen“ schildert, von Extremen angezogen: „Wenn es darum geht, etwas Riskantes zu tun, denke ich nicht nach. Ich tue es einfach.“
Die drei Gesichter der Abramovic
Abramovic startete ihre Karriere im Alter von 26 Jahren beim Edinburgh Festival 1973: Mit scharfen Messern stach sie sich, angelehnt an ein auch in Jugoslawien praktiziertes Spiel, unter hoher Geschwindigkeit zwischen die gespreizten Finger – Verletzungen waren eingeplant. Zurück blieben blutiges Packpapier und für Abramovic selbst ein bisher ungekannter Zustand: „Ich war wie besoffen von der überwältigenden Energie, die ich aufgenommen hatte. In dem Augenblick wusste ich, dass ich mein Medium gefunden hatte.“

APA/AP/Invision/Evan Agostini
Marina Abramovic
Es gebe drei Marinas, schreibt sie in ihrer Autobiografie: „Da ist die Kriegerin. Da ist die Spirituelle. Und da ist die Jammertante.“ Die Jammertante, „die arme, kleine Marina, die glaubt, dass sie alles falsch macht, die Marina, die sich fett, hässlich und ungeliebt fühlt“, habe sie bisher zu verbergen gesucht. In ihrer Autobiografie haben nun alle drei ihren Auftritt.
„Schmerzen kann ich aushalten“
1946 in Belgrad geboren, wuchs Abramovic als Kind jugoslawischer Partisanen in privilegierten Verhältnissen auf, wurde zur Kunst und Literatur erzogen. Das Zuhause offenbarte sich ihr aber auch als Gefängnis, geprägt von Ordnung und Disziplin – Schläge standen an der Tagesordnung.
„Schmerzen kann ich aushalten“, diesen Leitsatz ihrer „kriegsheldenhaften“ Mutter machte sich Abramovic später zu eigen. Sie ging in ihren Performances an die Grenze des Erträglichen: In einem brennenden Holzgebilde in Form eines Sterns verlor sie aus Sauerstoffmangel das Bewusstsein, bei einer anderen Performance verblutete sie fast. „In der Kunst geht es um Leben und Tod. Das klingt melodramatisch, stimmt aber“, so Abramovic.
Wiener Aktionismus – nicht ihr „Ding“
Abramovic kam schon früh in Kontakt mit bekannten Künstlern der Zeit, lernte 1972 Joseph Beuys kennen, war mit Laurie Anderson und Susan Sontag befreundet, machte 1975 bei einer Performance von Hermann Nitsch mit („es war nicht mein Ding“). Sie pendelte zwischen Amsterdam, New York und Belgrad, macht eine eigene Akademie auf und unterrichtet Lady Gaga ihre Abramovic-Methode: mit Übungen wie vier Tage nichts essen und sprechen und einem dreistündigen Spaziergang in Zeitlupentempo.
1975 lernte Abramovic den deutschen Künstler Ulay – im bürgerlichen Namen Frank Uwe Laysiepen – kennen, der zu ihrem Lebens- und Arbeitspartner wurde und mehr als ein Jahrzehnt ihr Leben prägte. Der Körper war fortan ein gemeinsames Thema. 1976 zeigten die beiden etwa auf der Venedig-Biennale „Relation in Space“. Aus 20 Meter Entfernung rannten sie gegeneinander an, ließen ihre nackten Körper aufeinanderprallen: „Als es vorbei war, waren wir völlig euphorisch“ – und übersät mit blauen Flecken.
Abschied auf der Chinesischen Mauer
Mit Ulay entdeckte Abramovic schließlich für sie bis dato fremde Welten, Mystik und Natur. Die beiden fuhren zu den Aborigines nach Australien, nach Indien, luden Mönche als Performer ein und planten acht Jahre lang ihre spektakuläre Langzeitperformance auf der Chinesischen Mauer: Nach einem bürokratischen Hürdenlauf erhielten Ulay und Abramovic schließlich 1988 die Erlaubnis, 2.500 Kilometer aufeinander zuzugehen, um einander in der Mitte zu treffen.
Buchhinweis
Marina Abramovic: Durch Mauern gehen. Luchterhand, 480 Seiten, 28,80 Euro.
Die geplante Hochzeit auf der Mauer („Die Idee war großartig. Sie war bestechend. Und unglaublich romantisch.“) fand nicht mehr statt, Ulays Affären, Abramovics künstlerische Strahlkraft und ihr fehlender Kinderwunsch führten zu unüberbrückbaren Differenzen - die Performance wurde zur Abschiedszeremonie.
„Eine Menge Liebe“ für den Kraftakt
Als unabhängige Künstlerin hob Abramovics Karriere schließlich ab und erreichte 2010 mit der Retrospektive „The Artist is Present“ im New Yorker MoMA einen bisherigen Höhepunkt. Die Künstlerin lud da zum minimalistischen Performancekraftakt – über drei Monate saß sie sieben Stunden am Tag im Museum, ohne Unterbrechung: ohne Toilettenpausen, ohne Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme, ohne Bewegung, ohne zu sprechen; ihr gegenüber ein freier Sessel, auf dem Besucher Platz nehmen konnten.

AP/Mary Altaffer
„The Artist is Present“: Intensive Begegnungen mit der Künstlerin
Schon im Morgengrauen stand das Publikum vor dem Museum Schlange, 850.000 Menschen kamen insgesamt, viele weinten. „Die schiere Menge an Liebe, die bedingungslose Liebe zu spüren, die Wildfremde mir schenkten, war das unfassbarste Gefühl, das ich je hatte.“
Paula Pfoser, für ORF.at
Links: