Vom Underground zum Massenphänomen
Im Jahr 1991 wurde Grunge als Musikrichtung zum Leben erweckt, von wo aus er sich seinen Weg in die Modewelt gebahnt hat. Ohne es zu wollen, machte Nirvana-Frontman Kurt Cobain dörfliches Alltagsgewand laufstegtauglich. Den Look und die Attitüde Cobains modisch auf den Punkt zu bringen scheint sich seit Marc Jacobs jedoch bis heute als unmögliches Unterfangen zu erweisen.
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Eine seltsame Geschichte grassiert um Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“, den Song der „Nevermind“-Platte, der 1991 den ersten und einzigen Grunge-Hype auslöste. Der Legende nach soll Kathleen Hanna - eine Freundin Cobains und Leadsängerin der Punkband Bikini Kill - mit einer Spraydose „Kurt smells like teen spirit“ („Kurt riecht nach Teen Spirit“) an die Wand seines Schlafzimmers geschrieben haben. Während Cobain eine tiefere Bedeutung hinter diesem Satz vermutete, bezog sich Hanna lediglich auf ein Billigdeodorant namens „Teen Spirit“.
„Johannisbeerkaugummi, Alkohol, Badreiniger“
Wie die „Berliner Zeitung“ später schrieb, rieche „Teen Spirit“ „nach einer Mischung aus Johannisbeerkaugummi, Alkohol und Badreiniger“. Cobain fühlte sich dennoch geschmeichelt und als Anführer einer neuen Jugendbewegung charakterisiert. Wie in jeder Subkultur waren auch die Grunge-Anhänger ideologisch geprägt. Die Lyrics hinter der Musik, die sich irgendwo zwischen Punkrock und Heavy Metal bewegt, kritisieren soziale Isolation, Sexismus, Rassismus und Gewalt. An oberster Stelle des Grunge-Weltbildes stand die Verweigerung von Kommerzialisierung.
Renaissance des Flanellhemdes
Das spiegelte sich auch im äußeren Erscheinungsbild der „Grunger“ wider. Cobains gedankenloser Griff in den Kasten und seine Unlust, sich die Haare zu waschen, wurden schnell idealisiert. Mit Leichtigkeit konnte sein Stil von seinen Fans nachgeahmt werden, denn er bestand meistens aus einer zerrissenen Jeans, T-Shirt, offenem Flanellhemd und übergroßer Opa-Strickweste.
Alles billig in „thrift shops“ (Secondhandgeschäften) zu haben. Außerdem ein praktisches Schichtensystem, das besonders in einer Stadt wie Seattle - in der die jährliche Durchschnittstemperatur 15 Grad beträgt – gut warm hält.
Widerspruch zur protzigen 80er-Ästhetik
Eine Begründung für Cobains Garderobe als modisches Phänomen erläuterte die „Vogue“ 2014 damit, dass sich der Sänger sowohl weiblicher als auch männlicher Kleidung bediente und im krassen Widerspruch zur protzigen Ästhetik des 80er Jahre stand. Sein raues Aussehen habe er mit blumigen Kleidern abgeschwächt und dadurch den Anstoß für eine neue Form des Androgynen gegeben. Es war keine Anti-Mode wie jene des Punk, sondern wurde oftmals als „Nichtmode“ bezeichnet.
Trotz Cobains Teilnahmslosigkeit gegenüber seinem Äußeren wurden Flanellhemden bald als neue Mode verkauft. Ein schmuddeliges und verdrecktes (deutsche Synonyme für „grunge“) Provinzoutfit, das in Seattle Alltag war, hatte nun Stil und definierte den „Mir egal“-Grunge-Look. Ungeachtet der Ablehnung all dessen, was Mainstream war, wurde Grunge aufgrund des enormen Medientrubels um Nirvana und Pearl Jam sowohl in der Musik als auch in der Mode für kurze Zeit zum Massenphänomen – und schaffte es erstmals auf den Laufsteg.
„Guru des Grunge“
Am 3. November 1992 stellte Jacobs für Perry Ellis seine Frühjahrs- und Sommerkollektion 1993 vor. Secondhand-Flanellshirts verwandelten sich in karierte Seidenhemden, aus Holzfäller-Thermowäsche wurde Kaschmir, und Cobains berühmter Großmutterfummel mit Blumenmuster wurde in fließende Chiffonkleider überführt. Die zierlichen Füße der damaligen Supermodels Christy Turlington, Naomi Campbell und Kate Moss trugen schwere Doc Martens oder sportliche Converse.
Und was meinten Cobain und seine damalige Ehefrau Courtney Love dazu? In einem Interview mit dem Modemagazin „WWD“ gab Love 2010 zu, dass sie die Kollektion, die ihnen Jacobs damals zusandte, „verbrannten“ – mit dem Zusatz: „Wir waren Punker und mochten so etwas nicht.“ Obwohl sich seine Interpretation des Grunge nur eine Saison lang hielt und Jacobs den Job kostete, wird er heute noch als „Guru des Grunge“ bezeichnet. Neben Jacobs versuchten sich in diesem Jahr auch Anna Sui und Christian Francis Roth am Holzfällerlook – erregten damit jedoch deutlich weniger Aufsehen.
Mit „Heroin Chic“ untergegangen
Der verlängerte Arm des Grunge ließ nicht lange auf sich warten und wurde mit Moss als „Heroin Chic“ populär. Blasse, kränklich aussehende Haut, tiefe Augenringe und ein dramatischer Lippenstift waren eine weitere nihilistische Antwort auf Karl Lagerfelds Muse Claudia Schiffer, die seit Anfang der 90er Jahre die Titelseiten aller bekannten Modemagazine zierte.
Damit schliefen die Versuche auch wieder ein, den Nirvana-Look in jedermanns Kasten zu bringen. Trotzdem hat Cobains unfreiwilliges, modisches Vermächtnis bis heute Kultfaktor und ist zu einer bekannten Begrifflichkeit in der Modewelt geworden - ohne je wieder einen richtigen Hype ausgelöst zu haben. Denn alles, was nach Jacobs Grunge-Elemente enthielt – etwa Hedi Slimane für Saint Laurent – hinterließ keinen bleibenden Eindruck.
Bieber als Nirvana-Fan
Laut dem „Guardian“ haben heuer die Rapper ASAP Rocky, Kanye West und auch Rihanna den Grunge neu erfunden und ihn mit einer Prise Streetwear, Indie und Rock hochwertig gemacht. Sogar Teenieschwarm Justin Bieber bekannte seine Liebe zur Band und wuschelte sich vor den American Music Awards im November 2015 ein wenig durch die Haare und schlüpfte in ein Nirvana-Shirt (das ihn 1.500 Dollar kostete).

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Justin Bieber als bekennender Nirvana-Fan
Aber lediglich Cobain und Love meisterten den Grunge-Look, denn sie trugen ihn aus Not und mit einer „Never-mind“-Attitüde. Das dürfte ganz im Sinne der beiden gewesen sein. Denn was die Designer seitdem als Grunge zu verkaufen versuchten, sah einfach nie so aus, wie „Teen Spirit“ gerochen haben soll.
Yasmin Szaraniec, für ORF.at
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